Keiner will was gesagt haben

Antisemitismus im deutschen Rap

Text: Marcus Staiger

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Ausschnitt — Celo & Abdi auf dem Cover ihres Albums Hinterhofjargon. An den Azzlackz-Künstlern entzündete sich die Debatte.

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Eins möchte ich klarstellen, eins vorweg. Ich halte nichts davon, wenn man wegen jeder Kleinigkeit und jeder Kritik an Israel die Antisemitismuskeule rausholt. Insofern möchte ich keinem der hier namentlich erwähnten Rappern unterstellen, tatsächlich Antisemit zu sein. Ich kenne mich aus im Rapgame und habe selbst, als Bestandteil und Begründer einer härteren Battlerapszene  genug Musik veröffentlicht, die alles andere als politisch korrekt war. Der Grat zwischen einem radikalen Witz auf Kosten von Randgruppen und ernsthaft chauvinistischem Denken ist dabei sehr schmal und bestimmt ist mir diese Gratwanderung nicht immer geglückt. Aber genau so, wie ich mir den Vorwurf machen lassen muss, mit den Veröffentlichungen bei Royalbunker homophoben und sexistischen Gedankengängen Vorschub geleistet zu haben, müssen sich Teile der Deutschen HipHop-Szene heute gefallen lassen, mit ihren Äußerungen antisemitische Denkmuster zu bedienen. Dass sie dies im Tonfall gesellschaftlicher Aufklärung tun, vermischt mit einem anscheinend exklusiven, politischen Wissen, macht die Sache nicht weniger kompliziert.

   Abgesehen davon handelt es sich bei den angesprochenen Symptomen eher um Begleiterscheinungen und Stimmungen innerhalb der Szene als um einzelne Rhymes und Textpassagen, was wiederum darauf hinweißt, dass es sich um ein Gedankengutproblem außerhalb des radikal-künstlerischen Schaffens handelt. Ein Problem, das nicht besser wird, je länger es hinter vorgehaltener Hand und unterhalb der Wahrnehmungsgrenze vor sich hinköchelt. So let’s talk offen. 

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Antisemitismus und Rap? Gibt’s doch nicht! Ist HipHop nicht diese Musik, die gern für Sozialarbeit benutzt wird, diese Jugendkultur, in der es keine Rassenschranken gibt und nur zählt, ob du fresh und tight bist? Leider nein, zumindest nicht nur. Denn HipHop scheint auch nicht klüger zu sein als der Rest der Gesellschaft. Eine Bestandsaufnahme und Diskussionsbeitrag.

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Hat er oder hat er nicht? Als im April dieses Jahres in der Tageszeitung Die Welt Vorwürfe laut wurden, deutscher Rap habe ein Antisemitismusproblem, kam die Replik postwendend. Auf vice.com schrieb Stefan Zehentmeier, die Suche nach dem antisemitismus im deutschen Rap sei so verrückt und hoffnungslos wie die Jagd nach dem legendären Bigfoot in den Rocky Mountains. Um das zu belegen, musste der kanadische Rapper Drake herhalten, der im Videoclip zu HYFR doch vollkommen unbehelligt und ungefährdet seine Bar Mitzwa feiern dürfe.

   Wer die bundesrepublikanische HipHop-Landschaft allerdings genauer beobachtet, weiß, dass sich zu den notorischen Frauen- und schwulenverachtenden Seitenhieben vieler Deutschrapper in den vergangenen Jahren auch der eine oder andere antijüdische Gedanke gesellt hat. Fragt man konkret nach, will keiner etwas gehört, geschweige denn gesagt haben. Ist doch alles nur Spaß, auf keinen Fall habe man etwas gegen Juden persönlich, wenn überhaupt, gehe es lediglich gegen die Politik des Staates Israel, heißt es dann. Wer allerdings schon einmal erlebt hat, wie die Menge tobt, wenn tatsächlich live und direkt gegen Israel gehetzt wird, wer gesehen hat, wie gefeiert wurde, als der ehemalige Rapper Deso Dogg vor Jahren in Kreuzberg während eines Auftritts die Hisbollah-Fahne schwenkte, dem mögen leise Zweifel kommen, ob es tatsächlich nur um Israels Politik geht. Vor einem bestimmten Publikum kann man mit den richtigen antiisraelischen und antisemitischen Sprüchen heutzutage genauso viele Crowd-Rocker-Punkte machen wie seinerzeit mit den guten alten Mitmachreimen: »Throw your hands in the air and wave em like you just don’t care – fuck Israel!« Bingo. Das ist mit Sicherheit nicht der Moment, in dem sich jemand im Publikum als Jude outen möchte. Wer die Reaktion von Jugendlichen in der Reportage »Juden und Araber in Berlin« von rap.de-TV gesehen hat, dem kann tatsächlich Angst und Bange werden. auf die Frage, wie man die Probleme im Nahen Osten lösen könne, antwortet ein Mann aus dem Off: »Ein neuer Adolf muss her!« Die Menge johlt.

