Sadik al-Azm
»Die Politik ist zu den Menschen zurückgekehrt«
Text: Christian H. Meier
Foto — Stefanie Herrmann
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Der syrische Philosoph Sadik al-Azm (Selbstkritik nach der Niederlage, Islam und säkularer Humanismus) sprach für SPEX N°339 über die Errungenschaften des arabischen Frühlings, die Zukunft der Islamisten und Saddam Husseins Angst vor Schreibmaschinen. Mittlerweile wurde in Libyen eine neue Nationalversammlung gewählt und Mohammed Mursi zum neuen Staatspräsidenten Ägyptens. In al-Azms Heimat dauert der Kampf gegen das System al-Assads hingegen unentwegt an.
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Sadik al-Azm, sind dies eigentlich freudige Tage für einen Säkularisten wie Sie? Der Arabische Frühling hat mehrere Regimes zu Fall gebracht. Zugleich sind heute islamistische Parteien an den Regierungen in Tunesien und Marokko beteiligt und dominieren das Parlament in Ägypten.
SADIK Al-AZM Die Freude ist sicherlich nicht ganz ungetrübt. Was all dies zu einem freudigen Ereignis macht, ist der Umstand, dass sich ein neuer Horizont aufgetan hat. Die arabische Welt und speziell die Länder des Arabischen Frühlings haben beinahe ein halbes Jahrhundert lang in dem Gefühl gelebt, blockiert zu sein – wie in einem geschlossenen System, in dem sich alles ständig wiederholt. Nun gibt es Bewegung und Fortschritt. Darin liegt für mich die eigentliche Bedeutung des Arabischen Frühlings: die Rückkehr der Menschen zur Politik und die Rückkehr der Politik zu den einfachen Menschen.
Das ist die hauptsächliche Errungenschaft der Aufstände?
Ja, das ist der positive Aspekt: Die Barriere der Angst wurde niedergerissen – der Angst vor dem Sicherheitsstaat, den »Mukhabarat« ...
... den gefürchteten »Nachrichtendiensten«...
...dem Kriegsrecht und so weiter. Und zwar dieses Mal nicht von den Amerikanern, wie 2003 im Irak. Damals konnte man sehen, wie impotent das irakische Volk gegenüber dem skrupellosen Tyrannen Saddam Hussein war: Selbst Saddams Statue konnten sie nicht alleine niederreißen, ein amerikanischer Panzer musste es für sie tun. Im Gegensatz dazu wurde die Barriere der Angst nun von den Menschen selbst durchbrochen. Zum ersten Mal in unserer Geschichte haben wir in der öffentlichen Politik eine Atmosphäre, die man karnevalesk nennen könnte.
Karnevalesk – was meinen Sie damit?
Es hat etwas von einem Karneval. Die Beteiligung von Frauen beispielsweise: Manche mit Kopftuch, manche ohne – aber eine so große Beteiligung von Frauen war etwas Neues. Auch früher haben sie sich an Protesten beteiligt, aber in geringerer Anzahl. Dann der Umstand, dass Kinder dabei waren – früher hätten die Menschen so etwas nie getan, ihre Kinder möglichen Gefahren aussetzen. Es wurde gesungen, es wurde getanzt, es gab Theatervorführungen – insbesondere auf den verschiedenen Tahrir-Plätzen. Es gab Bodypainting. Und man konnte sehen, dass – trotz der Repressionen – die Gesichter der Teilnehmer nicht ernst und streng waren, wie früher. Die Gesänge, die Graffiti, die Cartoons – all das ist völlig neu für den politischen Protest in der arabischen Welt.
Aber das Entscheidende am Karneval ist doch, dass er nur einen festgelegten Zeitraum währt.
Wenn man beispielsweise nach Kairo schaut, dann hatte der Karneval sicherlich einen Anfang und ein Ende. Er endete mit dem Sturz Hosni Mubaraks. Danach gab es Versuche, den Karneval wiederzubeleben. Aber sie haben nicht gefruchtet. Es gab etwas sehr Charismatisches an diesem Moment, was sich nicht einfach so wiederholen lässt. Auch das ist neu: Das Charisma liegt in der Menge, im Moment selbst, es ist nicht auf eine Führungspersönlichkeit oder Partei konzentriert.
Lassen Sie uns auf die Islamisten zurückkommen: Ganz glücklich können Sie doch nicht sein mit der politischen Landschaft, die sich seither herausgebildet hat.
