Antony verwirklicht live seinen Future-Feminism

Meltdown Festival der weiblichen Visionen in London

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Fotos — Mark Mawston Planningtorock

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Seit 1993 veranstaltet das Londoner South Bank Centre nun schon das Meltdown Festival. Jährlich stellt ein ausgewählter Künstler oder eine Künstlerin das Festival-Line-up zusammen. In der Vergangenheit gehörten Patti Smith, David Bowie, Nick Cave, Ornette Coleman und Scott Walker zu den Kuratoren. In diesem Jahr ist Antony Hegarty, auch bekannt als Kopf hinter Antony and The Johnsons, für das zwölftägige, zwischen Performances, Konzerten und Panels pendelnde Programm Anfang August zuständig.

   Beim Anblick der Namensliste wird schnell klar: Diese Edition des Festivals ist mehr als nur eine bloße Aneinanderreihung großer Namen, es ist eine Realisation dessen, was Antony selbst verkörpert. Er wählt bewusst seine eigenen biographischen Meilensteine aus; von seinen Inspiratoren Marc Almond und Boy George, über Mitglieder seiner Future Feminism Foundation – Kembra Pfahler und die Damen von CocoRosie –, bis hin zu den ehrwürdigen Marina Abramović, Elizabeth Fraser und Laurie Anderson, letztere selbst ehemalige Meltdown-Kuratorin. Und sie alle passen so gut zu seinem Motto, nach dem »die Welt von mehr Estrogen getriebenen Denken geführt, ja sogar übernommen werden« müsste. Die kommenden zwölf Tage sind nicht nur Showcases einer bloßen Idee, die auserwählten Künstler*innen zeigen einblicksweise ihre Versionen des weiblichen Denkens.

   Den Auftakt am Mittwochabend macht eine familiäre Gestalt. Janine Rostron, besser bekannt als Planningtorock eröffnet ihre Show mit Henry Purcells »Music for a While«. Es ist die Einladung in eine andere Welt abzutauchen, »music for a while shall all your cares beguile.« Und wenn sie die Bühne betritt, dann hat das trotz unbetonender, schwarzer Kleidung und Baseball-Cap etwas Großes, Mystisches, dass das Selbst überragt. Geschlechterzugehörigkeiten gehen über Bord, eine eigene Welt wird kreiert. Ein wichtiges Element dabei: ihre bekannte, an Klingonen erinnernde Maske; doppelte Stirn mit Erweiterung zur Nasenspitze.

   Die Bühne ist dunkel, ein Gefühl der Anonymität macht sich breit, das Sinnbild eines Schattenspiels flackert durch den Kopf und ist doch jenes der Identität, dessen Ausführung Planningtorock so gut versteht. Hier und da tauchen Bilder auf der großen Leinwand hinter den Musikern auf; von Schriftzügen bis hin zum Video zu ihrem wohl bekanntesten Stück »The Breaks«. Und eben dieses Video lässt den Schatten für einen Moment zu Licht werden, denn die Augen sind jetzt nicht mehr auf die Bühne gerichtet, sondern kleben an der Leinwand. Der letzte und auch neueste Song »Patriarchy Over & Out« (Rezension in SPEX N°340 sowie auf der begleitenden SPEX-CD N°104) reißt mit seinem eingehenden Drum-Machine-Gehämmer das Publikum von den Sitzen. Auch wenn es ein sehr wortwörtlich zu verstehender, offensichtlicher Song ist, Planningtorock alle Spuren der typischen Rätselhaftigkeiten verabschiedet, hat er trotzdem einen gewissen Reiz. »I don’t want to wait / Patriarchal life you’re out of date« ist sowohl ein gelungener Konzertabschluss als auch ein hymnischer Auftakt, eine Ansage für das Meltdown Festival 2012.

