Hans Unstern The Great Hans Unstern Swindle

The Great Hans Unstern Swindle
Hans Unstern The Great Hans Unstern Swindle Staatsakt / Rough Trade — 26.10.2012

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Am Tage der Offenbarung glotzte ich wie drei Viertel der dazu fähigen Weltbevölkerung auf www.apple.com den neuen Bioport an. Wenige Stunden später erreichte mich ein Download dieses Albums. Ist da ein Zusammenhang? Wege aus der Postmoderne? Zumal: Vor drei bis vier Monaten sah ich hier ums Berlin-Prenzelberger Eck Jochen Distelmeyer auf der Straße. Er hatte lange Haare.

   Derweil ich zum ersten Mal dieser noch unveröffentlichten Musik lauschte und zuvor niemals nichts von Hans Unstern gehört hatte, kam mir der Gedanke, nihilistische Fans des Deutsch-Poeten Distelmeyer könnten seine Einkaufsgewohnheiten studiert und sein favorisiertes Pesto heimlich mit Bio-LSD präpariert, ihn dann gefangengenommen und in einem wie der Keller der Hamburger Roten Flora im Stil der mittleren 80er zurechtgemachten Studio eingekerkert haben, wo er wochenlang das Gesamtwerk von Heino Jaeger und Martin Kippenberger vorgesetzt bekam und seine eigene Stimme nur in dezentem Micky-Maus-Effekt hören konnte. Nach abgeschlossener Stockholm-Syndromisierung kamen sie, maskiert als Tom Sawyer, Mutter Teresa und Paul Celan, und erlösten ihn von seinem Brechreiz-aufgestauten Mitteilungsbedürfnis.

   »Ich schäme mich – yeah!«, schreit der Album-Opener. Ich schäme mich. Für diese billige, aber notwendige Wortverschwendung auf dem Wege zum Versuch, die wichtigste Veröffentlichung deutschsprachiger Wort-Musik-Kunst seit L’Etat Et Moi (abgesehen von: Dendemann, Jan Delay, Deichkind, Schorsch Kamerun und Helge Schneider) in Worte zu fassen. Worte allerdings … sind das Problem. Ich habe meine Lektion F. J. Degenhardt verpasst. Herr Unstern, greinen Sie: »Worte kommen als Staubwolken aus deinem Mund / Staubsaugerbeutel in unseren Köpfen … Ich hasse Gedichte« (»Mit schwarzen Lippen sitzen wir hinten«)!

   Jetzt aber weiß ich, weil ich’s leider wissen muss: Hans Unstern ist gar nicht Schorsch-Jochen Distelmeyer-Kameruns Autotune-Verjüngung, sondern echt! Hat oder hatte zumindest einen echten Vollfusselbart, echte Zöpfe und eine echte Verweigerungshaltung. 2005, lese ich, war er noch obdachlos und fahrender Musikant. »Kratz dich raus«, die erste Veröffentlichung nach einer Kooperation mit Ja, Panik via Staatsakt vor zwei Jahren fand in der Zeit echten, wertkonservativ-verstaubten Applaus. »Es ist, als würde man einem Waldschrat zuhören, der auf seinem Weg durchs textliche Unterholz Metaphern aufstöbert, die sonst auf der ganzen Welt ausgestorben sind … In einer Zeit, in der es als Gipfel zivilisatorischen Fortschritts gilt, alle paar Monate ein neues Handy zu besitzen, schlüpft Hans Unstern in die Rolle des Unzeitgemäßen. Er ist der Antistar unter den Sternchen, der Fehler im System, das Knacken in der Leitung eines universal gewordenen Kommunikationsgetöses.« In der nicht minder engen echten Welt namens »Amazon« klingt das so: »Als zotteliges Cover eher abschreckend, entpuppt sich diese Liedersammlung als eine Art feine Slampoetry.«

   Es gibt im Wesentlichen zwei Zugänge zum Unstern. Durch den schnellen sieht man das unehelich-verstrahlte Erzeugnis von Ringelnatz und Studio Braun über freigeistig-pathetischer 2012-Tonkunst – Streicher, Zupfgitarre, Bläser, Beats, Dynamik, alles! – retrofuturistisches Creative-Writing-Material für alternative Samstag-Nacht-Shows absondern.

   Durch den feinstofflichen Zugang – und wer wären wir, wenn nicht hier?! – sieht man ein menschlich-künstlerisches Jetzt-Ereignis, einen genialischen Übersetzer aus der Welt der tatsächlich Entkoppelten und Entgrenzten, ein zartes, überwaches Findelkind von Tom Waits, multidimensional jenseits dichotomer Termini wie »verrückt«, und sein Konzeptkunstwerk du luxe. Allein schon für die über inbrünstigen Orgelklängen abgelegten, viel zu wenig benutzten Schöngeistworte »pissen«, »kotzen« und »Erbrochenes« gebührt dem Unstern empathische Zuneigung. Noch viel mehr für die von einem gefühlt Zwölfjährigen flüsternd abgelesenen Zeilen in »Unbenannte Datei«, die ich hier nicht wiedergeben will, einfach nur, weil alle sie selbst hören sollen, diese angstlose Verstörung aller ahnungslosen Eltern (also etwa der Menge, die sich mit mir am Tage der Offenbarung das neue iPhone angesehen haben).

   Wäre da nicht der bei aller Intensität mitschwingende Houellebecq/Kracht/Nerven-um-des-Nervens-willen-Faktor, würde ich die Worte »wichtigste Veröffentlichung« nicht nur als Worte meinen, nicht nur als musikalischste und textlich dichteste Strukturierung erbrochener Zivilisationsliegenschaften, die ich seit langer Zeit auf Deutsch gehört habe. Aber Swindle hin, Meinung her: Musst du dir reinziehen, kannst du nicht wechseln, iWelt! (Die Termine zur von SPEX präsentierten Hans-Unstern-Tour und sein aktuelles Video finden sich hier.)

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