United States of Censorship – Andy Boot
Spaghetti-Bildrauschen
Text: Jakob Neulinger
Foto — Martin Bilinovac
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Es gibt einen produktiven Umweg von der Sprache hin zur Malerei: die Zensur. Diverse Verschleierungstaktiken, die Worte in ihrer Macht beschneiden und unschädlich machen sollen, markieren den gemeinsamen Ausgangspunkt in der malerischen Praxis von Jenny Holzer und Andy Boot. Die 1950 in den USA geborene Holzer bezieht das Material für ihre Bilderserien in jüngerer Zeit vor allem aus zu einem Großteil geschwärzten Dokumenten der amerikanischen Regierung. Boot, 1987 in Australien geboren, findet seine Vorlagen unter anderem im gefilterten Datenmüll des Internets. Während die staatlichen Dokumente in Holzers Malerei ihren Layout-Charakter nie ganz verlieren, ergeben sich aus Boots Datensätzen lose zueinander in Beziehung stehende Bildteilchen. Die No-Sense-Filter haben in beiden Fällen markante Spuren hinterlassen, deren Weg die KünstlerInnen zwar nicht zurück zur Quelle, dafür aber zu neuen Ufern der Malerei führt. Holzers Übersetzung scheint dabei geprägt von einem feinfühligen Umgang mit malerischen Traditionen, Andy Boot hingegen hat diese Konventionen fallengelassen – und zwar im wörtlichen Sinne. Eine Gegenüberstellung beider Positionen.
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JENNY HOLZER / ANDY BOOT
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Andy Boot sammelt und speichert, was der Großteil der Menschheit unge sehen entsorgen lässt: Spam.
Der 1987 in Australien geborene, in Wien lebende Künstler archiviert sorgsam den Datenmüll, der via E-Mail an ihn geschickt wird, und destilliert daraus einen Teil seiner künstlerischen Praxis. Dabei geht es ihm weniger um die Inhalte der Nachrichten, die sich größtenteils um die Leistungssteigerung des männlichen Geschlechtsorgans drehen; in Boots Interesse stehen vielmehr die taktischen und ästhetischen Erscheinungsformen, mit denen diese Sendungen ausgestattet sind, um die Feuerwände der Filterung zu durchbrechen. Für das pharmazeutische Präparat \:AG®@ (Viagra) beispielsweise gibt es mehr als eine Million Schreibweisen, und aus vielen, die ein Computer nicht erkennt, kann sich ein menschlicher Empfänger immer noch einen Reim machen.
Die einer Nachricht angehängten Bilder werden von Filterprogrammen Pixel für Pixel nach entsprechenden Merkerwörtern, sogenannten Flagwords, abgetastet. Um der Filterung zu entgehen, zeichnet sich das oft heikle Bildmaterial durch markante visuelle Verschleierung aus. Verdreht, verzerrt oder von Spaghetti-artig anmutenden Bildstörungen gemustert, verschieben sich diese Montagen – analytisch betrachtet – zu komplexen Bildkompositionen, beinhalten vordergründig aber eher eine flache, eindeutige Botschaft: Kauf mich!
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Andy Boot
Untitled (blue), 2012
Gymnastikband, Wachs, Rahmen
(c) Courtesy Croy Nielsen, Berlin
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Hier setzt Andy Boot das digitale Messer an und seziert aus den Montagen weniger ihren semantischen Sinn als vielmehr das Schema ihrer Camouflage: Das Tarnen und Täuschen folgt visuellen und taktischen Überlegungen, und Boot bedient sich in seinen Werken genau dieser beiden Strategien. Im Jahr 2010 entstand eine Serie von Arbeiten auf Papier und Leinwand, auf die der Künstler in der Manier des erwähnten Spaghetti-Bildrauschens in Farbe getränkte Nudeln warf: Background (Two), (Three). Damit gelang es ihm, die Verhandlung von Gestus und Tradition der Malerei gleichermaßen herauszufordern. Boots Serie vereint Bilder, deren gemeinsames Ordnungsprinzip ein dynamisches ist. Unentschieden zwischen Vorder- und Hintergrund, zeigen sich auf dem Bildträger die bunten Spuren seines Nudelwurfs als wurmartige Markierungen, deren Erscheinung zwischen Individuum und Schwarm oszilliert. Man könnte sich fragen, ob diese Farbflecken bloß einen Ausschnitt eines größeren Ganzen jenseits der Bildgrenze darstellen. Sie fristen ein interpassives, informelles Dasein, könnten sich in ihrem wiederholten Auftreten zwar zu einem regelmäßigen Muster formieren, doch da sie das nicht tun, entziehen sie sich einer strengeren Einordnung.