   Man darf in diesen Fällen die globale Situation und die persönlichen Hintergründe nicht ganz aus den Augen verlieren. Manche der hier lebenden arabischen Migranten haben tatsächlich Opfer in ihrer Verwandtschaft zu beklagen, manche stammen aus Familien, die aus ihrer angestammten Heimat vertrieben wurden und jahrzehntelang als Staatenlose in Flüchtlingslagern im Libanon oder in Syrien lebten. Auch die arabische Welt hat offensichtlich Interesse daran, den Nahostkonflikt am Leben zu erhalten, um eine panarabisch-muslimische Solidarität zu inszenieren. Diese Solidarität greift denn auch unter migrantischen Jugendlichen von Bosnien-Herzegowina über die Türkei bis nach Marokko, wobei einfache Gut/Böse-Zuschreibungen kaum möglich sind. Viele Jugendliche arabischer und türkischer Abstammung wollen nicht verstehen, warum im Falle Israels scheinbar mit zweierlei Maß gemessen wird. Einerseits bricht der Staat Israel etwa mit seiner Siedlungspolitik das Völkerrecht, ohne dass dies Konsequenzen nach sich zieht, andererseits werden in Berlin Denkmäler für ermordete Juden gebaut, und Israel wird von Deutschland, auch finanziell, unterstützt.

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Illustrationen — Andreas Wesle

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In einer sehr emotional geführten Diskussion fragte mich ein arabischer Junge aus Berlin-Neukölln, ob man das Leid der Menschen tatsächlich unterschiedlich gewichten könne. »Fühlt eine palästinensische Mutter in Gaza weniger Trauer, wenn ihr Kind erschossen wird, als eine jüdische Mutter, deren Kind im KZ getötet wurde?«, wollte er wissen. – Nein, natürlich nicht. Aber zwischen diese berechtigten Fragen mischen sich schnell dieselben uralten Vorurteile gegen den »ewigen Juden«. Wenn der Rapper Afrob in einem Interview die Politik des Staates Israel kritisiert, ist das sein gutes Recht. Wenn Afrob dann aber darüber zu sinnieren beginnt, dass man Israel ja nicht kritisieren dürfe, weil ansonsten der Mossad möglicherweise eine U-Bahn entgleisen lassen könnte, in der sich der Kritiker befinde, bedient er damit eindeutig antisemitische Klischees.

   Ben Salomo, in Berlin lebender Rapper israelischer Abstammung und Veranstalter der Freestyle-Reihe Rap am Mittwoch, kennt das Phänomen seit frühester Kindheit. »Das Problem ist, dass die Leute die Sache mit Israel nur als Schutzschild nehmen, um ihrem Judenhass freien Lauf zu lassen«, erklärt er. »Zu mir kommen viele Leute und denken, ich bin auch so ein Schwarzkopf, weil ich eben so aussehe. Wenn sie mich dann fragen, woher ich komme, und ich sage Israel, gehen die erst mal auf Abstand. Das war teilweise schon als Kind so, aber ich habe mich nie versteckt. Ich habe mich sogar dafür geschlagen, und dann wurde ich komischerweise respektiert. Manche von denen lernen mich ja auch kennen und meinen dann, sie hätten sich einen Juden immer ganz anders vorgestellt. Wenn ich frage wie, kommen die immer gleichen Stereotype. Hakennase, nur aufs Geld aus und zionistische Weltverschwörung. Da hat sich nichts geändert.«