   Im Einklang mit dem diesjährigen Motto sind auch CocoRosie. Was die Schwestern Bianca und Sierra Casady da in der Royal Festival Hall abliefern, ist schlichtweg umwerfend. Begleitet von Beatboxer Tez, vermischt sich hier Sierras Sirenen-Gesang mit Biancas kindlicher Heliumstimme. Vor dem inneren Auge wird ein Feenflügel in einen haarigen Wolfspelz getunkt, ein Licht flackert auf in den Tiefen des Waldes, juvenile Spielereien werden gepaart mit Essenzen der Mythologie. Und auch wenn Tez mit seinem Beatbox-Solo begeistert, ist es die weibliche Kraft, die Zuschauer*innen alltägliche Normen des Erwachsenendaseins vergessen lässt. Ob nun »Tearz for Animals«, »Werewolf« oder “Fairy Paradise”: Sie alle geleiten zu einem femininen Rückzugsort an dem weder Raum noch Zeit existieren.

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CocoRosie

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Antony hat mit den Geschwistern Casady in der Vergangenheit nicht nur auf musikalischer Ebene kooperiert, zusammen gründeten sie auch die Future Feminism Foundation. Eine Organisation, der Marina Abramović, nach eigenen Angaben, nie beitreten würde, hält sie sich doch selbst »frei von diesen Kategorien, die [ihre] Kunst in eine bestimmte Ecke drängen würden« wie sie auch an diesem Abend bekennt. Angekündigt wird Abramović an diesem Spätnachmittag von der eher zurückhaltenden Schauspielerin Kim Catrall. Die Stimmung in der Queen Elizabeth Hall ist hingegen einzigartig und mitreißend. Die »Women only!«-Veranstaltung hat den Effekt, dass frau sich fühlt, als wäre sie einem geheimen Schwesternbund beigetreten. Und wohl jeder kreisen ihre eigenen Erwartungen gegenüber der Künstlerin durch den Kopf: Was wird Marina in »The Spirit In Any Condition Does Not Burn« mit den Zuschauern teilen? Wird es Überraschungen geben oder ist es schlichtweg eine Wiederholung ihrer uns vertrauten Leitgedanken?

   Sobald sie die Bühne in schlichtem Schwarz und mit zurückgebundenem Pferdeschwanz betritt, werden schon mit ihren ersten Sätzen die eigenen Erwartungen bestätigt. Ist frau mit Abramovićs Arbeit und Ansätzen bekannt, hat den Dokumentarfilm The Artist is Present gesehen, dann erwarten einem an diesem Abend eher wenig Ungehörtes. Neu sind heute nur kurze Videoschnipsel ihrer favorisierten Performances. Und trotz der reinen Erwartungserfüllung, berührt es dann doch, wenn Abramović sich zum Anlass ihres ersten Vortrags nur für Frauen ihrer Kleider entledigt und nackt ihr Manifest auf der Bühne vorliest: »An artist should not make themselves into an idol.«, und weiter: »An artist should develop an erotic point of view on the world. An artist should be erotic.«

   »Normalerweise zieht man sich ja nur für seinen Freund aus und es ist auch lange her, dass ich es das letzte Mal getan habe, aber heute war der richtige Anlass«, sagt sie während das Licht auf sie gerichtet wird. Zum Schluss ihres einstündigen Vortrages fordert sie uns Frauen dazu auf, mit ihr drei Minuten lang still schweigend im Jetzt zu verweilen, ohne dass die Gedanken in die Vergangenheit oder Zukunft wandern. Marina zelebriert ihren Egozentrismus und von einer Q&A oder Diskussion kann frau da nur träumen. Stattdessen: klatschen für das Werk dieser Ikone, die sich die Standing Ovations mehr als verdient hat, aber ein Hinterfragen wäre zur Abwechslung auch mal erfrischend, würde den Geist erweitern. Und auch in Antony Hegartys neuem Video zur Single »Cut the World«, in dem, metaphorisch verkörpert vom Chef-Sekretärinnen-Verhältnis, das Weibliche dem Männlichen die Kehle durchschneidet, spielt Marina eine Rolle (oder auch nicht) zu der eine jüngere Frau lediglich hochachtungsvoll hinaufblickt bzw. hinaufblicken darf.

