Stephan Urbach

Text von Torsten Groß
am 20. November 2012

Stephan Urbach (Foto — Christian Werner)
Stephan Urbach — unterwegs in Kiez und Netz
Foto — Christian Werner

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Als Stephan Urbach, 31, das Berliner Abgeordnetenhaus verlässt, sieht er aus wie einer, den mein Opa in den 80er-Jahren als »Bombenleger« bezeichnet hätte: Offensichtlich Punk-Rock-sozialisiert, in keiner Weise dem prototypischen Bild eines Politikers entsprechend. Urbach hat für die Piraten das Thema ACTA bearbeitet und sitzt heute als Referent der Partei im Abgeordnetenhaus. Zuvor hat er parallel zur Schule ein Label betrieben, ein Lehramtsstudium begonnen und wieder abgebrochen sowie eine Lehre als Bankkaufmann absolviert. Danach arbeitete Urbach für AOL – die Technologiebegeisterung hat er vom Großvater – und stieß über das Internet auf das Netzwerk Telecomix, woraufhin er seine Laufbahn als Internetaktivist aufnahm.

Stephan Urbach, wie kommt man als Computeraktivist auf die Idee, von Deutschland aus Aktivisten des Arabischen Frühlings zu unterstützen?
STEPHAN URBACH   Zunächst haben wir die Geschehnisse verfolgt wie alle anderen auch. Als der Arabische Frühling mit dem Aufstand in Tunesien begann, haben wir von Telecomix bereits schwerpunktmäßig für freie Netze lobbyiert, das war der erste Schritt. Die damalige Motivation kann man auf die Formel runterbrechen, dass wir den Menschen die Möglichkeit geben wollten, ihre Geschichten zu erzählen. Wenn das in einem System nicht möglich ist, ist dieses System kaputt.

Mit der Aktivistengruppe Telecomix haben Sie damals in Syrien und Ägypten parallele Internetstrukturen aufgebaut, um den Menschen vor Ort die Möglichkeit zu geben, vom Widerstand zu berichten und sich zu organisieren. Wie sind Sie dabei vorgegangen?
Da muss man früher ansetzen. In Tunesien hat die Regierung versucht, das Netz so zu beeinflussen, dass es nicht wahrnehmbar ist, indem gezielt einzelne Seiten abgeschaltet wurden. Allerdings hatte die tunesische Obrigkeit keine guten Techniker, es gab zahlreiche Lücken. (lacht) Und diese Lücken versetzten uns in die Lage, den tunesischen Aufstand live verfolgen zu können. Zum ersten Mal in der Geschichte hatte die europäisch-amerikanische Welt also die Möglichkeit, eine Revolution zu verfolgen, ohne dass Gatekeeper-Medien dazwischen geschaltet waren. Wir haben damals Nachrichten verbreitet, die wir für verbreitenswert hielten, ansonsten aber überwiegend beobachtend gearbeitet. Richtig los ging es erst mit Ägypten, als die Leute begannen, sich auf dem Tahrir-Platz in Kairo zu versammeln – und Mubarak das Internet abgeschaltet hat. Da mussten wir reagieren, und ein paar Stunden später haben wir bereits die ersten Modem-Einwahlserver bereitgestellt und angefangen, Nummern nach Ägypten zu faxen.

Klingt einfach, aber wie geht man da vor, an welche Empfänger haben Sie diese Nummern verschickt?
An öffentliche Einrichtungen. Bibliotheken, Internetcafés und dergleichen. Solche Nummern findet man im Google-Cache. Das hat auch funktioniert.

Inwiefern?
Es gab eine gewaltige Resonanz, die Leitungen waren so zu 80, 85% ausgelastet. Das Beeindruckendste für mich in dieser frühen Phase war, eine E-Mail zu bekommen, in der sich jemand bedankt hat. Durch unsere Organisation konnte er seinen Eltern in England schreiben, dass es ihm gut geht. Das sind die kleinen Geschichten, um die es geht.

Im späteren Verlauf gestaltete sich die Unterstützung deutlich konkreter, oder?
So ist es. Wir haben den Leuten in Ägypten ganz praktische Tipps gegeben: Wie entferne ich Tränengas aus meinem Auge? Wie behandele ich einen Streifschuss, wie einen Durchschuss? Das haben wir ins Arabische übersetzen lassen und da runter geschickt.

Was für Technologien kamen bei ihrer Arbeit konkret zum Einsatz?
Diese Frage kann ich nicht beantworten, darüber redet man nicht.

Das alles klingt nach einem enormen zeitlichen Aufwand …
Klar, das geht nicht in fünf Minuten. Ich habe damals noch auf der Couch eines Freundes in einer WG gewohnt und dort quasi rund um die Uhr nichts anderes gemacht. Wirre Zeiten waren das.

