Gaggle From The Mouth Of The Cave

Der Chor von heute als feministische Plattform

Text: Vina Yun

gaggle-from-the-mouth-of-the-cave
Transgressive / Cooperative Music — 29.06.12

*

Manchmal ist Stimmgewalt einfach eine Frage der Masse. Mehr ist nun mal mehr, findet auch Deborah Coughlin, Gründerin des Indie-Chors Gaggle. 2008 in der bierseligen Stimmung eines Londoner Pubs geboren, hat sich die rund 20-köpfige, rein weibliche Truppe seitdem durch Kunstgalerien, Kirchen und Popfestivals gesungen. Nebst knalligen Fantasy-Roben werden hier eine gute Portion DIY-Spirit und jede Menge feministisches Sendungsbewusstsein gepflegt – wie etwa mit der Neuinterpretation von The Brilliant And The Dark, einer wiederentdeckten Oper für Frauenstimmen, die die Menschheitsgeschichte der letzten Jahrhunderte aus weiblicher Perspektive Revue passieren lässt.

   Gaggle (zu Deutsch: Geschnatter) betreiben jedoch mehr als feministische Archivarbeit. Sie repräsentieren den neuen Typus Chor, wie er in den letzten Jahren an Popularität gewonnen hat: Als solcher überbringt er nicht mehr die Botschaft einer höheren Gewalt oder kommentiert in alter Tradition die Handlungen einer Hauptfigur auf der Bühne. Stattdessen fungiert der Alternativchor von heute als Plattform, um individuelle Geschichten zu erzählen und gemeinsame Erfahrungen zu formulieren – als unterstützendes Netzwerk zwischen Gleichgesinnten.

   So liegt die Kraft von Gaggle nicht einfach in dem, was da teils augenzwinkernd besungen wird – sei es die Macht des Geldsystems, seien es die Lügen des untreuen Lovers –, vielmehr schöpft sie sich aus der kollektiven Anstrengung und dem solidarischen Miteinander. Homogenisierung? Weit gefehlt. Denn erst die Vielstimmigkeit macht Gaggle zu dem, was es ist: eine geballte Ladung weiblicher Selbstbehauptung, die auf einem Teppich düsterer Ambient-Sounds, Bratz-Elektronik und klassischer Instrumentierung einherschreitet. Gaggle ist, wie Coughlin anmerkt, »eine Collage von Frauen. Sie singen nicht gleich, betonen die Dinge nicht gleich, bewegen sich nicht gleich. Vielmehr geht es darum, etwas zur selben Zeit zusammen zu machen, nicht darum, dasselbe zu tun.« In diesem Sinne ist das Debütalbum des Frauenchors mehr Momentaufnahme denn fertiges Produkt. Die allerdings um nichts weniger hymnisch ausfällt.

*


Video — GaggleThe Brilliant and The Dark

Diesen Artikel kommentieren?

Du musst dich anmelden, um einen Kommentar schreiben zu können.

Solltest du noch kein Benutzerprofil haben, so kannst du dich hier registrieren. Bitte beachte: wir schätzen die Debatte, allerdings bevorzugt mit echten Menschen. Dein Username sollte daher aus Deinem vollen Namen, wenigstens aus Deinem Vornamen bestehen.

1 Kommentar:
  1. Dieser Kommentar ist ein Trackback von Spex - Magazin für Popkultur » Eine Bitch führt den Diskurs weiter:

    [...] ins Heft: Chris Köver porträtiert den auch in SPEX-gefeierten Londoner Frauenchor Gaggle, Stefanie Alisch die Ex-Trans*gender-Künstlerin Titica, gegenwärtiger Superstar des [...]

     
 
MySpex
Willkommen auf Spex.de
Du bist derzeit nicht angemeldet.
Um Artikel kommentieren zu können, musst du dich registrieren bzw. anmelden. Solltest du bereits auf Facebook registriert sein, so kannst Du auch diesen Login nutzen.

Login
Registrieren
 


Spex International
Read more English Spex articles

Blogs

-->