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   Gefolgt ist dieser Auftritt von Antonys Hommage an den Mitbegründer des Butoh, Ōno Kazuo, vor zwei Jahren im Alter von 104 verstorben. Der zerbrechlich anmutende Japaner, der den Seelentanz in Frauenkleidern bis ins hohe Alter vollzog und unterrichtete, war eine wichtige Inspirationsquelle für Antony, fand sich deshalb auch auf dem Cover des Albums The Crying Light wieder, und hinterließ ein unglaubliches Lebenswerk. »Antony and The Ohnos« ist ein ergreifendes Zusammenspiel von Hegartys eigenen Songs und den Tanzdarbietungen von Kazuos Sohn Yoshito höchstpersönlich. Eröffnet wird die Show jedoch von Antonys langjähriger Kreativpartnerin Johanna Constantine. Die hagere Gestalt mit den wohl längsten roten Haaren, die mensch je gesehen hat, tastet sich Schritt für Schritt auf die Bühne. Wie keine andere versteht sie es, anschließend mit nur wenigen Bewegungen das Schrecken in den Tiefen der Seele zu verkörpern. Ihre Rippen und Brüste tragen zur weiteren Illustration Metallaufsätze, ihr Körper ist bedeckt mit weißer Schminke, rot angedeuteten Blutspuren, schwarzen Strichen.

   Ōno Seniors Zitate werden in einem Wirbelwind auf die Leinwand geworfen; »The dead share my body with me.« oder »Many are born within me.« Dahinter sitzt William Basinski, der die Klänge passend zum Visuellen auf seinem Laptop steuert. Sobald Constantine final von der Bühne verschwindet, hebt sich die Leinwand und Antony sitzt am Klavier, begleitet von drei Streichern. Doch im Vordergrund steht nicht etwa die Musik, sondern Ōno Yoshito, den der Sänger wie eine zarte Rose mit Samthandschuhen anfässt, gefühlvoll all seine Klänge und Bewegungen auf ihn abstimmend. Mensch vermeint, er macht es mit so viel Vorsicht, als hätte er Angst, diese Gestalt für immer zu verscheuchen. Doch sie bleibt, und so tanzt Ōno schlussendlich mit einer kleinen Puppe seines Vaters in der Hand. Antony, wiederum, in einer letzten großen Geste, kniet vor der Puppe nieder. Der Tod: eine Hommage an das Leben.

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Ōno Yoshito

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Weniger gut besucht ist am Folgetag der Auftritt, oder wie sie es an diesem Abend aufgrund einiger Patzer nennen: die »Probe« von Matmos. Aber die mittlerweile in Baltimore lebenden Vorzeigeavantgardisten Drew Daniel und M.C. Schmidt bringen die anwesenden Zuschauer gehörig zum Lachen. Hier und da ein Witz und am Ende zieht Schmidt gar seine Hose runter, damit Daniel auf seinem Po ein paar Rhythmen schlagen kann. Kreativität in der Klangerzeugung muss mensch den beiden auch in dieser Banalität anerkennen. Zwischendurch bedanken sie sich auch bei Antony dafür, »in diese Gemeinde« aufgenommen worden zu sein. Auf den ersten Blick stellt sich allerdings die Frage: Wie passen Matmos zum Rest des Line-ups? Die Antwort findet sich in ihrem Manifesto For Men (abgedruckt im Programmheft des Meltdown Festivals). Matmos geben so simple, aber nicht platte Anweisungen wie: »A man should always be kind.« Stereotypen werden aufgelöst. Bei all den unterschiedlichen Facetten des Weiblichen im diesjährigen Programm, sind Matmos somit sogar ein Paradebeispiel für den Zugang zum Estrogen-Gedanken im Männlichen.