Wie sehr nehmen einen die Schicksale, deren Zeuge man wird, wenn auch »nur« virtuell, emotional mit? Wenn man Leuten Tipps gibt, wie man Schusswunden behandelt, bedeutet das ja: es gibt Streifschüsse und Schlimmeres, Tote und Verletzte.
In Ägypten hielt sich das noch in Grenzen, weil wir ziemlich weit weg waren und keine persönlichen Kontakte aufgebaut hatten, das kam erst später. Das war alles noch ein bisschen so wie Nachrichten konsumieren. Krass wurde es während der Syrien-Operation.

Das syrische Drama lässt sich kaum beschreiben, geschweige denn überblicken …
Allerdings. Und ich wage auch keine Bewertung. Als die Revolution begann, und am Anfang war es noch eine Revolution, haben die Menschen uns kontaktiert und um technische Unterstützung gebeten, die wir natürlich gewährt haben. Darüber haben wir ganz extreme persönliche Bindungen zu Leuten aufgebaut, von denen die meisten jetzt tot sind. Die wurden weggeschossen, weggesprengt, sind in Kanalisationslazaretten verreckt …

Was haben Sie in dieser Zeit gelernt?
Dass die meisten Menschen in diesen Ländern sich einfach nur ein ganz normales Leben wünschen, vor allem die jüngeren. Da ist kein Hass auf das Christentum oder den Westen. Die wollen in Frieden leben, eine Ausbildung machen, dass ihre schwulen oder lesbischen Geschwister heiraten können. Sie wollen nicht an etwas glauben müssen, das ihnen irgendjemand aufoktroyiert hat, egal wer. Jedenfalls haben wir alle viele Menschen verloren dort, und das ist die allerschlimmste Erfahrung, die ich in meinem Leben je gemacht habe.

Wie persönlich waren die Bindungen, die sich durch die Unterstützung ergeben haben? Direkte Begegnungen wird es ja nicht gegeben haben.
Das nicht. Aber ich habe zum Beispiel Muhammad kennengelernt. Ein 21-jähriger Syrer, mit dem ich in regem Kontakt stand. Er lebte in Aleppo, hatte mehrere Geschwister, ein abgeschlossenes Maschinenbaustudium. Irgendwann habe ich ihn gefragt, warum er sich überhaupt im Widerstand engagieren wolle. Seine Antwort: »I just want to be free.« Woraufhin ich ihn fragte, was Freiheit für ihn bedeute. Und Muhammad schrieb, er wolle glauben, sagen und denken können, was er möchte. Das sei sein Antrieb für diese Revolution. Er hatte panische Angst um seine Geschwister, aber er wollte auf die Straße gehen und sich beteiligen. Einige Tage später fragte ich ihn, wie es gelaufen sei, und er schrieb, dass ihn Heckenschützen unter Beschuss genommen hätten. Danach hieß es dann schon, er müsse aufpassen, der Geheimdienst sei hinter ihm her. Dann wurde der sogenannte Tag des Zorns in Syrien von der Obrigkeit unterbunden. Und kurz danach habe ich ein Video von diesem Tag hochgeladen, auf dem zu sehen war, wie Muhammad erschossen wurde. Bis heute hatte ich nicht die Zeit, richtig um ihn zu trauern. (weint) Das Krasseste war, dass er immer geschrieben hat, dass er Deutschland besuchen und uns alle kennenlernen wolle. Er sei eigentlich Autor und wolle nur schreiben, sonst nichts. Der Junge war 21 Jahre alt. Diese Geschichte ist wichtig, damit die Menschen verstehen, was da passiert. Und warum wir diesen Leuten helfen wollten. Weil ihnen sonst keiner hilft.

Nicht zuletzt haben diese Erfahrungen auch bei Ihnen persönlich eine schwere Krise ausgelöst.
Eine sehr schwere Krise, die bis zu einem geplanten Suizid ging …

Was hat Sie davon abgehalten?
In den Anfangswochen und -monaten des syrischen Befreiungskampfes sollte ich einen Vortrag auf dem internationalen Hacker-Meeting Chaos Communication Camp halten. Das ist eine großartige Veranstaltung, die nur alle vier Jahre stattfindet. Und ich wusste, dass ich dort all meine Telecomix-Leute sehen würde und wir endlich die Zeit finden würden, über andere Dinge zu sprechen. Diese Veranstaltung wollte ich unbedingt noch erleben und danach alles hinter mir lassen. Nun gibt es einen prominenten Hacker, der sich nach 15-jährigem Kampf gegen Depressionen umgebracht hat. Seine Witwe ist bei Telecomix, eine großartige Person. Und in diesem Camp haben wir eine Gedenkzeremonie für ihren Mann gemacht, an dem meine ganzen Hacker-Helden beteiligt waren. Natürlich haben wir davor und danach viel miteinander gesprochen, meine Arbeit ist sehr gelobt worden. Plötzlich wurden wir von Telecomix dort als Helden angesehen, was eine ganz, ganz krasse Erfahrung und große Bestätigung war. Kommt ja sonst eher nicht so häufig vor, dass sich Hacker mal im wahren Leben treffen. Und irgendwie wurde mir dadurch klar, dass ich nicht will, dass diese Leute in vier Jahren dort stehen und diesmal um mich trauern.

