Maxïmo Park
Der Soul des Nordens
Text: Torsten Groß
Fotos — Rosa Rendl
Ist er noch der alte? Maxïmo Parks Paul Smith prüft kurz vor einem Auftritt den korrekten Hutsitz.
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Die beste Straße Stoke-on-Trents, das haben bereits Robbie Williams und Lemmy Kilmister erkannt, führt aus Stoke-on-Trent hinaus. In der durch einen Gemeindezusammenschluss geschaffenen Aneinanderreihung mehrerer Dörfer in den britischen Midlands ist kein Platz für Sozialromantik. Hier in der Provinz zeigt der gebeutelte Norden seine taumelnd ächzende Seele. Der Abschwung der Keramikbranche hat die Gegend schwer getroffen, die Straßen sind grau, jedes zweite Ladenlokal ist verwaist, die Toilette im überwiegend von Dreadlock-bewehrten 90er-Alternative-Jüngern ohne jede Hoffnung bevölkerten Pub erinnert an jene »worst toilet in Scotland« aus Trainspotting – Stoke-on-Trent, dead end.
Auch an diesem Dienstagnachmittag Anfang Mai ist die sogenannte Einkaufspassage bis auf herumrottende Gruppen Jugendlicher dreckig, leer und die meisten Geschäfte haben bereits geschlossen. Trotzdem liegt eine gewisse Spannung in der Luft – irgendetwas, so viel steht fest, läuft hier anders als sonst. Deutlichstes Indiz: Ein vor dem Club The Sugarmill geparkter, chromglänzender Nightliner, der absolut nicht zur Umgebung passen will. Der Bus ist der Beweis, dass sie wirklich da sind, dass tatsächlich mal jemand herkommt aus London oder Manchester, dass etwas passiert. Was in einer Stadt wie Stoke natürlich bedeutet: Alle sind auf den Beinen. Die Mischung aus Alten und Jungen, Zahnlosen und Gesunden, Skatern, Hooligans und ganz normalen Arbeitern in der Schlange vor dem Club steht weder demografisch noch sonst in irgendeiner Weise repräsentativ für das normale Publikum von Maxïmo Park. Diese Leute wären auch zu jeder anderen größeren Band gekommen, einfach, um überhaupt mal eine zu sehen.
Maxïmo Park? Richtig gelesen: Ausgerechnet in dieser Tristesse unternimmt die Band aus Newcastle mit einem Clubkonzert den ersten Schritt des schwierigen Projekts Karriererettung. Stoke-on-Trent wird insofern zu einem Sinnbild von unfreiwilliger Komik, weil auch Maxïmo Park zuletzt ein bisschen den Anschluss verloren hatten: Nach glänzendem Start teilten die Musiker das Schicksal vieler anderer Post-Post-Punk-Bilderstürmer des Jahrgangs 2005, denen nach ein bis zwei guten Alben zuverlässig die Luft ausging.
Und wie so oft in solchen Fällen erfolgt die Neuorientierung zunächst über den Umweg einer Rückkehr zu den Wurzeln: Mit einer Club-Tournee durch die englische Provinz wollen die Briten sich zu gleichen Teilen ihrer Anfänge erinnern sowie die Songs des neuen Albums The National Health ein erstes Mal vor Publikum testen. Eine Mission, bei der SPEX die britische Band vier Tage exklusiv begleitet – und deren Auftakt ein Konzert vor wenigen Hundert Zuschauern im Sugarmill ist. »Hier haben wir ganz am Anfang eines unserer ersten Konzerte außerhalb von Newcastle gespielt«, sagt Maxïmo-Sänger Paul Smith, »ein Abend, den wir in sehr guter Erinnerung haben. Deshalb schien uns Stoke der beste Ort zu sein, um ein neues Kapitel aufzuschlagen.«
Nun ist der Ur-Mythos Rückbesinnung im Pop natürlich in den meisten Fällen eine Strategie, die zur Anwendung kommt, wenn der Erfolg ausbleibt oder einer Band nichts Neues mehr einfällt. Auf den ersten Blick scheint das auch hier zuzutreffen: Das dritte Album Quicken The Heart war ein künstlerischer und kommerzieller Misserfolg, danach begab sich die erschöpfte Band in eine längere Pause. Zwar veröffentlichte Smith in dieser Zeit ein Soloalbum, das introvertierte Margins, aber mitbekommen haben das nur wenige. Maxïmo Park schienen aus der Zeit gefallen zu sein, und hätte die Pause ewig gedauert, es wäre wohl nicht weiter aufgefallen.
