Stillstand der Zukunft

Zum Tode von Chris Marker, der u.a. »Sans Soleil« & »La Jetèe« drehte

Text: Michael Aniser

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Der Dokumentarfilmer, Journalist und ehemalige Resistance-Kämpfer Chris Marker ist gestern, an seinem 91. Geburtstag, in Paris verstorben. Er war einer der einflussreichsten Filmemacher des 20. Jahrhunderts und hat mit Filmen wie Sans Soleil und La Jetèe nicht nur das Kino, sondern auch meine persönliche Entwicklung zutiefst beeinflusst. So war ich im Jahr 2006 nach Wien gezogen, um (vergeblich) Jura zu studieren. Doch schon nach zwei Monaten scheiterte der linear vorgezeichnete Weg in die Bürokratie und stattdessen verbrachte ich die meiste Zeit im Filmmuseum oder in Clubs. Dort, im Dunkel, ergaben sich plötzlich weit interessantere Verknüpfungen und Links als in den drögen und überfüllten Seminarräumen.

   »The first image he told me about was of three children on a road in Iceland, in 1965. He said that for him it was the image of happiness and also that he had tried several times to link it to other images, but it never worked.« Das sind die ersten Worte in Chris Markers wohl bedeutendstem Film Sans Soleil (1983). Der Film beginnt also an einer Unmöglichkeit, und ist mehr Versuch als Beweis. Und mit genau diesen Unsicherheiten entwickelt Marker sein ganz eigenes Genre des Film-Essays. Wie schon Montaigne einige Jahrhunderte vorher exerziert er damit eine schonungslose Selbstbefragung und navigiert durch Ungewissheiten, so dass der rote Faden zum hilfreich ausgefransten Rhizom wird. Im weiteren Verlauf wird das Konzept der Erinnerung hinterfragt; alles gipfelt in der Frage »How can one remember thirst?«.

   La Jetèe (1962) wiederum ist aus Fotos montierte postapokalyptische Science Fiction und dieser Stillstand der Zukunft, das Einfrieren der Welt, wird nur für eine Sekunde unterbrochen, in dem die Hauptdarstellerin die Augen aufreisst und frontal den Betrachter anstarrt. Bei Marker schaut der Film also zurück, ist kein festes Medium mehr, sondern ein partizipatorisches. Dieser Moment der Autonomie, der wörtlichen Anteilnahme – diese einzige Sekunde – hat sich weit mehr in mein Gedächtnis eingeprägt als alle Seminarstunden zusammen.

   Vielen anderen erging es ähnlich: Terry Gilliam nahm La Jetèe als Vorlage für seine 12 Monkeys, Michael Shambergs Debütfilm Souvenir war stark von ihm geprägt, ebenso Mark Romaneks Video für David Bowies Jump They Say (s.u.). Erst kürzlich hatte Hyperdub-Chef Steve Goodman alias Kode9 die Hommageperformance Her Ghost gemeinsam mit Marcel Weber, Lucy Benson und Ms.Haptic aufgeführt.

   Marker hatte vor dem zweiten Weltkrieg Philosophie in Paris studiert. Nach Kriegsende verdingte er sich zunächst als Journalist, Fotograf und Illustrator, experimentierte allerdings bereits mit Kurzfilmen. Sein umfangreiches Leinwandwerk eröffnete schließlich der Dokumentarfilm Olympia 52 aus dem selben Jahr. La Jetèe und Sans Soleil sind nachfolgend in voller Länge zu sehen.

   Möge er in Frieden ruhen.

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