United States of Censorship – Jenny Holzer

Grell schweigende Blöcke

Text:

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Foto — Wolfgang Tillmans

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Es gibt einen produktiven Umweg von der Sprache hin zur Malerei: die Zensur. Diverse Verschleierungstaktiken, die Worte in ihrer Macht beschneiden und unschädlich machen sollen, markieren den gemeinsamen Ausgangspunkt in der malerischen Praxis von Jenny Holzer und Andy Boot. Die 1950 in den USA geborene Holzer bezieht das Material für ihre Bilderserien in jüngerer Zeit vor allem aus zu einem Großteil geschwärzten Dokumenten der amerikanischen Regierung. Boot, 1987 in Australien geboren, findet seine Vorlagen unter anderem im gefilterten Datenmüll des Internets. Während die staatlichen Dokumente in Holzers Malerei ihren Layout-Charakter nie ganz verlieren, ergeben sich aus Boots Datensätzen lose zueinander in Beziehung stehende Bildteilchen. Die No-Sense-Filter haben in beiden Fällen markante Spuren hinterlassen, deren Weg die KünstlerInnen zwar nicht zurück zur Quelle, dafür aber zu neuen Ufern der Malerei führt. Holzers Übersetzung scheint dabei geprägt von einem feinfühligen Umgang mit malerischen Traditionen, Andy Boot hingegen hat diese Konventionen fallengelassen – und zwar im wörtlichen Sinne. Eine Gegenüberstellung beider Positionen.

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JENNY HOLZER / ANDY BOOT

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Es überrascht, in welch sakralem Licht die jüngste Ausstellung von Jenny Holzer strahlte. Betrat man die im Mai und Juni in der Berliner Galerie Sprüth Magers gezeigte Schau namens Endgame, passierte man erst Monument aus dem Jahr 2008, eine rot und blau leuchtende LED-Installation, die heute schon als Klassiker der US-amerikanischen Künstlerin gelten kann. Im Hauptraum traten 14 Tafelbilder derart inszeniert in Erscheinung, dass sie Assoziationen an den Kreuzweg wachrufen konnten.

   Am Anfang von Jenny Holzers Erfolg war das Wort, und das Wort ist nun wieder Malerei geworden. Nach über 30-jährigem Schaffen im Feld der medialen Kunst kehrte die 1950 geborene und heute in Upstate New York lebende Künstlerin in den letzten Jahren zu ihrem ursprünglich erlernten Handwerk zurück, zu Pinselstrichen, zu bunten Farbverläufen, zu Öl auf Leinwand.

   Protect Me From What I Want war einer der Sätze, die Holzer vor 30 Jahren in leuchtenden Lettern über einen Reklamebanner am New Yorker Times Square laufen ließ. In den Straßen von Manhattan hatte sie sich zuvor mittels einer Guerillataktik Ausdruck verschafft, indem sie Plakate mit anonymen Botschaften in Telefonzellen und an anderen öffentlichen Orten anbrachte. Holzer nannte diese Einzeiler Truisms (Allgemeinplätze), und sie wurden zur fortwährenden Begleiterscheinung ihrer künstlerischen Laufbahn. In Form von großformatigen Projektionen zierte sie damit weltweit die Fassaden zahlloser berühmter Gebäude, vom Rockefeller Center in New York bis zum Palazzo Bargagli in Florenz.

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Jenny Holzer
TOP SECRET 24 black
U.S. government document
, 2011
Öl auf Leinwand
(c) Jenny Holzer / Artists Rights Society (ARS), NY, 2012
Courtesy Sprüth Magers Berlin London

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Holzer übersetzt Worte gewissermaßen in visuelle Körper. Bekannt sind vor allem ihre skulptural arrangierten Laufschriftleuchtbänder, die Lesen mitunter zum rein ästhetischen Erlebnis machen: Wo das Bombardement des Textflusses die Aufnahmefähigkeit des menschlichen Auges übersteigt, versagt auch der Verstand in puncto Sinnproduktion. Diese sensorisch-kognitive Beschränkt heit nutzt Holzer geschickt, um Ohnmacht als abstrakte Qualität begreifbar zu machen.

