LCD Soundsystem Shut Up And Play The Hits

(C) Neue Visionen
(C) Neue Visionen
Shut Up & And Play The Hits

USA 2012
Regie — Will Lovelace und Dylan Southern
Mit James Murphy, Keith Wood, Al Doyle, Nancy Whang, Pat Mahoney u. a.

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Madison Square Garden: ein New Yorker Heiligtum. Hendrix, die Stones, Madonna – alle spielten sie hier. Led Zeppelin verkauften die riesige Waschtrommel 1977 gleich sechs Tage in Folge aus. Auch James Murphy und seinem LCD Soundsystem gelang das, wenn auch nur einmal: 20.000 Menschen, die größte Band der Welt, zumindest für einen Abend, der allerdings – Schönheitsfehler – zugleich auch ihr letzter war.

   Die Dokumentation Shut Up And Play The Hits begleitet Murphy rund um die Vorbereitungen und Nachwehen sowie während des vierstündigen Abschiedskonzerts. »To leave a mark«, antwortet Murphy im Interview so schlicht wie anspruchsvoll, vom um theoretisch-psychologische Erschließung bemühten Journalisten Chuck Klosterman nach der Ambition hinter LCD Soundsystem befragt. Spätestens mit dieser Konzertklimax wurde das Ziel erreicht.

   Noch vor dem ersten Song wacht Murphy am Morgen danach auf, allein mit seiner französischen Bulldogge und einem pausenlos brummenden Handy, allerhand Pynchon sauber sortiert im Bücherregal. Leicht benommen macht er Frühstück. Dann der Blick in den Spiegel, auf den Hals. Lautes Fluchen. Knutschfleck! Schnitt. Das Jubeln der Tausenden. »Dance Yrself Clean« mit einer von positiver Anspannung erfüllten Band. Soweit so klischeehaft.

   Die Filmemacher Dylan Southern und Will Lovelace rearrangieren die Dramaturgie des Abends, um die Geschichte der Band – vorrangig anhand des Klosterman-Interviews – zu erzählen. Man erfährt, dass der junge Murphy ein altkluger, belesener Punk war, der Lou Reed sein wollte und erkennen musste, dass man eben nicht einfach Lou Reed sein kann. Augenblicke später wirft sich der nicht mehr so junge Murphy mit weißen Sneakers zum schwarzen Anzug in »Movement«, jene astreine Punknummer seines Debüts.

   Einerseits macht ihn seine Zurückgenommenheit – »Ich habe damals eine Platte aufgenommen, keine Band gegründet« – sympathisch, andererseits trägt sie reichlich zur weiteren Entmystifizierung einer Szene bei, die zuletzt beispielsweise über den Krankenversicherungsstatus von Grizzly Bear diskutierte. Warum gerade jetzt aufhören? Bloß wegen all der grauen (Bart-)Haare, die das Touren dem 1970 Geborenen beschert hatte, den ersten Anzeichen einer körperlichen Abnutzung? Also doch kein Knutschfleck?

   Kinderkriegen, Kaffeekochen, das solle jetzt anstehen, heißt es. Mit Nick Cave oder David Bowie, die hier zwischendurch als mystische Helden angeführt werden, hat dieses wohlüberlegte Popstarfrührentnertum herzlich wenig zu tun. Und doch besitzt der vermeintliche Biedermann Murphy ein Faszinosum: Er hat die wave of cool von Strokes & Co durchbrochen. »Dieser Typ in dieser coolen Band sah so aus wie ich«, erinnert sich Klosterman, ein rothaariger Vollbartnormalo, in einem späteren Interview zum Film. Dazu läuft »Losing My Edge«, jene Rückversicherungshymne für eine ganze Generation von Proto-Hipstern, deren Wissensvorsprung das Internet schlagartig pulverisierte und denen Murphy vor zehn Jahren vorsorglich die Initiative zurückgab.

   Damit die Botschaft auch jetzt noch wirklich ankommt, läuft in den Untertiteln der Songtext mit. Dass hier, abgesehen von ein paar Tränen im Knopfloch von Murphys Jackett, letztendlich doch kein Platz für Romantik bleibt, ist ein großes Geschenk. Der Film lässt die Musik in klaren Bildern für sich sprechen. Und das schafft er sogar ohne einen Hit wie »Daft Punk Is Playing At My House«.

   Zum heutigen Kinostart (6. Dezember) verlost SPEX noch 10×2 Verleihgutscheine. Teilnahme ausschließlich via E-mail mit dem Betreff »James« (gewinnen_at_spex.de). Teilnahmeschluss ist Freitag, der 7. Dezember, 10 Uhr. Es entscheidet das Los, die Gutscheine werden noch am selben Tag verschickt. Eine Übersicht aller zeigenden Kinos findet sich hier.

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