In der Skulptur Surface (Two), ebenfalls von 2010, verwendet Andy Boot das immer gleiche Laminat-Musterstück Bacterio des Designers Ettore Sottsass. Der Entwurf von Sottsass erscheint als logisch gewähltes Zitat, gilt er doch historisch betrachtet als einer der Parademultiplikatoren der gestalterischen Erscheinungsform: der Nudel. Sottsass entwickelte und proklamierte die Anwendung dieses Motivs im Rahmen der von ihm im Jahr 1980 initiierten Memphis Group. Die Mitglieder dieses Kollektivs verschrieben sich einer Art von Anti-Design, als dessen Botschafter Bacterio fungierte, indem sich die Form über allerlei Interieur wie Hocker oder Teppiche wuchernd ausbreitete. Diese Vorlage überträgt Boot wiederum auf eine Paravent-artige Wand mit einem kreisrunden Ausschnitt. Je nach Betrachtungsabstand scheint sich das Bacterio-Muster zu verändern, die Maserung kann sich nicht als durchgängige und schlüssige Fläche behaupten. Durch subtile, aber regelmäßige »Kopierfehler« entsteht ein optisches Raster, das den Blick irritiert und mit der nahtlosen Schönheit ornamentaler Gestaltung bricht.
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Andy Boot
Trombone, 2012
Handgetuftete Wolle
(c) Courtesy Croy Nielsen, Berlin
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Für eine Einzelausstellung in der Berliner Galerie Croy Nielsen im Mai 2012 hat Andy Boot Motive aus seinem digitalen Papierkorb gefischt und auf zwei Teppiche weben lassen. Der Teppich galt früher als ultimatives Wohnaccessoire der Nomaden, bot er doch einen flexiblen, einfach zu transportierenden Grund und Schutz vor den Unreinheiten der Erde. Auch Trombone und Submits, Andy Boots Netzwerke aus Stoff, haben einen weiten Weg hinter sich. Der Künstler hat sie nach seinen Vorlagen in Nepal von Hand anfertigen lassen. Am Boden der Galerie reflektieren sie schließlich die lange Reise zwischen dem virtuellen und dem realen Raum der Gestaltung.
An den Wänden zeigte Boot bei Croy Nielsen die Bilderserie Untitled (Black), (Navy Blue), (Pink) von 2012. Der Künstler hat hierfür wiederholt bunte Gymnastikbänder in Bilderrahmen fallen lassen und sie anschließend mit weißem Wachs fixiert. Der Akt des Fallenlassens unterbricht das sportlich-rhythmische Bewegungsmuster, dem die Bänder normalerweise so treu folgen; das erstarrte Wachs zwingt eine dreidimensionale Anordnung letztendlich in eine flächige Abbildung, deren optische Erscheinung an digitale Manipulation erinnert.
Andy Boot thematisiert damit äußerst geschickt den Fall, wie aus quasi beliebigen Dingen Objekte künstlerischer Auseinandersetzung werden können. Schon Marcel Duchamp hatte mit seinen Trois Stoppages-Étalon (1913/1914) ein ganzes Regelwerk aus dem Output von drei Fäden kreiert, die er aus einem Meter Höhe zu Boden warf. Andy Boot knüpft hier an und beweist selbstreferenziellen Umgang mit den Entscheidungen, die Gestalt und Charakter seines Werks prägen: indem er den Akt, etwas »ins Bild fallen zu lassen«, eben genau als solchen versteht.
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Gruppenausstellung Idea Is the Object
bis 24. August, D'Amelio, 525 West 22nd Street, New York, NY 10011
Gruppenausstellung Needles In the Camel's Eye
bis 8. September, Thomas Duncan, 6109 Melrose Avenue, Los Angeles, CA 90038
Andy Boot –
ab 22. September, Renwick, 45 Renwick Street, New York, NY 10013

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