Sizarr: Aus dem Nichts deines Vertrauens — Album »Psycho Boy Happy« jetzt komplett im exklusiven Stream

Text von Davide Bortot
am 4. September

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Foto — Amos Fricke

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Sizarr suchen das Epische im Elementaren und die weite Welt am Wellbach. Auf diese Weise haben die drei jungen Pfälzer eine der besten Platten des Jahres aufgenommen. Servus Schülerband, hallo Welt.

   Philipp Hülsenbeck, Fabian Altstötter und Marc Übel sind gerade einmal volljährig. Aber sie kennen sich aus mit dem, was man heute manchmal versehentlich für Ruhm hält. Mit ihrem elegisch-eklektischen Internetpop waren die drei Landauer die Entdeckung des Jahres 2010 (BR). Sie waren außerdem die Entdeckung des Jahres 2011 (Intro). Und wenn nicht alles schief geht, dann werden sie in diesem Jahr endlich richtig entdeckt. Ihr fulminantes Debütalbum Psycho Boy Happy (weiter unten im exklusiven Stream) nämlich fasst perfekt in Songs, was ihnen seit Jahren in einer Mischung aus ehrlicher Verblüffung und Grundverdacht gegenüber ihrer Generation angedichtet wird: die Gabe, die Wunderwelt des Pop nach den besonders bunten Steinchen zu durchforsten und diese zu einem ureigen schimmernden Klangkaleidoskop zu verbauen.

   In den Songs von Sizarr schwingen Wave und Warp mit, Arthur Russell, Animal Collective und Afrobeat, Style Council und Flying Lotus und Futuristen-R’n’B und all der andere tolle Wahnsinn eben, der einem eine Provinzjugend zwischen Weinund Hobbykeller schon mal ein ganzes Stück erträglicher erscheinen lässt. Und doch klingen die Stücke immer nach Sizarr. Nach den polyrhythmischen Spielereien von Schlagzeuger Gora Sou (Marc), den stilsicheren Synthieschichten von $PMoney$ (Philipp) und dieser erstaunlich markanten Stimme von Deaf Sty (Fabian), die gleichzeitig durchdringend klingt und auf wundersame Weise unaufdringlich. »Ich mag Musik, die man nicht verorten kann, weder zeitlich noch sonst wie«, sagt Deaf Sty. In diesem Sinne kommt Sizarrs Sound aus dem Nichts. Auch wenn einem das Nichts irgendwie verdammt vertraut vorkommt.

   Dabei begannen Marc und Philipp eher klassisch, als covernde Dorfpunks. »Wir haben Ramones gespielt, auch Green Day und so Zeug – nur den geilen Scheiß halt«, lacht $PMoney$. Den ersten Auftritt absolvierten die beiden 2005 beim Weinfest auf dem elterlichen Gut, vor 800 Zuschauern und unter tatkräftiger Mithilfe von Mama Übel, die als heimliches Bandmitglied den, nun ja, Pegel regulierte. »Die Leute mochten das natürlich, weil wir so klein waren. Aber eigentlich war es total scheiße.« 2009 schließlich schloss sich Philipps Kumpel Fabian dem Duo an, seitdem gelten Sizarr als mindestens beste Schülerband der Welt und letzter Geheimtipp in einer Welt ohne Geheimnisse. Diesen zweifelhaften Status sind die drei nun los.

   Inzwischen von lästigen Schulpflichten befreit und zu zwei Dritteln ins ungleich mondänere Mannheim übergesiedelt, nahmen sie die zwölf Songs von Psycho Boy Happy in einem knappen Jahr im Keller der gemeinsamen WG mit Produzent Markus Ganter auf. Meist kam erst der Beat, dann die Melodie und schließlich der Text, als letztes und konkretestes Element einer raumlosen Musik. »Dabei sind mir die Texte sehr wichtig«, erklärt Deaf Sty. »Aber es ist eben immer ein Kampf. Das Album war eine Art Selbstfindungsprozess. Wer bin ich, wo möchte ich hin, und was passiert auf dem Weg dahin. Kein besonders ausgefallenes Thema eigentlich. Aber das hat mich eben beschäftigt.« Und dürfte bald noch eine ganze Menge anderer Leute beschäftigen.

   Psycho Boy Happy erscheint am 14. September bei Four Music / Sony. Nachfolgend gibt es das ganze Album im exklusiven Stream vorab zu hören. Sizarr spielen am Wochenende beim Berlin Festival und sind ab Oktober auf – Termine hier.

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Videos von Sizarr gibt es auf tape.tv!

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  • jaro

    Ohje, wie hier immer auf dem Tatbestand rumhgehackt wird, dass die Jungs, aus Landau, oh die Armen, aus der Provinz kommen!! Klar, da mussten sie ja Musik machen, um die drohende Alternative, den Freitod durch unerträgliche Langeweilie neben Feld, Wald und Wiese, gerade noch abwenden zu können. Es ist lächerlich und zeugt leider nur vom großen gesamtdeutschen popkulturellen Selbstzweifel. Ja, Deutschland ist Provinz, und die besten deutschen Musiker kommen aus der Provinz und ziehen irgendwann nach Berlin, werden sie nicht früher entdeckt und in die große Welt entlassen. Schade, dass popkulturelle Journalisten derart blasiert und konsum-abhängig sind, dass sie sich nicht vostellen können, dass ein Leben in der “Natur”, lebenswert und sehr inspireierend sein kann. Zwischen Frankfurt und Stuttgart tut sich einiges, das hat mit Proviz nur noch äußerlich etwas zu tun…

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