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Es wird ernst, Paul Smith schwört die anderen hinter der Bühne auf das Konzert in Brighton ein.
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Aber ist das wirklich so? Fest steht: Nur wenige Jahre nachdem alles begann, stellt sich jetzt die Frage, ob überhaupt ein Vertreter der Klasse von 2005 das Zeug für eine dauerhafte Karriere hat. In den kommenden Monaten erscheinen neue Alben von Bloc Party, Franz Ferdinand und eben Maxïmo Park, die wohl endgültig über die weiteren Geschicke dieser Bands entscheiden werden. Begünstigt wird der Veröffentlichungsreigen durch eine aktuelle Entwicklung, die zeigt, dass der Abstand zwischen eigentlichem Ereignis und Revival immer geringer wird, sich die Räder der Pop-Verwertungsmaschine immer schneller drehen: Vor einigen Wochen berichtete der Guardian, dass in East-Londoner Hipsterclubs viele DJs ihre House- und Minimal-Platten entsorgt hätten und wieder auf den Sound von Gitarrenbands wie Maxïmo Park, Futureheads und Bloc Party setzten. Auch wenn es vermessen erscheint: Unter Umständen fängt die Generation, die sich mit schlechten Anschlussalben schneller entsorgt hat als die meisten anderen, gerade erst richtig an.
»In den vergangenen Wochen ist mir klar geworden, dass die Leute tatsächlich noch eine weitere Platte von uns hören wollen«, sagt Paul Smith. »Die Welle der Euphorie, die uns gerade entgegen schwappt, ist beachtlich. Im Prinzip haben wir also alles richtig gemacht: Durch die dreijährige Veröffentlichungspause haben wir den Backlash gar nicht richtig erlebt.« Smith sitzt in einem von zwei geöffneten Restaurants in der direkten Umgebung des Clubs und isst Pasta. An den Wänden hängen die Bilder längst verblichener »Stars«, die einst hier gastierten, und wenn Smith so etwas wie Nervosität oder Anspannung verspüren sollte, weiß er das gut zu verbergen. Seine hyperagile ADHS-Seite kommt nur während der Konzerte zum Tragen, ansonsten wirkt er ausgeglichen und in sich ruhend. Die sieben Jahre seit der Veröffentlichung des Debüts A Certain Trigger sieht man dem Sänger nicht an. Immer noch wirkt er wie ein schlaksiger Junge im Körper eines Mannes, natürlich trägt er eine Kopfbedeckung, in diesem Fall eine türkise, schlumpfartige Mütze. Allerdings nicht als Konzession an zunehmenden Haarausfall, wie immer wieder behauptet wird, sondern eher als Markenzeichen.