Dieses Treffen hat Sie also letztlich davon abgehalten, Selbstmord zu begehen?
So ist es. Das war der Grund, es nicht zu tun. Zumal ich in den Gesprächen dort festgestellt habe, dass ganz viele von meinen Hacker-Idolen das gleiche Problem haben.

Was vielleicht nicht nur den extremen Erfahrungen mit Syrien geschuldet ist, sondern auch der generellen Isolation des Hackers?
Eigentlich nicht, ich habe da ja ganz viele soziale Kontakte. Ständig blinken mein IRC und mein Twitter vor sich hin, es gibt viel Interaktion. Das Problem ist eher, dass man sich dauerhaft in Feedbackschleifen befindet. Man bekommt gesagt, dass man einen geilen Job macht, was dazu führt, dass man immer mehr und mehr macht. Und aus diesem Kreislauf bin ich irgendwann nicht mehr rausgekommen. Dazu kam mangelnder Schlaf, aber da hab ich ja drüber gebloggt.

Wie lange ist das alles her, geht es Ihnen inzwischen besser?
Das war 2011, ist also noch nicht besonders lange her. Mir geht es trotzdem viel besser, weil ich mich sehr intensiv mit der ganzen Sache auseinandergesetzt und auch Hilfe in Anspruch genommen habe. Was ich gelernt habe, ist: Wenn ihr ein Problem habt mit eurer Depression, schreit es heraus, sagt es anderen Leuten! Das ist ja typisch für unser Berufsleben, wir müssen immer mehr Leistung bringen, dieser sogenannte Burnout ist ja nichts anderes als eine Depression, die man Burnout nennt, weil es schicker klingt. Dass aber unsere Arbeitswelt völlig am Arsch ist, will keiner sehen. Es ist so viel kaputt in dieser Welt und in diesem Land, man weiß gar nicht, woman anfangen soll. Und ich lerne im Netz, dass es komplett anders gehen kann. Das ist mein politischer Antrieb.

Aber bildet das Netz in seiner Gesamtheit nicht auch nur die reale Welt ab, und sind Darknets oder das Deep Web nicht einfach Nischen, in denen das für Sie so idealtypisch funktioniert?
Durchaus. Jedes Mal, wenn ich bei Facebook bin, denke ich: Ah, so sieht also die andere Welt aus. Ich hab ja keinen Facebook-Account, weil ich diesen Dienst nicht bedienen kann.

Das ist ein Witz, oder?
Nein, mein voller Ernst: Ich kann diesen Dienst nicht bedienen. Diese neue Chronik kriege ich überhaupt nicht auf die Reihe. Die Wall war super, bei der Chronik mit diesen zwei Spalten blickt keiner durch, völlig kaputt. Jedenfalls kann ich den Dienst nicht benutzen, weswegen ich irgendwann mein Profil gelöscht habe. Das ist übrigens gar nicht so schwer, wie immer alle sagen. Das größte Problem bei Facebook erkennen die meisten Leute gar nicht, das sage ich auch immer allen Bands: Man monopolisiert seine eigene Webpräsensz, indem man dem Dienst beitritt. Ich war schockiert, als Nike damals für ein Werbeplakat seinen eigenen Namen hinter Facebook geschrieben hat: facebook.com/nike. Dass ein Gigant wie Nike seine Marke aufgibt – für Facebook! Was die Leute nicht raffen: Das ist kein freier Dienst. Es ist nicht kostenlos, und vor allem hat man nicht die Kontrolle. Heutzutage ist man ja als Domain-Inhaber und Webspace-Besitzer privilegiert. Weil ich entscheide, was auf meiner Webseite drauf ist und was nicht. Auch im »normalen« Internet muss man ja nicht den Mainstream-Weg gehen, das Internet ist das wichtigste Liberalisierungswerkzeug überhaupt.

Klingt extrem verherrlichend – was macht das Internet so wichtig? Für die meisten Leute scheint es heute doch nicht zuletzt ein Zerstreuungsinstrument zu sein.
Das Netz ist ultimativ wichtig. Stellen Sie sich vor, Sie wachsen in einem kleinen Dorf auf, so wie ich. Irgendwann stellen Sie fest, dass Sie auch auf Männer stehen. Eine Neigung, die man in diesem Dorf aber nicht ausleben kann. Man kann noch nicht mal mit jemandem darüber sprechen – aber im Netz kann man das tun, weil man dort Gleichgesinnte findet.

