Das ist doch verboten!

Medienwelten von Johnny Haeusler

Text:

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Illustration — Daavid Mörtl

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Alle drehen am Urheber-Rad, seit sich Sven Regener von vermeintlichen »Künstler-scheiße-Findern« ins Gesicht gepisst fühlte und neue YouTube-Rekorde mit der Ankündigung versprach, dass uns Kim Schmitz demnächst Lieder vorsingen würde.* Vernunft und Ausgewogenheit drohen in der Debatte ebenso verloren zu gehen wie die ursprünglichen Punk-Ideale einiger Protagonisten. Eine Bestandsaufnahme.

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Plötzlich stand der ehemals mit künstlerischer Anarchie verknüpfte Name Xaõ Seffcheque unter einem inhaltlich durchaus ins Sonntagabend-Programm der ARD passenden »Offenen Brief von 51 Tatort-Autoren«. Dann tauchte unter dem Titel »Wir sind die Urheber! Gegen den Diebstahl geistigen Eigentums« ein weiterer offener Brief auf, den diesmal über 1500 Nicht-Tatort-Autoren unterzeichnet hatten, der zynischerweise aber nicht von Urhebern, sondern vom Literaturagenten Matthias Landwehr initiiert worden war. Und vermutlich formieren sich im Internet gerade mehrere Dutzend weiterer offener Briefe von »Wir sind die Urheberrechtsabschaffungsbefürworter!« bis »Ihr seid die Raubkopierer-Schweine!«.

   Man ahnt, wie offene Briefe funktionieren und wie die Unterschriften darunter zustande kommen. Da ruft der eine die andere an, weil »der Martin eine tolle Aktion vorhat, und Sigrid hat einen super Text geschrieben, ich mail dir den mal rüber, und Daniela macht auch mit und die Agentur von Achim verbreitet das über alle Kanäle und das wird fett und willst du nicht auch?« – »Na klar, wenn Sigrid das geschrieben hat und Daniela dabei ist, logisch, mach mal. Thorsten macht auch mit? Super, dann erst recht, liebe Grüße, wir müssen uns unbedingt mal wieder sehen, ja, ich melde mich, Tschüss!«

   So passiert es wahrscheinlich, dass eine Oberflächenweisheit wie »Das Urheberrecht ermöglicht, dass wir Künstler und Autoren von unserer Arbeit leben können« von sonst so klugen Menschen wie Rocko Schamoni unterzeichnet wird, womit suggeriert wird, das Urheberrecht sei von ein paar Mitgliedern der Piratenpartei bedroht, die nicht einmal eine Chance hätten, dieses Recht abzuschaffen, wenn sie Regierungspartei wären. Und ungeachtet der Tatsache, dass sich ihr letztes Buch trotz (oder etwa wegen?) des Internets über zwei Millionen Mal verkauft hat, betrachtet auch Charlotte Roche ihr Publikum offenbar in erster Linie als mögliche Parasiten: »Die alltägliche Präsenz und der Nutzen des Internets in unserem Leben können keinen Diebstahl rechtfertigen und sind keine Entschuldigung für Gier oder Geiz.« Immerhin sind Roches Werke tatsächlich in Online-Tauschbörsen erhältlich, was in Anbetracht ihrer Rekordverkäufe die aktuelle Botschaft der vorgeblich vereinten Urheber noch absurder macht, ganz im Gegensatz übrigens zur Musik von Sven Regeners Band Element Of Crime, die man vergeblich illegal zu laden versucht, wenn man weniger als drei Wochen Zeit dafür hat.

   Keinerlei empörte offene Briefe findet man von diesen Autoren oder ihren Agenten übrigens als Reaktion auf die Tatsache, dass ihre Vertreter und Verwerter seit vielen Jahren versuchen, Bürgerrechte brutal einzuschränken, um ihre wirtschaftlichen Interessen durchzusetzen. Der Künstler als politischer Mensch, der Gedanken und den Diskurs über gesellschaftliche Veränderungen nicht nur zulässt, sondern sogar fordert, und der sich dabei mit seinem Publikum verbündet oder es wenigstens herausfordert: Er ist schwer zu finden in diesen Tagen. Stattdessen lassen sich Tausende von Urhebern, denen kein halbwegs klar denkender Mensch ihre Rechte oder Einkommensmöglichkeiten absprechen will, gegen ihr Publikum aufhetzen, lassen sich von der Verwertungsindustrie Gefahren einreden, die keine sind, und vor den Karren einer Anwaltsmaschinerie spannen, die konstant die Unmöglichkeit der Rechtsdurchsetzung im Internet behauptet und dabei mit Hilfe technischer und juristischer Möglichkeiten jedes Jahr hunderttausende von Abmahnungen an Privatpersonen verschickt.

   Niemand bestreitet, dass das Internet Veränderungen mit sich bringt, mit denen wir uns beschäftigen müssen, weshalb dies auch an allen Ecken getan wird. Wenn auch äußerst selten von Künstlern. Diese fabulieren stattdessen im Jahr 14 nN (nach Napster) den drohenden Untergang ihrer Kunst herbei, in einer Zeit also, in der die legalen Angebote im Netz massiv zunehmen und für wieder steigende Umsätze in der Unterhaltungsbranche sorgen. Man kann nur hoffen, dass Urheber weiterhin 90% ihrer Einnahmen an Verwerter und Anwälte abgeben, damit sie sich allein auf ihre Kunst konzentrieren können und nicht auf die Idee kommen, noch mehr offene Briefe zu schreiben. ansonsten müssten wir nämlich weiterhin dabei zusehen, wie ehemalige Punkrocker mit erhobenem Zeigefinger vor jungen Menschen stehen und etwas von Recht und Ordnung faseln, als hätten sie sich in ihrer Blütezeit erst einmal eine Arbeitsgenehmigung für ihre Gigs geholt und nicht gesoffen und gekifft, weil es in ihrem damaligen Alter schließlich verboten war.

   Menschen nutzen illegale Angebote nicht, um den Künstlern zu schaden. Das Internet bietet den geradezu grenzenlosen Zugriff auf die Kultur und Kunst dieser Welt, und diesen nicht zu nutzen, wäre dämlich. Wenn dieser Zugriff nun an einigen Stellen nicht ganz legal ist, dann scheißen speziell junge Leute mit begrenzten Budgets auch mal darauf, was in gewisser Hinsicht eine digitale Version von Rock’n’Roll ist. Denn jeder Jugendkultur war es im überschaubaren Rahmen schon immer herzlich egal, wie erlaubt oder verboten ihre Handlungen waren. Ein Stück weit muss man als Urheber und Verwerter mit dieser Tatsache leben, ein anderes Stück weit wird sich die Industrie weiter darum kümmern müssen, legale Angebote reizvoller zu machen als die illegalen (die, wenn sie im großen Stil passieren, schließlich auch dauernd geschlossen werden), und am Ende wird sich alles einpendeln. Dass dieser Prozess durch offene Urheber-Briefe der bisherigen Art beschleunigt wird, darf jedoch stark bezweifelt werden.

ANM.  In der aktuellen SPEX N°340 setzt Johnny Haeusler Medienwelten mit »Sounding antisocial« über Musikempfehlungen durch soziale Netzwerke fort. Weder Sven Regener, noch der Autor oder gar die Redaktion ahnten zum Zeitpunkt der Drucklegung der letzten Heftveröffentlichung allerdings, welch Grauen Kim Schmitz derweil ausgeheckt hatte – siehe hier. Weitere Auseinandersetzungen zum Thema Urheberrecht bietet das SPEX-Blog Die Digitale Verwerfung von Robert Defcon.

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