Sie haben natürlich Recht: Als Säkularist, als jemand, der für Menschenrechte und Demokratie gekämpft hat, sehe ich die gegenwärtigen Resultate etwa in Ägypten mit Sorge. Aber nun, da sich dieser Horizont geöffnet hat, ist ein Prozess entstanden, der seinen Lauf nehmen muss. Die islamischen Strömungen in unseren Gesellschaften sind nun mal vorhanden, und ich denke, es ist besser, wenn die Islamisten Teil dieses politischen Prozesses sind, als wenn sie davon ausgeschlossen werden. Auf die eine oder andere Weise wird sich eine natürliche Auslese ergeben.
Sie meinen, dass sich die Islamisten durch die Konkurrenz zu anderen Parteien verändern werden?
Die Muslimbrüder in Ägypten beispielsweise haben ihre früheren Forderungen zum Teil völlig vergessen. Sie forderten immer die sofortige Einführung der Scharia – das hören wir heute nicht mehr. Sie warben mit dem Slogan: »Der Islam ist die Lösung«. Auch das hören wir nicht mehr. Stattdessen sehen sie das Modell für ihre Politik nun in der Türkei. Die Muslimbrüder unterliegen der Illusion, dass sie eine Renaissance für Ägypten herbeiführen könnten, so wie die AKP, die »Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung«, das in der Türkei getan hatte: eine islamische Partei, die weite Akzeptanz in einer religiösen Bevölkerung findet, sich aber auch der Modernisierung sowie der Lösung der gesellschaftlichen Probleme verpflichtet fühlt. Ob sie damit Erfolg haben werden oder nicht, vermag ich nicht zu sagen. Ich persönlich bezweifle es.
Deswegen sprechen Sie von Illusion.
Ja, ich glaube nicht, dass sie in der Lage sein werden, so etwas zu schaffen. Aber sie haben die Absicht. Und diese Illusion hat einen positiven Aspekt, denn sie legt ihren fundamentalistischen Instinkten Zügel an.
Während die politischen Programme moderater werden, gibt es im kulturellen Bereich aber besorgniserregende Entwicklungen. Kürzlich wurde der ägyptische Schauspieler Adel Imam verurteilt, weil er in seinen Komödien den Islam beleidigt haben soll. Ist das der Preis, den wir für die politische Integration der Islamisten zu zahlen haben?
Es wird noch eine ganze Reihe von Auseinandersetzungen über die Grenzen der Meinungsfreiheit geben. Wenn es in Ägypten freie und faire Wahlen gibt, heißt das nicht, dass automatisch die Freiheiten und Rechte garantiert sind, die wir für gewöhnlich damit verbinden. Sie müssen erkämpft werden. Das Problem war, dass man in diesem Ausnahmezustand nicht für solche Rechte kämpfen konnte. Es gab keine Politik der Straße.
Sie prognostizierten einmal, dass im Nahen Osten auf lange Sicht eine Form von Islam die Oberhand gewinnen werde, die Sie »commercial middle class Islam« nannten ...
Das bezog sich vor allem auf Syrien, weil es auf diesen Fall am besten passt. Vielleicht noch auf Tunesien. Ja, ich glaube: Wenn sich der Staub gelegt hat und sich die neuen Institutionen und Verfahrensweisen eingespielt haben, wird eine Form von Islam obenauf schwimmen, die ich den »Islam, der gut ist fürs Geschäft« nenne. Es wird eine moderate Form von Islam sein, quasi der Islam der Händlerschicht von Aleppo.
Werden wir also unterschiedliche Formen von Islam haben, welche die verschiedenen arabischen Länder dominieren?
Möglicherweise. Es wird vor allem darum gehen, wie strikt die religiösen Gebote befolgt werden. Wird es so etwas sein wie der saudische Islam, der sehr nüchtern und streng ist – und sehr bindend? Ich glaube, diese Art von Islam würde weder in Ägypten noch in Syrien noch in Tunesien funktionieren. Wenn man versuchen würde, ihn den Menschen dort aufzuzwängen, gäbe es eine Explosion von Scheinheiligkeit und von Korruption.
Welche Faktoren beeinflussen denn, wie strikt der Islam in einem Land ausgelegt wird?