In den vergangenen zwei Jahren hat Smith seiner Kunstleidenschaft gefrönt, mit befreundeten Künstlern in einer Instrumentalband gespielt und viel gelesen. Doch jetzt, das merkt man selbst in der Abgeschiedenheit von Stoke-on-Trent, ist es mit der Ruhe im Leben dieses Mannes erst mal vorbei. Es geht um viel: Bereits 2010 hatten Maxïmo Park eine Reihe von Songs geschrieben, diese aber später wieder verworfen oder bis zur Unkenntlichkeit umarrangiert. Nach einem sehr ernsten und offenen Bandmeeting sei das Material für The National Health dann quasi von selbst gekommen: »Danach begann die produktivste Phase, die wir seit Ewigkeiten hatten. Und als wir im Herbst 2011 ins Studio gingen, war es wie ein lange erwarteter Regen in der Wüste.«
Ein Effekt, der eventuell der erneuten Hinzunahme von Gil Norton geschuldet sein könnte. Der Produzent des bisherigen Meisterwerks der Band, Our Earthly Pleasures, wurde zurückgeholt, nachdem das Quicken-The-Heart-Experiment mit Nick Launay gescheitert war. »Nick ist ein ziemlich cooler und entspannter Typ, der mit Nick Cave, David Byrne und Lou Reed gearbeitet hat, also wiederum ziemlich coolen und entspannten Typen«, sagt Smith. »Aber das sind wir nicht. Diese fiebrige Energie, die uns auszeichnet, haben wir damals ein bisschen außer Acht gelassen. Für uns war Quicken The Heart aber ein wichtiges Experiment – weil die Platte unsere Grenzen aufgezeigt hat.«
Tatsächlich ist die angesprochene Maxïmo-Park-Energie auf The National Health wieder in vollem Umfang erblüht. Die Band fusioniert hier die Kerntugenden ihres bisherigen Katalogs – das zupackende Moment des Debüts, das Schwelgerische von Our Earthly Pleasures und die elektronischen Spielereien von Quicken The Heart – und vereint diese zu einer konzisen und außerordentlich guten, nun ja: was-eigentlich-Platte? Sagt man jetzt Post-Post-Punk? Oder Indie-Rock? Natürlich nicht: Man braucht den 2005er-Jahrgang nicht gegeneinander auszuspielen, um zu erkennen: Maxïmo Park waren in jenem glühend verheißungsvollen Sommer die Soulband unter den sogenannten Indie-Rockern. Nicht so cool wie Bloc Party (obwohl sie damals noch auf Warp veröffentlicht haben), nicht so elegant wie Franz Ferdinand, nicht so street und blogaffin wie die Arctic Monkeys. Aber eben unmittelbar, eins zu eins, von einer emotionalen Direktheit, zu der man sich irgendwie verhalten musste, wenn man ein Herz hatte. Postmoderne Strategien wie Ironie hatten nichts zu suchen in dieser Musik, es schien hier stets und immer mit jedem atemlosen Juchzer des hoffnungslos melodramatischen Euphorikers Paul Smith um nicht weniger als alles zu gehen. Das Private war politisch, und es war ernst, verdammt ernst.
»Soul ist einer unserer Haupteinflüsse«, bestätigt Smith. »Als wir vor einigen Jahren in Detroit gespielt haben, waren wir im Motown-Haus und besichtigten das alte Studio – dort steht immer noch Stevie Wonders Schlagzeug!« Um sich auf die Aufnahmen von The National Health vorzubereiten, gab Smith einige Solokonzerte, bei denen er Soul-Klassiker wie Marvin Gayes »I Heard It Through The Grape Vine« und »Tracks Of My Tears« von Smokey Robinson spielte. »Auf diese sehr direkte Weise über Gefühle zu singen, nicht theoretisiert oder intellektualisiert, das hat sehr dabei geholfen, mir über die Richtung der neuen Songs klar zu werden.«
Es gibt einen Beitrag auf diesem Album, der die Soul-Leidenschaft wenig verklausuliert offenbart: »This Is What Becomes Of The Broken Hearted»« scheint mit 46-jähriger Verzögerung eine direkte Antwort zu geben auf Jimmy Ruffins alte Frage, »What Becomes Of The Broken Hearted«. Der Schlüsselsatz des Songs – »Commitment never seemed like a risk, but that’s the way it is« – lässt sich als Art Maxime lesen: »Diese Zeile repräsentiert das ganze Album«, sagt Smith. »Unsere politischen Überzeugungen ergeben sich aus der Art und Weise, wie wir unsere privaten Beziehungen führen. Wenn wir abends im Bett liegen, denken wir nicht an die Wirtschaftskrise oder die Probleme im Nahen Osten, sondern an unsere persönlichen Probleme. »Wirklich zu jemandem zu sagen: ›Ich will den Rest meines Lebens mit dir verbringen‹, ist vor diesem Hintergrund wahrscheinlich das mutigste Bekenntnis überhaupt. Commitment ist eben kein Rock’n’Roll, kein Blablabla.«
