Thomas Azier
Antrieb: Isolation
Text: Jan Wehn
Foto — Jonas Lindström
*
Erster Gedanke: so ein typischer Mittzwanziger aus der Großstadt, Marke: hipper Hans-Guck-in-die-Luft, der seine Passion für Flohmarkt-Couture, akkurate Frisuren und abseitige Nischenmusik mit einem Schwarm von Gleichgesinnten teilt. Aber während die meisten in diesem Copy’n’Paste-Land tatsächlich nur mit einem Keta-Grinsen in die Luft starren, schärft Thomas Azier seinen Blick. Man zieht ja nicht umsonst aus der holländischen Kleinstadt nach Berlin; wohlgemerkt um die Taktung seiner Produktivität noch ein gutes Stück nach oben zu drehen. In der deutschen Hauptstadt angekommen, vermischen sich all die Eindrücke – das triste Grau der Häuser, die Traurigkeit in den Gesichtern der Menschen – zu einer urbanen Melange, die Aziers Musik von da an prägt und formt.
»Meine Musik ist Berlin«, sagt er. »Selbst im Sommer ist es hier an vielen Ecken dunkel. So finde ich die Schönheit in meiner Musik.« Azier erzählt, wie er während der Arbeiten an seiner zweiten EP Hylas 002 (Stream) nur »ein Schatten seiner selbst« war. Isolation als Antrieb also. Hylas 002 ist eine Platte, die vom Alleinsein, nicht aber von Einsamkeit erzählt. Geschrieben hat Azier schon immer. Geschichten, Notizen, Reime für sich und für andere. Wenn man den 24-Jährigen über seine Musik sprechen hört, glaubt man ihm aufs Wort, dass es da außer den Tasten, Tönen und Texten rein gar nichts in seinem Leben gibt. »Ich kann gar nicht anders: Ich schreibe, weil ich muss«, sagt Azier in dezentem Rachenkratzerenglisch.
Mittlerweile zählen der HD-Connaisseur Woodkid oder die In-die- Disco-Stepper von The Shoes zu seinen Sympathisanten. Aber man wird doch noch mal nachhaken dürfen: Sind die großen Gesten, das Schicksein und der Pathos nicht einfach nur obligatorische Pop-Pose und reine Oberflächenästhetik? »Ich interessiere mich eigentlich nur für meinen Sound. Aber natürlich finde ich auch andere Sachen spannend. Etwa Realitäten, die so gar nicht existieren – und Mode gehört definitiv dazu.« Kleidung könne sich ganz wunderbar auf die Vergangenheit oder die Zukunft beziehen und sei stets kombinierbar. Nun, diese Idee lässt sich auch genauso auf die Musik von Thomas Azier übertragen, die zwischen diesen kleinen Welten aus Hoffnung und Zweifel, Nostalgie und Fortschritt, Digitalem und Analogem wandelt. Natürlich klingt das bisweilen nach der kitschigen Eleganz von Spandau Ballett oder dem kompromisslosen Pop-Pathos von Depeche Mode – aber es lässt sich zu keinem Zeitpunkt im überpräsenten Retrotrend der Popmusik verorten. Und das, so kann man getrost verlauten lassen, ist in diesen Tagen doch schon einiges wert.
*
Thomas Azier
Hylas 002
Hylas Recordings — 19.10.2012
*
*

TwitThis
Facebook
Buzz
del.icio.us
Google Bookmarks
Digg
Ping.fm
FriendFeed
Yigg
MisterWong.DE
Technorati
Netvibes
MySpace
Identi.ca
StumbleUpon




[...] Thomas Azier and Sander Houtkruijer (DJ-Set) http://thomasazier.com/ http://www.spex.de/2012/10/28/thomas-azier/?search=thomas+azier#hide [...]