Nehmen wir Syrien als Beispiel. Die Bevölkerung besteht zu etwa einem Drittel aus religiösen oder ethnischen Minderheiten: Es gibt Drusen, Christen, Alawiten, einige Schiiten, Kurden, Turkomanen und so weiter. Diese Zusammensetzung würde – in einer demokratischen Situation – wahrscheinlich keine Hardline-Interpretation des Islams unterstützen. Hinzu kommt, dass ein großer Teil der sunnitischen Mehrheit ziemlich säkular ist. Sie wissen, dass man das Land nicht nach der Religion oder Sekte der Mehrheit regieren kann, wenn man Auseinandersetzungen verhindern will. Im Irak ist das ähnlich, aber in Syrien noch deutlicher ausgeprägt. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass eine islamistische Bewegung hier in transparenten Wahlen eine Mehrheit erringen würde. Aber wie Sie wissen, ist es schwierig, so etwas für unseren Teil der Welt vorherzusagen. Es gibt keine Studien, keine Daten, keine demoskopischen Erhebungen. Wir müssen uns mit intelligenten Mutmaßungen behelfen.
Bei Syrien scheint das ganz besonders der Fall zu sein. Jahrelang konnte man lesen, die verschiedenen Konfessionen in dem Land lebten problemlos zusammen. Nun, seit dem Ausbruch der Aufstände, hört man immer wieder von Auseinandersetzungen und tief verwurzelter Feindschaft untereinander. Lagen wir früher falsch, oder liegen wir heute falsch?
Wenn Sie es so formulieren – dass Syrien überhaupt keine Probleme gehabt hätte –, dann wäre die Antwort auf jeden Fall, dass wir früher falsch gelegen haben. Aber es ist nicht nur eine Frage der Fehleinschätzung. Sondern es gab auch ein Interesse an einer Fehleinschätzung: Manchmal ist man daran interessiert, ein Problem nicht zu erkennen, sondern es zu übertünchen, und man täuscht sich selbst. Wenn Sie heute das Interview mit Baschar al-Assad noch einmal lesen, das im Wall Street Journal direkt vor dem Ausbruch der Unruhen in Syrien erschien, dann fragen Sie sich doch wirklich: Wo lebt der Mann eigentlich? Kennt er sein eigenes Land und sein Volk überhaupt? Er sagte, der Arabische Frühling könne nicht nach Syrien gelangen, denn Syrien sei ein Land des Widerstands, gegen Israel und den Imperialismus, und das ganze Volk stehe einig hinter dieser Politik.
Er sagte, Syrien sei immun ...
Ja, und es zeigte sich natürlich, dass er damit völlig falsch lag. Es scheint aber, als habe er das wirklich selbst geglaubt. Dabei weiß jeder, der eine Zeitlang in Damaskus gelebt hat im letzten Jahrzehnt: Mit wem auch immer man auf der Straße sprach, der am häufigsten benutzte Ausdruck war: Es brauche nur ein Streichholz, damit alles hochgeht. Nur ein Funke sei notwendig. Die besser gebildeten Leute hatten jeder ihre eigene Metapher dafür. Ali Ferzat beispielsweise ...
... der bekannte Karikaturist, dem im Sommer 2011 von Schlägern des Regimes die Hand gebrochen wurde ...
... Ali Ferzat gebrauchte die Metapher, dass, wenn das Regime sich nicht reformiere – und zwar jetzt und schnell –, »die Sintflut« kommen würde. Andere sagten: Dieses Regime ist nichts anderes als ein Sicherheitsventil, damit die Leute sich nicht gegenseitig umbringen. Gemeint waren die Alawiten und die Sunniten – insbesondere die Bewohner von Hama, die Rache nehmen könnten für das Massaker von 1982. Meine eigene Metapher in dieser Zeit war, dass Syrien wie ein Schnellkochtopf ist, der sich erhitzt, ohne dass es ein Sicherheitsventil gibt. Irgendwann wird er explodieren. Da fragt man sich – ich frage mich bis heute: Wenn Ali Ferzat das sieht und ich das sehe und alle Leute auf der Straße sagen, dass es nur einen Funken brauche – hatte dann das Regime mit seiner Baath-Partei, seinen Geheimdiensten und seinen Überwachungsmechanismen kein Gespür dafür? Offenbar nicht. Das muss entweder absichtliche Blindheit gewesen sein oder Blindheit, die durch Ideologie verursacht worden ist. Ideologie und Macht können einen blenden.
Und Gier ...
Mit Sicherheit ist das eine Ideologie, die Gier rechtfertigt.
Seit Ausbruch der Unruhen erleben wir nun das Gegenteil: Das Regime versucht, die Spannungen zwischen den Konfessionen anzuheizen.
