Das Große Gesumse
Die Kreation eines Buzz im modernen Kino am Beispiel von Ridley Scotts morgen startendem »Prometheus«
Text: Barbara Schweizerhof
Zeichnungen — H. R. Giger — Skizze für Alien, Wrack
(c) 1978, Filzstift auf Papier
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Es gibt für das Wort keine gute deutsche Übersetzung, und die meisten hierzulande tun sich schwer damit, es richtig auszusprechen – und doch ist es zum zentralen Schlüsselwort des Kinomarkts geworden: der Buzz. Aus der Sicht der Filmproduzenten ist der Buzz ein Wunschzustand: das Bild einer möglichst weit über den Planeten verteilten Masse von Menschen, deren aufgeregtes Gerüchte-Flüstern sich zu einem großen Raunen und Brummen, einem wahren »Gesumse« addiert. Das natürlich ein gemeinsames Thema haben soll: den einen Film, der demnächst in die Kinos kommt. Die Filme mögen sich unterscheiden, der Buzz hat immer den gleichen Inhalt von Dringlichkeit und Versprechen: Man muss das sehen!
Um nicht vorschnell in Kulturpessimismus zu verfallen: So etwas wie einen Buzz, also den Ruf, der einem Film vorauseilt und Menschen dazu bringt, sich am Starttag erwartungsvoll in lange Schlangen vor Kinohäusern zu stellen, hat es immer gegeben; er ist so alt wie die Filmgeschichte selbst. Mit dem Sommer 2012 aber hat das Phänomen sichtlich eine neue Stufe erreicht. Bereits im April startete Marvel’s The Avengers, auf den die Macher ihr Publikum in einer so raffinierten wie dreisten, über Jahre währenden Kampagne eingestimmt haben. Im Juni, Juli und August folgen nun: The Amazing Spider-Man, mit dem das kassenträchtigste aller Superhelden-Franchises neu gestartet werden soll; The Dark Knight Rises, Christopher Nolans Abschlussfilm des bislang wohl erfolgreichsten »Reboot«-Projekts eines solchen Franchise; ein neuer Bourne-Film, The Bourne Legacy, auch der durch die Neubesetzung der Rolle des Jason Bourne mit Jeremy Renner eine Art »Reboot«; außerdem ein Remake von Total Recall und natürlich Prometheus, Ridley Scotts heiß erwartete Rückkehr zum Sci-Fi-Genre. Und nicht zuletzt werfen bereits jetzt im Herbst startende Filme wie der neue James Bond Skyfall und The Hobbit ihre langen Schatten voraus. All diesen Filmen ist gemeinsam, dass ein großer Wind um sie gemacht wird und die gespannte Erwartung sozusagen mit Händen zu greifen ist. Was konkret auch heißt: Es wird vorab berichtet, getwittert und gebloggt, was das Zeug hält. Woraus sich die kuriose vorläufige Bilanz ergibt, dass gegenwärtig mehr über Filme geschrieben wird, die noch niemand gesehen hat, als über die, die aktuell im Kino laufen.
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Zeichnungen — H. R. Giger — Skizze für Alien, Cockpit
(c) 1978, Filzstift auf Papier
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Dabei gehört zu den schönsten Aspekte des Filmgeschäfts natürlich genau das: der lange Vorlauf und das damit einhergehende Spiel mit den Erwartungen. Wenn zuerst Projekte angekündigt werden. Wenn zu lesen ist, wie Regisseure zu Stoffen finden oder umgekehrt. Wenn Neuigkeiten über Besetzungen nach außen dringen. Und dann die Dreharbeiten, bei denen meist jeder Rummel vermieden wird. Danach vergeht noch einmal gehörig Zeit beim Schneiden und der Postproduktion, während der langsam Konkreteres an die Öffentlichkeit dringt, in Form von Stills, Teasern oder Trailern. Eigentlich kann es gar nicht anders sein, als dass sich in all der Zeit eine Erwartung, wenn nicht gar Vorfreude formt.
Wer könnte es den Marketingstrategen verübeln, dass sie versuchen, auf diese Erwartungshaltung Einfluss zu nehmen? Namhafte Autorenfilmer haben in der Regel ihre Fangemeinde, die ganz unabhängig von jedem vorauseilenden Ruf den neuen Almodóvar, den neuen Woody Allen schaut. Die großen und teuren Millionenprojekte aber brauchen mehr, um ihr Geld wieder einzuspielen. Wie in politischen Wahlkampagnen müssen schließlich Massen mobilisiert werden. Die Maßnahmen, mit denen ein Buzz zu erzeugen versucht wird, sind keine im Geheimen ablaufenden Manipulationen. Ganz im Gegenteil, Transparenz gehört zum Geschäftsmodell, was sich an niemandem so gut studieren lässt, wie an Damon Lindelof, als Produzent und Autor der Fernsehserie Lost bekannt geworden und nun als Co-Autor von Ridley Scotts Prometheus unterwegs. Getragen von einem Enthusiasmus, der ihn in leicht bizarrer Verdrehung stets als großen Fan seiner eigenen Projekte erscheinen lässt, gibt Lindelof auf Podien, in Podcasts und Interviews freimütig Auskunft – viel über das Drumherum, nie über das, was man als Spoiler betrachten könnte. Keiner beherrscht die Kunst, aufzuklären und dabei doch alle im Dunkeln zu halten, so gut wie er.