Auch wenn es hier vielleicht ein bisschen so klingt: Smith definiert Soul nicht als Durchhaltemusik fürs weiße Vorstadt-Amerika, wie das Berry Gordy vorgeworfen wurde: »Als Sam Cooke »A Change Is Gonna Come« gesungen hat, hatte man das Gefühl, es könnte sich wirklich etwas ändern. Für mich das Urversprechen des Pop: die Aussicht auf Veränderung.« Wie bereits der Titel erkennen lässt, handelt es sich bei diesem Album für einen Mann der Politik der ersten Person, wie Paul Smith einer ist, eben doch um ein relativ deutliches Statement. Wovon er singt, weiß er jedenfalls: »Stoke-on-Trent steht absolut repräsentativ für den abgeschlagenen Teil des suburbanen Englands«, sagt er. »Ich bin in Billingham aufgewachsen, einem Ort, in dem Angst dein ständiger Begleiter ist und wo es so aussieht wie hier. Wenn wir nun The National Health an Orten wie Stoke spielen, hoffe ich, dass die Menschen die Kraft spüren, die in diesen Worten liegt, und dass sie daraus vielleicht etwas Energie für ihr eigenes Leben schöpfen können.«
Und das nicht nur daheim: »England is sick and it’s not alone« heißt es in »The National Health«, ein weiterer Song, »Banlieu«, zieht die entsprechenden Konsequenzen: Smith hatte La Haine gesehen, jenen Film von Mathieu Kassovitz über das trostlose Leben in den französischen Vorstädten. »Nach dem Zweiten Weltkrieg begann der internationale Siegeszug des amerikanischen Traums, der die Standards für die ideale Lebensweise im Westen vorgegeben hat«, sagt Smith. »Dass man zwei Kinder haben soll, ein schickes Haus und so weiter. Aber so funktioniert das Leben nicht, das ist ein Mythos. Darüber dachte ich nach, als ich den Film gesehen hatte. Die Unterschicht wird immer mehr vom kapitalistischen System aufgefressen, diese Leute zahlen die Rechnung für all diese Exzesse der westlichen Welt. Wenn dir dein Leben lang erzählt wird, dass jeder Mensch am Wohlstand partizipieren kann, die Realität aber ganz anders aussieht, fühlst du dich betrogen. Dadurch entsteht die Gewalt. Die Welt ist ein grauenhafter, chaotischer Ort, aber wir machen trotzdem immer weiter. Und was sollten wir auch sonst tun? Es ist wie bei Samuel Beckett: Wir haben keine Alternative.«
Beckett ist ein gutes Stichwort: In der Vergangenheit hatte Smith sein Bildungsbürgertum bisweilen ein bisschen zu manieristisch ausgestellt. Eine Neigung, die nicht zuletzt das berühmte Notizbuch symbolisierte, aus dem er auf der Bühne schulmeisterlich seine Texte zu »verlesen« pflegte. Als er aber jetzt um kurz vor zehn in Stoke die Bühne betritt, hält er kein Buch in der Hand. »Ich kann mir die Texte heute viel besser merken als früher«, witzelt Smith. Und tatsächlich: Die Maschine rollt. Angestachelt von »Maxïmo«-Rufen des durchgängig mitsingenden Publikums, spielt die Band ein Set aus insgesamt 23 Songs, alleine elf davon vom neuen Album. Paul Smith hüpft wie ein Flummi über die winzige Bühne, der Boden des Sugarmill, auf dem der Rotz von 100 Jahren zu kleben scheint, zieht einem im wahrsten Sinne des Wortes die Schuhe aus, es ist ein Triumph.
Nach der Show wirken die Musiker erleichtert und gelöst. Das Experiment ist gelungen. Nicht mehr als fünf Tage hatten sie Zeit zu proben, um sich auf die Kurztournee vorzubereiten. Nicht viel, wenn man die lange Pause bedenkt – und doch genug für eine seit über zehn Jahren perfekt aufeinander abgestimmte Band.
