Kendrick Lamar Good Kid, m.A.A.d City

Guter Junge, guter Rapper

Text:

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Kendrick Lamar 
Good Kid, m.A.A.d City
Aftermath / Interscope / Universal Music

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Kendrick Lamar Duckworth, geboren 1987, aufgewachsen in South Central Los Angeles, ist der neue HipHop-Messias. In den USA zumindest wurde er zum Retter einer Kunstform auserkoren, die seit Jahren händeringend nach einer neuen Lichtgestalt sucht. Lamar verbindet die Musikalität und Emotionalität, die von Drake und Kanye West im Mainstream der letzten Jahre verankert wurde, mit einer sehr traditionellen Rapper-Persona, die ihren Ruhm in erster Linie auf Skills gründet. Er ist kein ehrgeiziger Akademikersohn, sondern ein Kind des Ghettos, ein wütendes Produkt von Gangkultur, erstickten Black-Power-Träumen und von Drogen und Alkohol zerrütteten Familien. Er hat die Technik von Eminem, das Charisma von Tupac, die Aggressivität von Biggie, die Intelligenz von Jay-Z und die Tiefe von Nas. Er ist das, was die Rapwelt gesucht hat, wenn mal wieder nach dem »kompletten MC« gerufen wurde.

   Kendrick Lamar erschien 2009 auf dem Radar, als er sein altes Rap-Alias K-Dot ablegte und fortan seine bürgerlichen Vornamen verwendete. Auf eine wohlwollend rezipierte selbstbetitelte EP folgte das Mixtape Overly Dedicated, das den vorläufigen Durchbruch bedeutete und dem jungen Lamar einen Deal bei Produzentenlegende Dr. Dre und seinem Label Aftermath einbrachte. Er schrieb zusammen mit Dre an dessen Detox-Album und veröffentlichte das digitale Indie-Album Section.80, das den Hype um ihn ins Unermessliche steigerte.

   Auf dem Debütalbum, einer nicht ganz chronologisch erzählten Konzeptplatte über seine Jugend im mythischen Stadtteil Compton, nimmt er eine interessante Erzählperspektive ein. Es ist nicht diejenige von N.W.A., die selbst mordend und brandschatzend durch ihr heimatliches Viertel zu ziehen vorgaben, sondern diejenige, die Ice Cube nach seiner Trennung von der Band auf Soloalben wie Death Certificate vertrat: die eines guten Kindes, dessen Schicksal es war, in einer verrückten Stadt aufzuwachsen.

Man könnte meinen, Good Kid, m.A.A.d City müsse ein schweres Album sein. Es beinhaltet Kriegsberichte von der Ghetto-Front, Aufarbeitungen traumatischer Kindheitserlebnisse, Schilderungen von Gang- und Polizeigewalt und Tod. Doch wir folgen dem Protagonisten gerne durch diesen kathartischen Stoff, weil er ihn mit einer faszinierenden Leichtigkeit erzählt. Zudem ist nichts an dieser Platte künstlich oder überzeichnet. In den Skits hören wir Lamars leibliche Eltern, wie sie sich in breitestem Westcoast-Slang über ein Dominospiel streiten, oder seine Großmutter beim sonntäglichen Kirchgebet mit den Neffen. Die Produzenten – egal ob Pharrell Williams, Just Blaze oder Lamars Freunde von Top Dawg Entertainment – stehen nie im Mittelpunkt, sondern liefern einfach still und zuverlässig ihre beste Musik ab. Natürlich gibt es zeitgeistige Beats aus der 808 mit tiefen Subbässen und hypnotischen Synthie-Flächen (»Backseat Freestyle«, »Swimming Pools«) , aber auch düsteren Uptempo-TripHop (»The Art Of Peer Pressure«), einen filmischen Neptunes-Soundtrack (»Good Kid«) oder einen an The Roots erinnernden Blues aus Rimshots, Klavier und Gitarre (»Sing About Me, I’m Dying Of Thirst«). Diese musikalische Vielfalt braucht es, um der Vielschichtigkeit des Stoffes und seiner Figuren gerecht zu werden.

Doch Lamar ist nicht nur ein versierter Geschichtenerzähler mit gutem Musikgeschmack. Er ist einer der brillantesten Rapper unserer Zeit. Er experimentiert spielerisch mit verschiedenen Stimmlagen, Intonationen und Geschwindigkeiten. Dieser »short film«, so der Untertitel des Albums, lebt natürlich auch von der Leistung des erfahrenen Produzenten Dr. Dre, noch mehr jedoch von der seines Regisseurs. Lamar hat während der Aufnahmen selbst großen Einfluss auf die Produktion genommen, hat Beats gepickt und wieder verworfen, sich Loops aus bestimmten Passagen anderer Kompositionen anfertigen lassen, hat so verschiedene Gäste und Vokalisten wie Anna Wise von der Indietronic-Truppe Sonnymoon und Gangsta-Rap-Legende MC Eiht geschickt orchestriert. Dass Lamar selbst Flirts mit dem Pop-Mainstream nicht gänzlich abgeneigt ist, zeigt sein Song mit Lady Gaga, der es zwar nicht auf das Album geschafft hat, aber dennoch beweist, dass wir es nicht mit einem festgefahrenen Traditionalisten zu tun haben, sondern mit einem jungen HipHop-Visionär.

Good Kid, m.A.A.d City hat alles, was die großen Genreklassiker hatten und immer haben werden, von Illmatic bis Aquemini, von Me Against The World bis Reasonable Doubt, von Only Built 4 Cuban Linx bis The Miseducation Of Lauryn Hill. Wer jemals einen Funken Liebe für gute Rapmusik übrig hatte, darf dieses außergewöhnliche Werk nicht verschlafen.

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