Etwas verraten, aber nie zu viel – so lautet die Kerntugend der Buzz-Kreation. Unschwer erkennt man die Verwandtschaft zur Koketterie. Man gibt dem Zuschauer eher das Gefühl etwas zu wissen als eine tatsächliche Auskunft. Es kommt darauf an, die Ahnung, die Imagination von etwas Attraktivem und Großartigem zu wecken – und den zum Mitfantasieren willigen potenziellen Zuschauern bereits im Vorfeld ein Erlebnis des Dabeiseins zu vermitteln. Nirgendwo lässt sich diese Art von Vorfreude-Gemeindegründung besser bewerkstelligen als auf der jährlich im Sommer stattfindenden Comic-Con International in San Diego, die mittlerweile zum festen Termin aller Kultstatus anstrebenden Filme und Serien in Produktion geworden ist. Mit einem Podium dort, auf dem Lindelof mit Teilen von Cast und Crew auftraten (Ridley Scott und Hauptdarstellerin Noomi Rapace waren per Satellit von Dreharbeiten in Island zugeschaltet), Fotos und erste Szenen gezeigt wurden, begann auch die Buzz-Kampagne für Prometheus im vergangenen Juli.
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Alles weitere war eine Folge eines mehr oder weniger abgezirkelten Plans: In Intervallen wurden über den Herbst vergangenen Jahres verteilt weitere Szenen aus dem bereits gedrehten Prometheus-Material »geleakt«, in der Hoffnung, dass sie irgendeine Art von Aufregung erzeugen. Und mit Aufnahmen einer offenbar nackten Charlize Theron beim Bauchmuskeltraining gelang das auch. Im Dezember schließlich begann der Trailer-Tanz, der heutzutage nicht etwa aus dem einfachen Herausbringen eines »Werbevorspanns« zum Film besteht, sondern eine recht komplexe Choreographie des Launchings und Vorabveröffentlichens beinhaltet. So gab es im Fall von Prometheus zuerst einen 30-sekündigen sogenannten promotional teaser, der auf iTunes verfügbar gemacht wurde, und den »echten« Trailer erst ankündigte. In Countdown-Manier folgten darauf weitere zwei solcher Teaser, bis dann am 22. Dezember 2011 der erste »offizielle« Trailer seine Premiere feierte. Sie lesen richtig: Ein Trailer feierte Premiere.
Und das war erst der Anfang. Ende Februar startete für Prometheus das virale Marketing mit einem Video, in dem man die von Guy Pearce gespielte Figur auf einer »TED«-Konferenz des Jahres 2023 sprechen sah. (TED steht für »Technology, Entertainment and Design«, und es gibt diese privatwirtschaftlich gesponserten Konferenzen zur »Verbreitung neuer Ideen« wirklich.) Das Video erfüllte gleich dreifach seinen Zweck: zum einen die Ambition, die Science-Fiction-Welt des Films in der Realität von heute zu »erden«, zum anderen war mit der von Guy Pearce gespielten Figur der Name einer Firma verbunden, der über weitere Webseiten, Telefonnummern und Verlinkungen Fans mit einer schnitzeljagdartigen Spurensuche beschäftigt hielt, die eventuell zu einem nächsten Video führte, in dem dann Michael Fassbender als Android mit Markennamen »David8« vorgestellt wurde.
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Nicht zuletzt aber erfüllte das TED-Video eine noch viel wesentlichere Funktion als diese Spielereien für Fans. Es lieferte einen ersten Aufschluss auf die zentralste aller Fragen: Was hat Prometheus eigentlich mit Alien zu tun (abgesehen von der erneuten Verwendung der Arbeiten H. R. Gigers)? Handelt es sich um ein Prequel oder doch um etwas ganz Neues, Eigenständiges? Eine Antwort auf diese Frage hatte es bis dahin weder von Scott noch von anderen Beteiligten gegeben. Guy Pearce nun stellte sich im Video als Peter Weyland, Gründer der Weyland Corporation, vor. Womit zumindest eines klar wurde: Prometheus spielt in der gleichen Welt wie einst die Alien-Filme, zu einem früheren Zeitpunkt, der womöglich – noch!, wird doch bereits über Prometheus 2 gesprochen – keinen direkten Anschluss an Ripleys Abenteuer mit der Nostromo hat.