Ja, sie wollen den Eindruck erwecken, als könnten nur sie ein Worst-Case-Szenario von konfessionellen Auseinandersetzungen und Kämpfen verhindern. Was natürlich völlig an der Wirklichkeit vorbeigeht. Vielmehr nähren sie Unfrieden, um dann hingehen und sich als Schlichter präsentieren zu können. Sie legen ein Feuer, damit sie danach wie gute Feuerwehrmänner aussehen.
Aber bis zu einem gewissen Grad funktioniert das doch, oder nicht?
Das Problem ist, je länger diese Entwicklung anhält, desto ernster und gefährlicher wird sie. Auch weil externe Staaten, die ihre eigenen Interessen haben, sich stärker einmischen, etwa Saudi-Arabien, Katar, Iran, aber auch Russland ... Gleichzeitig ist es aber so: Nach 15 Monaten Unruhen und Angriffen der Armee auf das eigene Volk – und vergessen Sie nicht, dass praktisch alle Dörfer und Stadtviertel, die angegriffen wurden, sunnitisch sind – ist Syrien immer noch nicht in einen Bürgerkrieg abgerutscht. Das ist wirklich erstaunlich.
Wie erklären Sie sich das denn?
Alle Syrer auf Seiten der Opposition versuchen mit aller Kraft, sich zurückzuhalten – um das Worst-Case-Szenario eines Bürgerkriegs nicht eintreten zu lassen. Denn sie haben gesehen, was im Irak, in Algerien und im Libanon passiert ist. Sie hoffen, wenn sie sich zurückhalten, können sie al-Assad loswerden, ohne dass ein Bürgerkrieg damit verbunden ist. Wissen Sie: Wenn Sie mich vor März 2011 gefragt hätten, was passieren würde, wenn der Arabische Frühling Syrien erreicht, dann hätte ich wahrscheinlich geantwortet: Die Bewohner von Hama werden auf die Straße gehen und sich an den Alawiten rächen. Das Motiv der »vendetta«, der Blutrache, ist bei uns nun mal sehr ausgeprägt. Und Sie können sich nicht vorstellen, wie erleichtert und voller Bewunderung ich war, als das nicht geschah. Ich lag völlig falsch: Hama hat sich erst ziemlich spät an den Aufständen beteiligt. Ich persönlich glaube, dass der Grund teilweise Schadenfreude war. Denn als sie 1982 angegriffen wurden, blieb der Rest Syriens ruhig – niemand kam ihnen zu Hilfe.
Lassen wir die Politik für einen Moment beiseite: Sie stammen aus einer alteingesessenen Damaszener Notabeln-Familie und haben einen großen Teil Ihres Lebens zwischen Damaskus und Beirut verbracht. Was geht in Ihnen vor, wenn Sie sehen, was in Syrien seit einem Jahr geschieht?
Als allererstes bin ich verblüfft über die Zähigkeit der Syrer, weiterzumachen, trotz der Härte der Repression. Das zeigt mir, dass wir das Untolerierbare zu lange toleriert haben. Die Erinnerung an diese Zeit ist so schrecklich, das Gefühl der Befreiung und Erleichterung so groß, dass wir bereit sind, welchen Preis auch immer zu zahlen, um diese Zeit hinter uns zu lassen. Egal wie groß das Opfer sein wird. Das ist eines der Dinge, die in mir vorgehen. Dann natürlich das Gefühl der Tragik ... In den Medien sieht man Leute tanzen und singen und nach Freiheit und Demokratie rufen, und dann werden sie von Scharfschützen und Panzern umgebracht. Sie rufen verzweifelt nach Hilfe, aber es kommt keine Hilfe. Und daher auch Abscheu angesichts des Zynismus der internationalen Politik. Seien es die Russen oder die Iraner oder in gewissem Ausmaß die Amerikaner. Selbst jemand wie Kofi Annan: Wenn er sagt, der Waffenstillstand beginnt nach 48 Stunden, dann weiß er, dass in diesem Zeitraum noch hundert Menschen sterben könnten. (Anm. Mittlerweile hat Annan sein Amt als Sonderbotschafter der Vereinten Nationen und der Arabischen Liga für Syrien niedergelegt.)
Was sollten der Westen oder die Vereinten Nationen denn Ihrer Meinung nach tun?
