Sizarr: Aus dem Nichts deines Vertrauens — Album »Psycho Boy Happy« jetzt komplett im exklusiven Stream

Text:

sizarr-amos-fricke
Foto — Amos Fricke

*

Sizarr suchen das Epische im Elementaren und die weite Welt am Wellbach. Auf diese Weise haben die drei jungen Pfälzer eine der besten Platten des Jahres aufgenommen. Servus Schülerband, hallo Welt.

   Philipp Hülsenbeck, Fabian Altstötter und Marc Übel sind gerade einmal volljährig. Aber sie kennen sich aus mit dem, was man heute manchmal versehentlich für Ruhm hält. Mit ihrem elegisch-eklektischen Internetpop waren die drei Landauer die Entdeckung des Jahres 2010 (BR). Sie waren außerdem die Entdeckung des Jahres 2011 (Intro). Und wenn nicht alles schief geht, dann werden sie in diesem Jahr endlich richtig entdeckt. Ihr fulminantes Debütalbum Psycho Boy Happy (weiter unten im exklusiven Stream) nämlich fasst perfekt in Songs, was ihnen seit Jahren in einer Mischung aus ehrlicher Verblüffung und Grundverdacht gegenüber ihrer Generation angedichtet wird: die Gabe, die Wunderwelt des Pop nach den besonders bunten Steinchen zu durchforsten und diese zu einem ureigen schimmernden Klangkaleidoskop zu verbauen.

   In den Songs von Sizarr schwingen Wave und Warp mit, Arthur Russell, Animal Collective und Afrobeat, Style Council und Flying Lotus und Futuristen-R’n’B und all der andere tolle Wahnsinn eben, der einem eine Provinzjugend zwischen Weinund Hobbykeller schon mal ein ganzes Stück erträglicher erscheinen lässt. Und doch klingen die Stücke immer nach Sizarr. Nach den polyrhythmischen Spielereien von Schlagzeuger Gora Sou (Marc), den stilsicheren Synthieschichten von $PMoney$ (Philipp) und dieser erstaunlich markanten Stimme von Deaf Sty (Fabian), die gleichzeitig durchdringend klingt und auf wundersame Weise unaufdringlich. »Ich mag Musik, die man nicht verorten kann, weder zeitlich noch sonst wie«, sagt Deaf Sty. In diesem Sinne kommt Sizarrs Sound aus dem Nichts. Auch wenn einem das Nichts irgendwie verdammt vertraut vorkommt.

   Dabei begannen Marc und Philipp eher klassisch, als covernde Dorfpunks. »Wir haben Ramones gespielt, auch Green Day und so Zeug – nur den geilen Scheiß halt«, lacht $PMoney$. Den ersten Auftritt absolvierten die beiden 2005 beim Weinfest auf dem elterlichen Gut, vor 800 Zuschauern und unter tatkräftiger Mithilfe von Mama Übel, die als heimliches Bandmitglied den, nun ja, Pegel regulierte. »Die Leute mochten das natürlich, weil wir so klein waren. Aber eigentlich war es total scheiße.« 2009 schließlich schloss sich Philipps Kumpel Fabian dem Duo an, seitdem gelten Sizarr als mindestens beste Schülerband der Welt und letzter Geheimtipp in einer Welt ohne Geheimnisse. Diesen zweifelhaften Status sind die drei nun los.

   Inzwischen von lästigen Schulpflichten befreit und zu zwei Dritteln ins ungleich mondänere Mannheim übergesiedelt, nahmen sie die zwölf Songs von Psycho Boy Happy in einem knappen Jahr im Keller der gemeinsamen WG mit Produzent Markus Ganter auf. Meist kam erst der Beat, dann die Melodie und schließlich der Text, als letztes und konkretestes Element einer raumlosen Musik. »Dabei sind mir die Texte sehr wichtig«, erklärt Deaf Sty. »Aber es ist eben immer ein Kampf. Das Album war eine Art Selbstfindungsprozess. Wer bin ich, wo möchte ich hin, und was passiert auf dem Weg dahin. Kein besonders ausgefallenes Thema eigentlich. Aber das hat mich eben beschäftigt.« Und dürfte bald noch eine ganze Menge anderer Leute beschäftigen.