Und noch aus einem vierten Grund ist dieses TED-Video interessant: Es liefert eine Leinwandversion des oben geschilderten Wunschbilds von Buzz. Guy Pearce spricht da vor einer »Masse Mensch«, einem riesigen Auditorium, das mehrere Wembley-Stadien zu umfassen scheint, und durch das ein ehrfürchtiges »Ahhh« schallt, wenn er seine Ideen vorstellt. Das riesige Publikum ist allerdings für einen Science-Fiction-Film eine sehr retrograde, um nicht zu sagen altmodische Vorstellung von Menschenmenge. Schließlich zeichnen sich die Gesellschaften des neuen Jahrtausends dadurch aus, dass die größten Ansammlungen nicht mehr auf Plätzen stattfinden, sondern durch Datenvernetzung. Die echte Massenzuschauerschaft lässt sich heute nicht mehr mit einem Kameraschwenk erfassen, so hoch man den Kran auch baut, sondern nur mit Schnitt und Splitscreen: lauter einzelne Gesichter vor iPads und Laptops, an ihren Handys und Smartphones, textend, twitternd, bloggend, filmend und skypend.
Es erscheint geradezu symptomatisch, dass die Szene auf das Klischee der gefügigen Masse, des Stadionpublikums, zurückgreift, denn die tatsächlichen Fanmassen der neuen Social Media unterscheiden sich doch recht radikal davon: durch ihren Eigensinn. So sehr man auch versucht, diesen Eigensinn zu lenken – wie Damon Lindelof twittern heute zahlreiche Produzenten und Schauspieler selbst aktiv –, lässt sich doch nicht verhindern, dass hier jeder etwas von sich geben kann. Und sei es der Aufruf, nun doch bitte keine weiteren Trailer zu Prometheus herauszubringen, weil man sich kaum mehr ins Kino traue, aus Angst zu viele Spoiler zu erfahren. Das ist die Kehrseite des Buzz: Im Übermaß betrieben verbreitet er das Gefühl, alles über einen Film wissen zu können, von dem man doch zwecks genüsslichem Überraschungseffekt nichts wissen will.
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Der erste Prometheus-Trailer war ein Beispiel für die hohe Kunst des Völlig-im-Dunkel-Haltens: Da reihten sich die Szenen aneinander, ohne dass man ihren Kontext erfassen konnte. Die Rede war von einer Sternenkarte, man sah das Innere von Labors, Höhlen und Raumschiffen; man hörte Noomi Rapace, Charlize Theron und Idris Elba Sätze sprechen, die offenbar nicht zusammengehörten und doch von einer dunklen Bedrohung zeugten. Und während der Rhythmus des Schnitts sich beschleunigte, schien alles auf eine Katastrophe zuzulaufen. Oder ging es nur um eine nervige Alarmklingel, die Charlize Theron verzweifelt abzustellen versucht? Man wusste nach diesem Trailer so gut wie nichts über den Film, und doch war die Spannung da. Als Rätsel und Versprechen: »Big things have small beginnings«, sagte Michael Fassbender in merkwürdig kalt-analytischer Form am Ende.
Die nachfolgenden Trailer haben diese schöne Rätselhaftigkeit mit immer mehr Material zunehmend in Klarheit verwandelt, so wie die erwähnten Viral-Videos implizit Antworten auf Fanfragen über die Anbindung zum Alien-Kosmos lieferten. Im letzten Trailer, der Mitte Mai veröffentlicht wurde, kam an einer Stelle sogar ein Alien ins Bild. Die erste Reaktion der Twittersphäre darauf war fast so etwas wie Enttäuschung. Manche hätten sich den Anblick lieber er- beziehungsweise aufgespart.
Was den Buzz anbetrifft, hat Prometheus gegenwärtig die Nase vorn im großen Wettbewerb der Sommerblockbuster. Was das letztlich für Ridley Scotts neues Werk bedeutet, wird sich zeigen. Es verstärkt sich der Eindruck, dass der eigentliche Film gar nicht mehr so wichtig ist. Schließlich hat man bis zum Start schon so viel erlebt, dass der Buzz bald selbst das wahre Ereignis darstellt. Nach dem Start – Marvel’s The Avengers haben es vorgemacht – zählen vor allem die Umsätze, die erzielten Rekorde und Einspielergebnisse; über den Film als solchen wird dann erst recht nicht mehr geschrieben, ist er doch nur noch die Nachricht von gestern.
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