Die provokative Standardantwort wäre: Man könnte genauso feststellen, dass man auch auf Kinder steht. auch ein Bereich, der durch das Netz abgedeckt wird.
Das ist allerdings eine Frage der Moral. Wenn Menschen auf Kinder stehen, ist das natürlich richtig problematisch. Aber nicht das Netz ist daran schuld, dass entsprechende Bilder verbreitet werden, sondern die Menschen, die diese Bilder machen und hochladen. Kinderpornografie wird nach wie vor nicht ordentlich verfolgt, und es fällt auf, wie viele von den Servern, auf denen man dieses Zeug findet, sich in Deutschland befinden. Das BKA ist offenbar nicht in der Lage, eine E-Mail zu schreiben, um es mal ganz blöd zu sagen.

Würden Sie also sagen, dass den staatlichen Strafverfolgungsbehörden immer noch das Know-how fehlt, um Internetkriminalität entsprechend begegnen zu können?
Die Technologie ist den Gesetzen immer um zehn Jahre voraus. Erst in den letzten vier, fünf Jahren ist die Internettechnologie so richtig bei den Menschen angekommen – und jetzt wird langsam reagiert. Das erleben wir auch gerade an der Härte, mit der die entsprechenden Debatten geführt werden. Vor zehn Jahren hat keiner einen Dreck auf Urheberrechte im Internet gegeben.

Wäre aber die entsprechende Schlussfolgerung nicht auch, dass es ganz ohne Zensur nicht geht im Netz?
Da müssen wir erst mal ganz grundsätzlich über den Zensurbegriff sprechen. Das Zensurverbot ist ein Schutzrecht gegen den Staat. Der Staat darf mich nicht daran hindern, Dinge zu sagen, meine Meinung zu äußern. Im Netz müssen wir aber weiter gehen und dafür sorgen, dass Plattformen, die staatenähnliche Kompetenzen besitzen – sei es Google, Facebook oder irgendeine andere entsprechende Community –, daran gehindert werden, ohne rechtliche Grundlage Inhalte einzuschränken, weil das auch eine Form von Zensur ist.

Aus einem Quasimonopol, wie es etwa Facebook innehat, ergibt sich demnach eine Machtposition, die missbraucht werden kann, wenn Zensur ausgeübt wird, die sich nicht an geltendes Recht hält.
Diese Vorgänge folgen ja meist amerikanischem Recht oder Moralempfinden …

Was für uns problematisch sein kann …
Ganz genau. Weil zum Beispiel das amerikanische Sexualitätsbild ein sehr gefährliches ist.

Sie haben vorhin gesagt, Sie hätten beim Chaos Communication Camp Ihre Helden getroffen. Hatten prominente Hacker in ihrer Jugend für Sie eine ähnliche Bedeutung, wie sie Rockstars für andere Jugendliche haben?
Auf jeden Fall. Wir technologieverstehenden Menschen werden die neuen Rockstars, davon bin ich überzeugt.

Ein erstaunlicher Wandel: In den 80ern waren Leute, die sich mit Computern beschäftigt haben, bekanntlich ziemlich genau das Gegenteil von Rockstars. Damals zog noch das Klischee vom Hornbrillennerd und Pausenhofeckensteher. Heute sind diese Leute …
… tätowiert und sehen cool aus, so ist es. Inzwischen gibt es zwei Sorten von Nerds: Einmal Menschen wie mich …

Aber Sie sind doch überhaupt kein Nerd! Sie sind offen, extrovertiert, locker …
Natürlich, das ist der neue Nerd. Der alte Nerd hingegen ist natürlich eher introvertiert. Den gibt’s auch immer noch, das ist auch gut so. Der neue Nerd versucht nicht nur die Welt zu verstehen, sondern auch, sie zu verändern, und zwar auch soziologisch.

Haben Sie die virtuelle Unterstützung der Aktivisten nach ihrer Krise eigentlich fortgesetzt?
Vor einigen Wochen habe ich endgültig entschieden, das nicht mehr zu tun. Weil es mir einfach zu viel ist und ich das nicht mehr schaffe und nicht mehr leisten kann. Das hat mir, so glaube ich, auch niemand übelgenommen. Nun mache ich halt wieder Politik, ich will in den Bundestag.

Sie sind schnelle Kommunikationswege gewöhnt, bezeichnen sich als ungeduldig – und wollen ausgerechnet in den Bundestag, wo die Entscheidungsfindung institutionalisiert, hyperbürokratisch und zäh über die Bühne geht?
Ich arbeite ja bereits jetzt im Abgeordnetenhaus und mache seit Jahren Lobbyarbeit im Bundestag. Ich weiß, wie langsam die Mühlen mahlen, damit kann ich leben.

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