   Die lebende Legende Lady Joey Arias ziert die Buehne der Queen Elizabeth Hall am siebten Tag des Festivals. »Strange Fruit« wird eröffnet mit chinesischer Akrobatik von Chrissy Lux, bekannt für die Beherrschung des chinesischen Tellerdrehens. Wenn dann Arias die Bühne betritt, gibt es keinen Halten mehr. Die bloße Präsenz der Diva der Stunde bringt das Publikum schon zum wilden Applaudieren. »Joey, we love you!«, brüllt eine Stimme im Mancunian Akzent. Und ja, sie alle lieben Joey Arias und finden sein/ihr Piepsen, Miauen und Quieken zwischendurch amüsant. Er/sie verbindet sich an diesem Abend mit der Seele von Billie Holiday, gibt ihre Lieder zum Besten. Aber es ist immer noch Arias, der da singt und mit seiner Attitüde kein Auge trocken lässt. Die Worte bitch und sex fallen des Öfteren an diesem Abend, und ja, es ist unterhaltend. Allerdings, Lady Arias kann sich in dem schwarzen Meerjungfrauenkleid nicht richtig bewegen und entschließt sich deshalb, dem Tanzen in Kameraposen und Handküssen auszuweichen. Nicht nur aufgrund dieses Auftrittes erinnert dieses Meltdown an die kreative Energie des New Yorks der 80er, vielleicht sogar der New Wave Vaudeville Shows, nur das die »Outsider« zu etablierten Insidern werden bzw. längst geworden sind.

   Die jüngere Vergangenheit der hiesigen Szene dient abschließend, bei der Filmpremiere von Charles Atlas’ und Antony Hegartys Turning, als Referenzrahmen. Die Dokumentation denkt das visuelle Konzept der Antony-and-the-Johnsons-Europatour anno 2006 weiter. Die jahrelang zur fertigen Realisation fehlende Finanzierung übernahm zuletzt schließlich das Dänische Filminstitut, sodass nun, sechs Jahre später, ein Zusammenschnitt aus den Auftritten der Bands und Interviews mit den 13, zu diesem Zeitpunkt allesamt in New York lebenden, Protagonistinnen, deren drehende Gestalten an jenen Abenden auf die Leinwand projiziert wurden. Es ist ein interessanter Einblick in die Geschichten dieser, wie Antony sie bezeichnet, »most beautiful women«. Es sind bekannte Gesichter wie jenes von Nomi Ruiz, frühere Kollegin Antonys bei Hercules and Love Affair, mit welchen dieser hier in London erstmals überhaupt live gemeinsam auftritt, und Frontfrau von Jessica 6, die beim Festival im Vorprogramm von CocoRosie auftreten. Ebenfalls zu sehen sind Kembra Pfahler oder erneut auch Johanna Constantine. Sie alle verkörpern die Vielfalt des Frauseins, die auch in diesen zwölf Tagen auf dem Festival zelebriert wurde. »This year’s Meltdown Festival is a continuation of the movie«, unterstreicht Antony anschließend bei der Q&A Session zum Film. »What becomes visible in the movie is the pure essence of each person.« Eine der Protagonisten fasst im Film zusammen, was Turning für sie bedeutet: »Die Freiheit von der Gesellschaft, Kunst, Geschlecht; von all dem, was uns als Transsexuelle, Künstler und Frauen unterdrückt.«

   Die vertretenen Künstler*innen haben noch ein wichtiges Merkmal gemeinsam: Ihre Liveauftritte sind selten. Da überrascht es nicht, dass die Anhäufung dieser Raritäten überzeugt. Was Antony Hegarty als Kurator des diesjährigen Festivals auf die Beine gestellt hat, entfaltet jedoch auch darüber hinaus eine ungeahnte Kraft. Das ausgewählte Ensemble beeindruckt, sein Konzept dahinter ist stimmig. Es gelingt Antony seine Botschaften nach außen zu tragen und die unterschiedlichsten Charaktäre zu erreichen. Im Publikum des Q&As erhebt sich ein Mann: »Ich komme vom Land, bin heterosexuell und habe einen normalen Job. Ich werde für gewöhnlich nie mit so einer Welt konfrontiert, aber du hast sie mir im Film gezeigt und ich fand es sehr bewegend.« Möge das Bewegtsein in eine Bewegung umschlagen.

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