Ein völlig anderes Bild dann am nächsten Tag: Es liegen nur 90 Autominuten zwischen York und Stoke, und doch trennen die beiden Orte Welten: York ist eine prosperierende Kleinstadt mit pittoresken Ziegelbauten, gotischen Kathedralen, Museen, einer Universität, niedriger Arbeitslosigkeit und einer überaus belebten Altstadt – hier erstrahlt das alte England noch in vollem Glanz, auch wenn es durchgehend regnet. Vor der Tür des JuZe-artigen Auftrittsorts empfängt uns bereits Archis Tiku, der Bassist der Band. Tiku ist ein Mensch, der das Kunststück vollbringt, nicht unsympathisch oder langweilig zu wirken, obwohl er in den vier Tagen, die wir mit ihm verbringen, nichts anderes sagt als Hallo, Tschüss, Ja oder Nein. Ein Minimalist mit überschaubarem Gesten- und Mimikrepertoire und der Ruhe eines brummigen Bären, der meist schweigend am Rand steht und raucht, aber am Abend einen kraftvollen Bass spielt.
Vielleicht die interessanteste Erkenntnis: Während das äußere Bild der Band von Paul Smith dominiert wird, ist das Binnengefüge weitaus komplexer. Bis auf Schlagzeuger Tom English schreiben alle Mitglieder gleichberechtigt Songs, sämtliche Entscheidungen werden gemeinsam getroffen, ist einer dagegen, wird es anders gemacht. Ein Konstrukt, das vor allem deshalb funktioniert, weil die meisten Mitglieder dieser Band so überaus uneitel und normal wirken. Die kreuzbiederen English, Tiku und Duncan Lloyd (Gitarre) sind dankbar, wenn man sie auf der Straße nicht erkennt und Smith die »Bürde« des Ruhms exklusiv schultert; der Keyboarder Lukas Wooller ist neben Smith der einzige, der ein ansatzweise glamouröses Moment hat. Im Austausch schützen die Musiker ihren Sänger und gewähren ihm den nötigen Freiraum. So auch jetzt: Wir essen Hähnchen in einer Yorker Filiale der von Maxïmo Park geschätzten Kette Nando’s und gegen Ende des Mahls übernehmen Lloyd und English die Gesprächsführung – während Smith den Moment nutzt und zurück zum Club geht, um sich warmzusingen.
Als schließlich alle dort angekommen sind, schallt seine Stimme bereits markerschütternd durch den leeren Club. Mit Verve und vollem Einsatz, immer wieder die eine Zeile aus dem neuen Song »Hips And Lips« wiederholend: »You’re a puzzle to me and you always will be.« Beim letzten »Will be« geht er eine Oktave nach oben, mit dieser schwerkraftleugnenden Intensität, die in solchen Momenten seine ganze Klasse ausmacht. Paul Smith (Bild links) ist einer der besten Sänger unserer Tage und ein herausragender Performer. Den ganzen Tag über ist er zu allen freundlich, zieht sich kaum jemals zurück und beantwortet alle Fragen – um am Abend trotzdem auf den Punkt da zu sein.
Alleine mit der enormen Disziplin dieses Mannes – Smith treibt seit der Jugend täglich Sport, raucht nicht und trinkt nur, wenn er am nächsten Tag nicht singen muss – ist das nicht zu erklären. »Es hört sich vielleicht ein bisschen blöd an, aber das ist tatsächlich der pure Enthusiasmus, der da zum Tragen kommt«, sagt er. »Die Leute spüren sofort, wenn ich nicht voll da bin und ich hoffe, das wird nie passieren. Alles, was ich habe, sind diese anderthalb Stunden jeden Abend, um den Leuten die Geschichten hinter den Songs zu erzählen. Das ist mir extrem wichtig, weil mir die Musik so viel bedeutet.«
Inzwischen hat sich der Club gefüllt – mit einem Publikum, dessen Zusammensetzung noch absurder und kleinstädtischer erscheint als am Abend zuvor: Auf einer Bank steht eine alte Frau am Krückstock, und in einem Lehnstuhl im hinteren Bereich des Clubs, wo das Konzert auf eine Leinwand projiziert wird, hat es sich ein Rentner bequem gemacht – er wird nach dem dritten Song einschlafen. Durchaus erstaunlich, nicht nur wegen des Lärms: Nach dem rauschhaften Konzert von Stoke erweitern Maxïmo Park das Repertoire und spielen erstmals »When I Was Wild«, das Intro des neuen Albums, das nun auch im Konzert »The National Health« einleitet. Doch so ganz will es heute nicht laufen: Bei »Hips And Lips« versagt Smiths In-Ear-Monitoring und auch sonst gibt es technische Probleme. Entsprechend schnell springen die Musiker nach dem Konzert in den Bus: Der nächste Reiseweg ist der längste der Tour und vorher müssen in Newcastle, wo bis auf Wooller immer noch alle wohnen, noch ein paar Sachen geholt werden.
