Friends
Empathie und Menschenliebe über dunklen Abgründen
Text: Matea Prgomet
Foto — Rosa Rendl
Oliver Duncan, Lesley Hann, Samantha Urbani, Nikki Shapiro, Matthew Molnar
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»Es waren die dunkelsten, schlimmsten Tage meines Lebens«, sagt Lesley hann, Bassistin der aus Brooklyn stammenden Glampop-Band Friends. Tatsächlich legt der Gründungsmythos der Truppe die Vermutung nahe, er sei erfunden, weil er einfach zu absurd klingt, um tatsächlich so stattgefunden zu haben. »Ich wünschte, die Geschichte würde nicht stimmen, aber leider ist sie absolut wahr«, fügt Hann hinzu. Sie habe damals wirklich zur heutigen Friends-Sängerin Samantha Urbani ziehen müssen, weil ihre eigene Wohnung über und über mit Bettwanzen verseucht gewesen sei, und ja: Ihr gesamtes Hab und Gut, einschließlich der von ihrer Großmutter geerbten antiken Möbel, musste in den Müll. Zu allem Überfluss geschah das Ganze auch noch an Lesley Hanns Geburtstag, und sie trug seit fünf Tagen dieselben stinkenden Klamotten am Leib. »Dunkle Zeiten für uns alle«, ergänzt Matthew Molnar, der Keyboarder der Band. »Aber wir leben ganz nach dem Grundsatz, Leid in etwas Positives verwandeln zu wollen.«
Ein Leitmotiv, das aus heutiger Sicht wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung wirkt: Die Bettwanzen führten zur ersten gemeinsamen Jam-Session, man hing ja sowieso schon in dieser winzigen Wohnung ab, da konnte man auch gleich gemeinsam Musik machen. Alles Weitere war nur noch eine Frage der Zeit. Einige Wochen nach Hanns Zwangsumzug lernten Samantha und Lesley den Musiker Darwin Deez kennen, mit dem sie gemeinsam in der Küche eines New Yorker Restaurants arbeiteten. Eins kam zum anderen, man hatte gemeinsame Freunde, und zweieinhalb Monate nach Lesleys Bettwanzenplage unterschrieben Friends einen Plattenvertrag bei Lucky Number, dem Label, bei dem auch Darwin Deez unter Vertrag steht – und auf dem nun Manifest! erscheint, das erste Album der New Yorker.
Was hier nach einer nicht ganz so unvorhersehbaren Verkettung von glücklichen Zufällen mitsamt einer Prise amerikanischem Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Kitsch klingt, führte in diesem Fall tatsächlich zur Gründung einer besonderen Band. Der Reiz dieser Musik ergibt sich vor allem aus der Tatsache, dass sie mit kickender Drummachine, catchy Melodien und funkigen Basslinien zwar ziemlich offensichtlich made in Brooklyn ist, sich hinter diesen Szene-Insignien aber auch noch eine weitere, sehr viel interessantere Ebene öffnet: Der teils schimmernd-glamouröse, teils beißend freche Sound von Friends findet immer wieder den Weg ins Frivole, changiert permanent zwischen Düsternis und unbesonnener Pop-Grandezza. Bisweilen blitzt unter der schillernden Glam-Oberfläche ein wenig Postpunk hervor, was wie ein störrischer Makel im perfekt gewebten Popteppich wirkt. Mit solchen Störern arbeiten Friends auf Manifest! durchaus bewusst: Wenn der Bass im Chorus von »Friend Crush« krautrockartig demontierend stottert und das Schlagzeug fast ein wenig zu mechanisch scheppert, erinnert das in seiner monochromen Ausweglosigkeit an Joy Division – wäre da nicht die in dieser Musik stets mitschwingende Leichtigkeit des frühen David Bowie, die den Abgrund elegant übertüncht.
Das aber wirklich Herausragende an Friends ist Samantha Urbani. Sie ist das kreative und spirituelle Zentrum der Band, das funkelnde Auge eines Wirbelsturms. Einmal mit der Stimme und Präsenz dieser Frau in Berührung gekommen, gibt es kein Entrinnen mehr. Sie singt, als wolle sie die ganze Welt für sich einnehmen, um sie danach mit Goldstaub zu überziehen. Dabei scheint es, als gehe es hier nicht nur um die Pseudo-Emanzipation eines frech kokettierenden Popsternchens, sondern viel mehr um wahre Selbstbestimmung. »Autonomie und Unabhängigkeit sind wesentlich für mich«, sagt Urbani dazu. »Viele Menschen beschränken sich zu sehr auf das Konzept eines sozial institutionalisierten Standards für zwischenmenschliche Beziehungen. Ich aber glaube an ein Freiheitskonzept, sogar im großen Kontext: Es geht immer darum, sich nicht besitzen zu lassen und nicht besitzergreifend zu sein.« Wohnt man Urbanis explosiver und schweißtreibender Selbstverausgabung während einer Live-Show bei, so liegt tatsächlich ein gehöriges Maß an Selbstbestimmung in jedem Tritt, jedem Zwinkern und jedem Haareschütteln. auch kommt man ob der einem entgegengeschleuderten positiven Energien und exzessiv praktizierten Fanliebe nicht herum, sich zu fragen, aus welcher Quelle sich die extrem expressive Lebensbejahung dieser Frau wohl speisen mag. Samantha singt »I wanna be your friend«, springt ohne jedes Zögern ins Publikum, lacht, feixt, umarmt, berührt mit einem Enthusiasmus, als gelte es, jeder einzelnen ihre Zuneigung persönlich zu versichern. Auf die Frage, ob sie ein glücklicher Mensch sei, da ihre Songs so positiv und ihre Live-Auftritte so energiegeladen sind, schweigt sie zunächst einen Augenblick lang.
»Ist das so?«, fragt sie schließlich, und dann kommt etwas Unerwartetes: »Ich habe in meinem Leben bereits intensive Tragödien erlebt, über die ich öffentlich noch nicht gesprochen habe, weil ich das Thema in den richtigen Kontext rücken möchte. Mein älterer und einziger Bruder, dem ich sehr nahestand, starb, als ich 16 war. Im Laufe der nächsten Jahre starben weitere meiner jungen Freunde um mich herum. Ich hatte so ungewöhnlich viele junge Todesfälle in meinem nächsten Umfeld, dass es nahezu unglaublich schien. Dieses Sterben hat definitiv meine ganze Lebensperspektive völlig verändert, vor allem die Art, wie ich mit Menschen umgehe. Ich versuche in meinen zwischenmenschlichen Beziehungen so aufmerksam und mitfühlend wie möglich zu sein. Nach all diesen Verlusten wurde mir umso bewusster, wie essenziell, wie wichtig Empathie und Menschenliebe sind. Du hast nämlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder du stürzt in ein tiefes Loch und bringst dich um oder dir wird klar, wie überwältigend absurd dieses Leben ist.« Und plötzlich denkt man wieder an den alten Mythos vom leidenden Künstler, der seine Inspiration aus dem Leid schöpft und das Unglück als wahren Motor der Kunst nutzt.
Man müsse seine Depression, seine Angst akzeptieren, um Musik machen zu können, die nach Glück klingt, betont Samantha. Sie sei eben Dualistin: »Ich kann nur Helligkeit in mir tragen, weil dort auch genauso viel Dunkelheit ist.«
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Friends »I'm His Girl«
Friends »Friend Crush«
Friends »Mind Control«
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Friends Manifest! Lucky Number / Cooperative Music

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