Editorial SPEX N°341

Goetz, Unstern, Dylan, Mexiko & das Darknet

Text: Torsten Groß

Hans Unstern im neuen Look beim Merve-Verlag, Berlin
Ein groß(artig)er Schwindel?
Hans Unstern in neuem Look beim Merve-Verlag, Berlin

*

Liebe Leserinnen,
liebe Leser,

   man soll ja nicht ständig übers Wetter reden, aber die Vorteile einer wärmenden Decke sind uns in diesen frühen Herbsttagen wieder deutlich bewusst geworden. Der ehemalige SPEX-Autor Rainald Goetz hingegen hüllte sich bereits Anfang August in eine Decke, und zwar in eine schwarze aus Polyester. Goetz hatte ins Suhrkamp-Büro gebeten, um ausgewählten Pressevertretern persönlich ein Exemplar seines neuen Buchs Johann Holtrop zu überreichen. Zunächst kauerte der Autor indes unter besagter Decke, während die üblichen Verdächtigen von Poschardt bis Biller im Paperback-Leseexemplar vom Holtrop blätterten. Schließlich sprang Goetz aus seinem Versteck hervor und mahnte, die Sperrfrist (8. September) möge eingehalten werden. Wir haben den Roman sogar noch länger wirken lassen und bringen nun einen Text von Cord Riechelmann zum neuen Goetz.

   Auch der Musiker Hans Unstern wählte den besonderen Auftritt, um sein neues Produkt vorzustellen. Der vormalige Waldschrat erschien glatt rasiert, im weißen Anzug mit blau gefärbten Haaren (Foto). Und zwar, ebenso wie Goetz, in »seinem« Verlag: Unstern hat soeben den sogenannten Gedichtband Hanky Panky Know How bei Merve veröffentlicht. Bei der anschließenden, durchaus bizarren, aber insgesamt vergnüglichen Dada-Fragestunde ging es jedoch in erster Linie um The Great Hans Unstern Swindle, das SPEX-Album dieser Ausgabe.

   Wir sind froh, mit dieser Ausgabe die Rückkehr eines alten Bekannten verkünden zu können: Bereits seit vielen Jahren studiert Max Dax das Werk von Bob Dylan. Im neuen Album Tempest erkennt Dax nun erstmals die konsequente Übertragung der vom Live-Dylan längst bekannten Freude am Dekonstruieren auf das Studiowerk. Tempest, so Dax, der Electronic Beats vorsteht und zuletzt eine Weile nicht mehr für SPEX geschrieben hatte, sei eine gewalttätige und grausame Platte.

   Attribute also, die in Mexiko zum Alltag gehören. Der Drogenkrieg fordert zahlreiche Opfer, auch unter der Zivilbevölkerung. In einer Mischung aus Wahnsinn und Todessehnsucht – der Autor selbst zieht auch eine verfrühte Midlife-Crisis in Betracht – hat Tino Hanekamp all jene Gegenden Mexikos bereist, in die man als weißer Tourist normalerweise nur fahren sollte, wenn man eben das ist: wahnsinnig. Exklusiv für SPEX hat er seine Erinnerungen zu einer herausragenden Gonzo-Reportage verdichtet.

   Bereits seit mehreren Monaten sind wir fasziniert vom sogenannten Darknet, jener nicht googelbaren Ansammlung von P2P-Netzwerken, in denen sich alle Formen menschlicher Abgründe auftun, die aber auch ein Liberalisierungsinstrument sein können, wie Stephan Urbach im Interview berichtet. Der Netzaktivist und Piraten-Politiker half, während des Arabischen Frühlings parallele Internetstrukturen aufzubauen. Eine Phase, in der Urbach Zeuge persönlicher Dramen wurde. Nun muss man wissen, dass die Ausgangssituation vieler in dieser Zeitschrift abgedruckter Gespräche eine Art durchchoreographierte Produktpräsentation mit festen Regeln ist, zumal bei Musikern. Was für ein Gegensatz dazu das Gespräch mit Urbach, der sichtlich ergriffen und um Fassung ringend vom tragischen Verlust eines Menschen berichtete, was dieses Gespräch – neben Urbachs Expertise – zu einem besonderen macht.

   Wie wichtig das Internet auch für normalsterbliche User geworden ist, erfuhren wir auf weitaus banalere Weise am eigenen Leib: Immer wieder fielen in der Redaktion im Vorfeld der Produktion die Leitungen aus. Dass der Datenstrom am Ende zuverlässig fließen konnte, ist das Verdienst unseres IT-Technikers Andreas Papadimitriou, der unermüdlich rackerte, stets mit einem fluchenden Redakteur am Ohr. Dass Papadimitriou darüber nicht die Fassung verlor, ist seinem besonnen Temperament geschuldet – welches diese Ausgabe von SPEX rettete. Viel Spaß damit!

   Torsten Groß

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4 Kommentare:
  1. fleischindosen:

    Oh no! Jetzt ist es geschehen, Mumford & Sons in der Spex. Aber alles andere klingt gut und interessant!

     
  2. Thomas Vorreyer:

    Der Artikel geht dann auch eher der Frage nach, warum ausgerechnet M&S so dermaßen erfolgreich sind.

     
  3. Dieser Kommentar ist ein Trackback von Spex - Magazin für Popkultur » Metamorphosen des Hans U.:

    [...] der Ausgabe«, Hans Unsterns The Great Hans Unstern Swindle, zu. Nachdem bereits bei der Vorstellung seines Lyrik- bzw. Lyrics-Bandes Hanky Panky Know How beim Merve Verlag statt des [...]

     
  4. fleischindosen:

    Wird es eigentlich noch eine Kritik zu Anstams "stones and woods" geben?

     
 
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