Flying Lotus Until The Quiet Comes

Text von Christoph Braun
am 25. September 2012

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Flying Lotus Until The Quiet Comes Warp / Rough Trade — 28.09.2012

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Steven Ellison geht über seine Zeit hinaus. Und wird dadurch so bekannt, dass ihm alle hinterher wollen – bis selbst die Zeit mit ihm geht. Vor vier Jahren erschien sein Warp-Records-Debüt, das eine Zäsur markierte: Von da an war der gerechte Hype auch in Europa präsent, der Hype um Ellisons Clubnacht Low End Theory in Los Angeles und der ebenso ratternde Schnack um Ellisons Label Brainfeeder. Es schenkt der Welt Menschen wie den Schmuserapper-auf-Acid Jeremiah Jae (siehe Artikel in SPEX N°340 oder – auf Englisch – hier), den wütenden Weisen namens Gonjasufi oder Tokimonsta mit ihrem Klang glücklicher Roboter. Überhaupt schenkt es L.A. einen vor neuen Ideen berstenden HipHop-Underground, HipHop mit Drumherum, bei dem das Drumherum so wichtig ist wie die Raps.

   Flying Lotus macht Beats. Introspektion hatte er auch bisher schon drauf, doch seit seiner Warp-Phase war der Sound des Rückbesinnungsjazz nur eine Spur, die mitlief. Das letzte Album Cosmogramma zu hören, bedeutete, sich eine gigantische Werbetafel für die Figur Flying Lotus ins Hirn zu stellen. Laut und voller Breaks war das. Die Risse noch ausgestellt in fiependen Frequenzen, die Features feist, Thom Yorke durfte nicht fehlen. Mit Until The Quiet Comes blickt Flying Lotus entschiedener zurück. Er geht in die Vergangenheit, hin zu den Zeitgenossen seiner Tante Alice Coltrane, um sich kundig zu machen in Sachen Musik des Islam, Musik Afrikas, Musik der inneren Einkehr. Die Stille im Titel ist nicht als Hinwendung zur totalen Abstraktheit zu deuten: Die definierenden Passagen auf Until The Quiet Comes sind Routen zu jenem »höheren Bewusstsein«, das auch Pharoah Sanders schon suchte. Und sie kommt gut, diese Stille. Nach viereinhalb Minuten ist kaum mehr zu vernehmen als ein paar Glöckchen über einem Sphärenrauschen. Fortgesetzt wird die galaktische Wanderung von einem ultrawarmen Rhodes-Sound. Einsatz Beats: Stimmensamples statt Snare-Drum. Mikroideen fegen über jegliche konventionelle Klangvorstellung von Weltraum hinweg.

   Hier öffnet sich das Album für ein auch in der Wahrnehmung der Headz-Öffentlichkeit weithin verloren gegangenes Meisterwerk: Sketchbook von REQ, vor über zehn Jahren ebenfalls auf Warp veröffentlicht. In der Idee, dass die Musik sich ähnlich der Écriture automatique in der Literatur wie von selbst schreibt, verflüchtigt sich jede Form von Hinweis auf das kreative Subjekt. Flying Lotus kann das gut: sich hinter den Klängen verstecken. Wie magnetisch aufgeladen klingen die Bässe, und statt einer Menschenstimme atmet eine Drum Machine Helium aus dem Ballon. Nach 33 Minuten kommt eine Orgel in den höheren Tonlagen zum Erliegen und verklettet sich dort. Harfensaiten spießen sich auf, aus ihren Nanoteilchen entsteht eine schwebende Fläche. Cluster der coolen Stille sind das, und ab und an rollt ein silberner Klangball vorbei wie im Flipperautomaten, und die Kugel saugt die Stille in sich auf, als Zehrung für den weiteren Weg. Ob Erykah Badu mitsingt, der zuletzt auf so rührende Weise von der Band F.S.K. mit dem Song »Erykah sagt« gehuldigt wurde, oder doch wieder Thom Yorke: All diese Aufnahmen wirken wie Jams. R’n’B-Größe und Popstar sind mal eben auf ein Tässchen Caffè Latte oder Roibuschtee vorbeigekommen. Alle Gedanken-Presets zu Themen wie »Kaffee« oder »Roibusch« sind da längst verschwunden. Es klingt wie an jeder Zeit vorbei imaginiert. Erhebend und souverän.

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Flying Lotus Until The Quiet Comes erscheint am Freitag und bereits vorab nachfolgend im Stream gehört werden. Das Video zum Albumstück »Putty Boy Strut« hatten wir hier gezeigt. Nachfolgend FlyLos Tourtermine.

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Flying Lotus live
07.11. Freiburg (Schweiz) — Fri-Son
08.11. Berlin — Gretchen
12.11. Leipzig — Conne Island

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