   Mit der zunehmenden Popularität ihrer Werke – 1990 vertrat Jenny Holzer als erste Frau die USA bei der Biennale in Venedig – stieg auch das Verbreitungspotenzial ihrer Botschaften. Holzers Slogans profilierten sich mitunter auch auf Merchandising-Artikeln, etwa auf Camouflage-Baseball-Caps, und sie schmückten sogar eine MTV-Kampagne. Widmete sich Holzer zwischen 1977 und 2001 hauptsächlich der eigenen Textproduktion, wandte sie sich später der Arbeit mit Zitaten zu. Neben literarischen Quellen zieht Holzer dabei auch immer wieder von den Vereinigten Staaten protokollierte offizielle Dokumente heran, die die Methodik und Grammatik der amerikanischen Kriegsführung aufrollen. Aus diesem Fundus bedienten sich 2005 die sogenannten Redaction Paintings. Holzer bläst darin Memos, handschriftliche Protokolle und elektronische Briefe der amerikanischen Exekutive zu gemäldeartigen Wandbildern auf.

   Wird der Staat genötigt, streng geheime Dokumente zu publizieren (etwa durch den Druck der Öffentlichkeit oder auch nach Anfrage einer Einzelperson, wie in den USA durch den Freedom of Information Act garantiert), erscheinen gerade die delikaten und sinngebenden Stellen vielfach geschwärzt, somit unleserlich und gänzlich undurchschaubar. Das normalerweise faktische Sicherheit versprechende Schwarz auf Weiß bekommt so eine neue Qualität.

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Jenny Holzer Endgame
Installationsansicht
Foto – Jens Ziehe
(c) Courtesy Sprüth Magers Berlin London

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Holzers jüngere Werke sind Abbilder dieser Verschleierung. »Ich war im National Security Archive und ähnlichen Einrichtungen, um einzusehen, was Soldaten, Offiziere, das FBI, Häftlinge, Politiker, Gesetzgeber, Entscheidungsträger, Anwälte, die Regierung und der Präsident aufgezeichnet hatten«, erklärte Holzer vor Kurzem in einem ihrer seltenen Interviews. »Ich wollte wissen, was passiert war. In letzter Zeit habe ich mich nun auf Dokumente konzentriert, die fast zur Gänze zensiert wurden, ich versuche, sie in einer Art rückführendem meditativen Prozess zu malen. Manchmal benutze ich dafür Farben, als eine Art von Hoffnung.«

   Die ästhetische Qualität dieser Arbeiten entwickelt sich aus den Spuren der Zensur auf den zugrunde liegenden Dokumenten. In den Bildern, die in der Ausstellung Endgame gezeigt wurden, erscheinen diese Spuren als schwarze Blöcke oder in leuchtend bunten Farbverläufen auf der Leinwand. Sie liefern nur weitere undurchsichtige Antworten auf Fragen nach den konkreten Fakten dahinter, stechen bei Holzer aber umso mehr ins Auge, da sich die grell schweigenden Farbblöcke quasi gegen die Blicke der Betrachter formieren. Trotz eingeschränkter Sicht wird vieles klar, gerade wenn Holzer jenen Personen eine Stimme verleiht, die mittels Gewalt ruhig gestellt wurden oder nur zwischen den (geschwärzten) Zeilen vorkommen.

   In ihrer Konsequenz ist Jenny Holzer ein aufmerksames Kontrollorgan. Aber gewiss hat manch Betrachter ihre Bilder und manch Lesefauler ihre bunt leuchtenden Lauftexte weniger als Subversion, sondern vielmehr als Chic begriffen. Was die Verbreitung von Terror und Schrecken betrifft, gibt es gewiss eindeutigere Ausein andersetzungen und in ästhetischer Hinsicht komplexere Zeugnisse als diese, dennoch: Jenny Holzer zeichnet mit dem Schwarz auf Weiß und mit den farbig leuchtenden Balken ihrer Endgame-Bilder souverän das Bild einer Gesellschaft, die sich in Konfliktsituationen zwar gerne bunt, aber blank gegenüber ihrer Verantwortung zeigt.

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Jenny Holzer Sophisticated Devices
bis 18. August, Sprüth Magers London, 7A Grafton Street, London W1S 4EJ

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