   Psycho Boy Happy erscheint am 14. September bei Four Music / Sony. Nachfolgend gibt es das ganze Album im exklusiven Stream vorab zu hören. Sizarr spielen am Wochenende beim Berlin Festival und sind ab Oktober auf – Termine hier.

*


Videos von Sizarr gibt es auf tape.tv!

Weiterführende Artikel

  • Heimatreisen Kalender oder Smartphone zücken und aufgehorcht: Auch Sizarr und Messer haben eine Vielzahl neuer Termine bestätigt. Im Herbst kann mensch somit vielerorts wahlweisen trickreichen Breit...
  • Rudi Zygadlo Tragicomedies Alle neun olympischen Schutzgöttinnen der Künste besingt Rudi Zygadlo auf seinem in einer Woche erscheinenden Album Tragicomedies zwar dann doch nicht. Von himmlischer Qualität ist es dennoc...
  • Dear Dagobert: Sizarr »Hast du auch so viel Spaß« Aufgrund des morgigen Feiertags gibt es schon heute den dritten Teil aus der Reihe »Dear Dagobert«. Diesmal legen Sizarr ein schaurig-schönes Cover von »Hast du auch so vie...

Kommentiere den Artikel

  • Die neue SPEX N°354

    SPEX N°354 – die Juli/August 2014 Ausgabe

    SPEX N°354 – ab sofort (versandkostenfrei) im SPEX-Shop und ab Donnerstag, dem 26. Juni, am Kiosk!

    »Pop role model« der Zukunft: FKA twigs, Paul Weller vs. Michael Rother, Sleaford Mods, Psychotrip mit den Temples, La Roux, Fucked Up, Nerd-Serie Silicon Valley, die Lieder des spanischen Bürgerkriegs, Rad Hourani im Modegespräch, Modestrecke Gender Surrender, Vorspiel für Marshall Allen, How To Dress Well, Jungle, Vow & Body Betrayal, April Ashley im Porträt, Myriam Gendron, Esther Perbandt, Human Abfall, Jacques Ferrandez & Albert Camus, Shamir u. v. m.

    Dazu: die SPEX-CD N°118!

    SPEX – auch im Abo mit Prämie!
    8 Hefte8 CDsnur 40 Euro

    Immer 1 Woche vor Kiosk frei Haus
    Jetzt abonnieren!




  • Musik-VÖs in dieser Woche

    La Roux Trouble In Paradise

    KW 29 (18.07.)

    La Roux Trouble In Paradise (Albumsampler)
    To Rococo Rot Instrument
    Luluc Passerby
    Hollerado White Paint
    King Creosote From Scotland With Love
    The Ramona Flowers Dismantle And Rebuild
    Graveyard Train Hollow
    Dakota Suite & Quentin Sirjacq There Is Calm To Be Done
    Xeno & Oaklander Par Avion
    WIZO Punk gibt's nicht umsonst! (Teil III)

    Weitere Neuveröffentlichungen dieser & der nächsten Woche finden sich im SPEX-Kalender.

  • SPEX präsentiert live

    La Roux

    SPEX präsentiert die aktuellen Tourneen von Banks, Die Nerven, Interpol, The Internet, Tune-Yards, Dean Blunt, Parquet Courts, Darkside, Heimatlieder aus Deutschland, Neutral Milk Hotel, Perfect Pussy, Thurston Moore, Lauryn Hill, Goat, Azealia Banks, Angel Olsen, Fat White Family, Sohn, Anges Obel, Caribou, Kreisky, Maxïmo Park, St. Vincent, My Brightest Diamond, Lykke Li, Mac DeMarco, Kate Tempest, La Roux sowie das Bilbao BBK Live Festival.

  • SPEX–Ticketshop

    SPEX-Tickets gibt es hier!


Spex International
Read more English Spex articles

Blogs