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Ins Kreuzfeuer der Kritik geraten ist vor allem die Rap-Combo Celo & Abdi aus dem Frankfurter Azzlackz-Camp. Im Song La Revolution rappt das Duo etwa folgende Zeilen: »Ich bin am Kiffen und ziel auf Abgeordnete / mit der Pumpgun und fordere Freiheit für Achis in Palastin / Bundeswehrtruppen sollen aus Bagdad abziehn (...) / Frap frap macht die Mac10 im Reichstag / MI6-Specialists haben’s heut nicht einfach / Heisenrath und Bornheim sind komplett abgeriegelt / Putin und Sarkozy telefoniern mit Tel Aviv.« Im Zuge der Debatte erklärte Celo, dass er Situationen wie die von Ben Salomo beschriebene bloß für ein Berliner Phänomen halte: »So etwas gibt es in Frankfurt nicht. hier sind alle miteinander aufgewachsen, Türken, Albaner, Russen, Bosnier, Serben, Kurden und auch Juden. Frankfurt ist in dieser Beziehung viel weltoffener und multikultureller.« Man kenne sich eben, betont Celo, spiele mit Klischees und mache den einen oder anderen derben Spruch darüber. Jugos betrügen, Polen klauen, Albaner verschieben Autos, und Juden geiern eben nach Geld und sitzen in den Chefetagen.

   Wenn der Rapper Haftbefehl, ebenfalls aus der Azzlackz-Crew, darüber Witze macht, dass er sich gern als jüdischer Teppichhändler Jakob Goldstein ausgibt, um bei der Zimmerreservierung in Hotels eine Sonderbehandlung zu bekommen, mag das vielleicht für typischen Frankfurter Humor stehen, zusammen mit einem politisierten Track wie Free Palestina (»Ich sag: Free Palastin, stoppt den Krieg, Boykott Israel!«) vermischen sich die verschiedenen Ebenen aber wieder aufs Unglückseligste, und die eigentlich sehr gute Line »Kannst du mich hören Israel / Mensch ist Mensch, egal ob Isaak, ob Ismail« bekommt einen faden Beigeschmack. Im Verein mit einer Fangemeinde, die gerne nach einfachen Lösungen sucht, wirken solche Witze eben ganz und gar nicht ungefährlich.

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(Auszug)

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Auch im internationalen Rap hat die Hetze gegen Juden und das Spiel mit antisemitischen Klischees Tradition. Die Äußerungen von Professor Griff gegen Juden, die schließlich zu seinem Ausschluss bei Public Enemy führten, sind da nur das prominenteste Beispiel. So hat auch Ice Cube einen veritablen Juden-Basher in seinem Portfolio, der sich aufs Geschmacksloseste gegen Jerry Heller richtet, den ehemaligen Manager von Ruthless Records und Geschäftspartner von Eazy-E. In No Vaseline heißt es: »Get rid of that devil real simple / put a bullet in his temple / Cuz you can’t be the Nigga 4 Life crew / with a white Jew tellin’ you what to do.« Heller selbst sagte, im Winter 2011 vom HipHop-Magazin Backspin auf diese Zeilen angesprochen: »Der Song ist verabscheuungswürdig und definitiv antisemitisch. Dabei glaube ich nicht einmal, dass Ice Cube antisemitisch ist. Ich glaube, er ist einfach nur pro-Ice-Cube. Davon abgesehen: Inzwischen ist Ice Cube von lauter weißen Juden umgeben! All seine Leute sind weiß und jüdisch.«

   Hautfarbe und Religion der Mitarbeiter einzelner Künstler sollten zwar keine Rolle spielen, aber eine solche Tatsache wird in bestimmten Kreisen gerne als Steilvorlage für diverse Verschwörungstheorien über das amerikanische Rap-Business genommen. So musste ich mir beim Friseur einmal einen längeren Vortrag darüber anhören, dass Chris Brown nicht etwa deshalb so viele Probleme habe, weil er seine Ex-Freundin Rihanna geschlagen hat, sondern weil er nicht mit Jay-Z zusammenarbeiten wolle, der ja bekannter- maßen Freimaurer, Rosenkreuzer und Zionist sei. Das ist ähnlich dämlich wie die unter manchen Rappern verbreitete Ansicht, die Firma Starbucks sei Teil der jüdischen Weltverschwörung, da der Begriff »Bucks« ein anderes Wort für Dollars sei und der Name also »Geld für den Stern« bedeute. Auf solchen Schwachsinn muss man erst mal kommen – passiert aber.