Weitaus höher als an den vorangegangenen Stationen der Mini-Tour ist der Aufregungsgrad in Brighton, wo quasi eine Live-Probe unter realistischen Bedingungen stattfindet. Zur normalen Crew aus einem Mitglied des Managements, ein paar Roadies und dem Tourmanager gesellen sich ein Labelvertreter (»Die neue Platte geht auf jeden Fall von null auf eins.«) und andere Business-Menschen. Das beginnende Wochenende steht zudem im Zeichen des Great-Escape-Festivals, und eigentlich sind Maxïmo Park hier falsch: Das Great Escape ist eine Showcase-Veranstaltung wie SXSW in Austin, Texas. Also ein Ort, an dem sich in erster Linie Booker die heißesten Bands der Stunde anschauen, um sie auf die Festivals des Sommers zu buchen. Nicht besonders klug vor diesem Hintergrund: Das allgemeine Festivalticket berechtigt nicht zum Besuch des Maxïmo-Park-Konzerts, für das man zwölf Pfund extra zahlen muss. So nehmen die Betreiber der Band ohne Not die Möglichkeit, die neuen Songs auch für Teile des jungen Hipster-Publikums zu spielen, das die Straßen der Stadt bevölkert und sich sonst vermutlich nicht so schnell auf eines ihrer Konzerte verirren würde.
Vom Treiben auf den abermals verregneten Straßen bekommen die Musiker ohnehin nicht viel mit: Statt an den Strand zu gehen, wird natürlich gewartet. Wie meistens auf Tour: 90 Prozent der Zeit gehen fürs Warten auf Interviews, den Soundcheck, Fotoshootings, das Essen oder sonst irgendwas drauf. Diese zermürbenden Strecken verbringen Maxïmo Park mit haufenweise Drogen, Groupies und dem literweisen Genuss von Alkohol. Ein Witz: Man wird nichts auch nur ansatzweise Rock’n’Roll-Typisches erleben, wenn man mit dieser Band unterwegs ist. »Einige Jahre waren wir diesbezüglich ganz gut dabei«, sagt Smith. »Das wird auf Dauer aber langweilig, davon abgesehen, dass man am nächsten Tag nicht fit ist.« Stattdessen verbringen insbesondere er und Duncan Lloyd die meiste freie Zeit mit der Suche nach seltenen Vinylpressungen, eine Art interner Wettstreit.
Nachdem sie stundenlang Interviews gegeben haben – am Telefon, vor Kameras, von Angesicht zu Angesicht –, stehen Maxïmo Park am Abend endlich auf der Bühne des Dome, eines barocken, von rotem Samt dominierten Saals. Die Set List wurde abermals modifiziert und enthält nicht ganz so viele neue Songs. Und hier zeigt sich nun, dass diese Band tatsächlich für die ganz große Bühne gemacht ist: Sie kommt dem ausladend pantomimischen Performance-Stil des Paul Smith ebenso zugute wie den raumgreifend-hymnischen Songs. Auch Wooller hat sich seine großen Gesten offenbar für heute aufgespart und geht zum ersten Mal richtig aus sich heraus, während Smith unablässig am Bühnenrand ackert und das Publikum einmal mehr die alten Hits mitsingt.
Anschließend in der Garderobe ist es gerammelt voll. Alle trinken Bier – bis auf Paul Smith: Morgen ist ein Videodreh in London, danach geht’s für eine TV-Show nach Barcelona und von dort immer weiter und weiter. Das Business hat sie wieder. Und es sieht gar nicht schlecht aus für die Indie-Rock-Überlebenden Maxïmo Park.
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Maxïmo Park live
16.10. Erlangen — E-Werk
19.10. Berlin — Astra
20.10. Leipzig — Werk 2
21.10. Hamburg — Große Freiheit
23.10. Frankfurt — Gibson
24.10. Zürich — X-Tra
27.10. Köln — Live Music Hall
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