Meine Erfahrung sagt mir: Sie können aus der Luft nichts ausrichten? Dann würden sie es vom Meer aus tun. Und wenn sie das auch nicht könnten, dann würden sie einen Tunnel bauen, der direkt in Syrien endet, und dort herauskommen ... Es gibt viel, was der Westen tun kann. Und ich persönlich entlasse ihn da nicht so schnell aus der Verantwortung. Die Großmächte wissen ganz genau, was vor Ort passiert. Dafür brauchen sie auch keine UN-Beobachter.
Selbst die organisierte Opposition in Syrien sagt aber, sie wolle keine militärische Intervention.
Das ist die öffentliche Haltung. Aber ich sage Ihnen dies: Kein Syrer, der die Revolution unterstützt, wäre unglücklich, wenn es einen Schubser gäbe, damit die Geburtsschmerzen des neuen Syrien etwas verkürzt werden.
Stehen Sie selbst in kontinuierlichem Kontakt mit Oppositionellen?
Ja, natürlich, ich halte Kontakt und bleibe auf dem Laufenden. Ich bin so eine Art teilnehmender Beobachter; selbst wenn ich nicht persönlich vor Ort bin.
Sie waren vor gut zehn Jahren an den demokratischen Forderungen des »Damaszener Frühlings« beteiligt. Sehen Sie in den Aufständen eine direkte Verbindung zu damals?
In vielerlei Hinsicht ist der Arabische Frühling eine Ausweitung des Damaszener Frühlings, der im Rückblick wie ein Vorspiel wirkt. Als ich die Slogans, Forderungen, Plakate und so weiter auf den Tahrir-Plätzen in Bengasi, Kairo, Sanaa und Tunis sah, hatte ich den Eindruck, dass wir praktisch alles davon schon in unseren Programmen während des Damaszener Frühlings formuliert hatten.
Ein prägendes Element des Arabischen Frühlings war, dass es ganz neue Arten der Kommunikation und der Visualisierung politischer Botschaften gab. Ist ein Graffito heute wichtiger als ein politisches Manifest?
Ich wäre vorsichtig dabei, die Revolution auf neue Technologien zu reduzieren. Revolutionen werden von Menschen gemacht. Und diese bedienen sich dabei der zur Verfügung stehenden Technologien. Während der Islamischen Revolution in Iran war es die Kassette, heute ist es der Computer. Noch früher war es die Druckerpresse. Zu Saddams Zeiten durfte man im Irak keine Schreibmaschine besitzen. Das Regime hatte solche Angst vor Schreibmaschinen, dass man sich bei der Polizei registrieren musste, wenn man eine hatte. Jetzt in Syrien haben die jungen Revolutionäre die neuen Medien mit großem Erfindungsreichtum genutzt – das hat mich wirklich fasziniert. Durch einen konstanten Fluss von Informationen und Bildern haben sie es geschafft, die Informationsblockade durch das Regime zu unterlaufen. Allein das ist eine große Errungenschaft der syrischen Revolution.
Ist es die Pflicht von Intellektuellen, die sich ihren Gesellschaften verpflichtet fühlen, sich mit neuen Medien und Kommunikationsmethoden vertraut zu machen?
... (überlegt) ...
Anders gefragt: Wann fängt Sadik al-Azm an zu twittern?
Schauen Sie: Das hier ist der Arabische Frühling und die Revolution der Jugend. Ich selbst befinde mich schon im Winter meines Lebens ... (lacht) Es geht ja nicht nur um Pflichtgefühl, sondern auch darum, was möglich ist. Wie die Engländer sagen: Einem alten Hund kann man keine neuen Tricks beibringen.
Was ist dann das Beste, was Sie tun können?
Ich glaube, das Wichtigste für mich ist, gemeinsam mit anderen weiter die Bedeutung des Säkularismus zu betonen, die Idee der Zivilgesellschaft und die Geltung der Menschenrechte. Denn es gibt die Tendenz – selbst im Westen –, diese Geltung einzuschränken und zu verwässern im Namen von Multikulturalismus und des Respekts für die Traditionen anderer. Ich glaube, jetzt ist es an der Zeit, gegen diesen Trend und für die universale Geltung der Menschenrechte zu kämpfen.
Wird Ihr nächstes Buch dann Die Selbstkritik nach dem Sieg heißen?
Inschallah – hoffentlich ... (lacht) Edward Said sagte einmal: Es gibt keine Solidarität ohne Kritik. Für mich wird es immer bei kritischer Solidarität bleiben.

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