   Genauso wie es immer wieder passiert, dass auf deutschen Schulhöfen das Wort »Jude« als Schimpfwort gebraucht wird oder dass ein arabischstämmiger Rapper einen Kontrahenten, mit dem er sich via Facebook stritt, als »Judenbengel« beleidigte. So wie sich aus der zuerst lediglich behaupteten Homophobie im Rap eine echte, fest zementierte und gelebte Homophobie entwickelte, besteht die Gefahr, dass sich durch bloße Worte eine antisemitische Haltung festsetzt.

   Eines ist sicher: mit treffsicherem Bauchgefühl greift Rap immer wieder Themen aus dem kollektiven Unterbewussten auf und bringt dank der unglaublichen Wortfülle der Protagonisten auch jede Menge gequirlte Kacke zum Vorschein. Der Ruf, antisemitische Gedanken hätten im HipHop nichts verloren, ist leider ebenso berechtigt wie aussichtslos. Natürlich kann man fordern, dass man gewisse Dinge nicht artikulieren dürfe – doch werden die Dinge durch Sprechverbote besser? Als ich im Jahr 2011 ein Interview mit dem Berliner Rapper Kaisa führte, geriet dieser ins Visier staatlicher Behörden. Der Vorwurf der Holocaust-Leugnung stand im Raum, woraufhin ich vom Verfassungsschutz angerufen und um eine Zeugenaussage gebeten wurde, die ich mit Hinweis auf den Informantenschutz verweigerte. Im Laufe des Gesprächs merkte ich an, dass man über solche Themen doch diskutieren müsse, da diese Gedanken in der Bevölkerung weit verbreitet seien. Darauf erklärte der Beamte stoisch: »Denken dürfen sie viel, aber aussprechen dürfen sie das eben nicht.«

   Für eine wehrhafte, starke Demokratie ist eine solche Aussage ein Armutszeugnis. Für einen interkulturellen, streitbaren popkulturellen Diskurs eine absolute Katastrophe, denn wenn alle Rapper, die auf ihre Äußerungen angesprochen werden, inhaltlich zurückrudern und sich wie Celo zum Beispiel eindeutig für ein Existenzrecht Israels aussprechen, ist schon einiges gewonnen. Wenn Ben Salomo auf den palästinensischstämmigen Rapper Massiv zugeht und diesem einen gemeinsamen Track über die Problematik in Nahost vorschlägt, ebenfalls. Wenn Massiv das Angebot gerne annehmen würde, es allerdings aufgrund der derzeitigen Stimmungslage in seinem eigenen Fanblock ausschlagen muss, dann ist das der beste Beleg dafür, dass der Bigfoot eben doch keine Legende ist, dass es ihn gibt und dass wir ihn schnellstmöglich zur Strecke bringen müssen. Shalom aleykum!

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4 Kommentare:
  1. fleischindosen:

    Eines der Highlights der aktuellen Ausgabe. Bitte mehr Artikel von Marcus Staiger!

     
  2. Dieser Kommentar ist ein Trackback von Jewdyssee | Interessanter Artikel von Marcus Staiger in der Spex!!! BITTE GANZ LESEN!!! Wie ist Eure Meinung dazu?:

    [...] DIREKTER LINK —-> [...]

     
  3. Dieser Kommentar ist ein Trackback von H.A.F.T. « PeRouSaLeM.:

    [...] im Rap wissen wollt (und dann gibt es in jeder Sparte der Gesellschaft), dann fragt doch bitte jemand der ein bisschen Ahnung hat so wie Staiger: „Wenn alle Rapper, die auf ihre Äußerungen angesprochen werden, inhaltlich zurückrudern [...]

     
  4. Dieser Kommentar ist ein Trackback von Der Skandal, der keiner ist | S1R:

    [...] und sie deshalb kaum Hemmungen haben offen auszusprechen, was sie von Juden und Israel halten. Rapper aus dem “bürgerlich-deutschen” Lager sind zwar häufig nicht weniger [...]

     
 
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