Doppelte Ökonomien: Archiv Reinhard Mende

Real existierender Konsumismus

Text: Dominikus Müller

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Doppelte Ökonomien: Vom Lesen eines Fotoarchivs aus der DDR (1967–1990)
Halle 14 – Zentrum für zeitgenössische Kunst, Leipzig, noch bis 1. Juli 2012.
Bilder — Archiv Reinhard Mende

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Sobald die sozialistische DDR versuchte, als wettbewerbsfähiger Staat auf dem globalen Markt wahrgenommen zu werden, bediente sie sich bisweilen bei Strategien, die von denen der kapitalistischen Konkurrenz nicht mehr zu unterscheiden waren. Das Recherche- und Ausstellungsprojekt Doppelte Ökonomien präsentiert in der Leipziger Halle 14 diesen Widerspruch als Kunst – mit einer Selektion aus über 16.000 Bildern, die der freie Fotograf Reinhard Mende zwischen 1967 und 1990 für volkseigene Betriebe und die Leipziger Messe geschossen hatte. Entstanden ist ein Lehrstück über die systemüberwindende Kraft werbewirksamer Ästhetik.

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Die Welt auf den Fotografien von Reinhard Mende ist die Welt der Deutschen Demokratischen Republik. Genauer: Man sieht deren Arbeitsleben und die dort produzierten Konsumwarenerzeugnisse. Menschen an Maschinen und Produkte, die es nicht mehr gibt. Und man sieht jenen Ort, an dem die DDR ihre Waren auf den Weltmarkt warf: die Leipziger Messe. Die DDR auf den Fotografien von Mende ist eine unbekannte DDR, eine die sich und ihre Erzeugnisse nach kapitalistischen Prämissen zu Markte trägt.

   Etwa 16.500 Bilder schoss Mende zwischen 1967 und dem März 1990; 16.500 Bilder, die nun im Rahmen des Recherche- und Ausstellungsprojekts Doppelte Ökonomien, organisiert von Mendes Tochter, der Kuratorin Doreen Mende, der Fotografiehistorikerin Estelle Blaschke und dem Fotografen Armin Linke aufgearbeitet wurden. Im Rahmen dieses Projekts wird Mendes bislang nur im Negativ existierende Sammlung als Archiv zugänglich gemacht – etwa 2500 Bilder wurden ausgewählt und auf einer Website veröffentlicht, mehr als hundert sind Teil einer Wanderausstellung, in der sie mit Beiträgen verschiedener Künstler wie Christopher Williams, Bettina Allamoda, The Otolith Group oder KP Brehmer kombiniert werden.

   Doppelte Ökonomien zeichnet sich zunächst einmal durch seinen behutsamen und überlegten Zugang zum Prinzip des Archivs aus. Statt thematisch zu vereinheitlichen und Mendes Sammlung entsprechend zu beschneiden, wurden in die Auswahl auch andere Bilder übernommen, die sich zwar auf Mendes Filmrollen fanden, aber schon aus anderen Auftragskontexten stammen.

archiv-reinhard-mende-2   Mende fotografierte im Auftrag der AKA Electric, einer DDR-Marke für Elektrogeräte, in diversen volkseigenen Betrieben, etwa den Kombinaten VVB Elektrogerätewerke Suhl, VBB Fahrzeugelektrik Ruhl oder VVB Leuchtenbau, genauso wie auf der Leipziger Messe. Dort konnte er als Mitglied eines Pools freischaffender Fotografen (zu dem neben Mende etwa auch die bekannte Fotografin Evelyn Richter gehörte) gebucht werden, um Dokumentationsfotos für die Archive anzufertigen. Mende war als freischaffender Fotograf im Staatskapitalismus des real existierenden Sozialismus also selbst schon einer Art doppelter Ökonomie unterworfen. Diese Art von Nischenselbstständigkeit war in der DDR zwar bekannt, jedoch keineswegs an der Tagesordnung.

   Darüber hinaus bezieht sich die Rede von der doppelten Ökonomie im Projekttitel dezidiert auf die zweimal im Jahr stattfindende Leipziger Messe. Auf ihr öffneten sich in der Tat zeitlich und örtlich begrenzt zwei widerstreitende ökonomische Systeme und verknoteten sich in einer seltsamen Symbiose ineinander. Hier wollte sich die sozialistische DDR als zuverlässiger und gleichwertiger Handelspartner auf Weltniveau präsentieren und sich als wettbewerbsfähiger Staat auf dem globalen Markt positionieren. Der Sozialismus sollte mit den Mitteln des Kapitalismus vorangebracht werden. Und aus Propaganda wurde Werbung.

   Mendes Fotografien aus den Betrieben wurden auf der Messe dabei häufig zur Standgestaltung verwendet. Schon allein aufgrund der Auftragslage handelt es sich hier also um zweifelsohne inszenierte Bilder. Gerade vor diesem Hintergrund fällt auf, wie beiläufig und nur höchst selten stilisiert sie wirken. Die Arbeiter, die an Produktionsstraßen und Maschinen stehen, die Menschen, die bohren, schweißen, schrauben oder gemeinsam im Hinterhof Gymnastik treiben, scheinen die Anwesenheit des Fotografen nicht wahrzunehmen. Zumindest tun sie so, als fühlten sie sich unbeobachtet. Weder scheint die Arbeit sie anzustrengen, noch wirken sie entfremdet von den Produktionsmitteln und den Produkten, die sie herstellen, wie der Kunsthistoriker Philip Ursprung im Katalog zum Projekt treffend feststellt. Im Gegensatz zur kapitalistischen Verbildlichung der Arbeit, die – wenn sie überhaupt vorkommt – den Arbeiter zumeist sozialkritisch als ausgebeutetes und überanstrengtes Rädchen in einer großen Verwertungsmaschine zeigt (wie etwa in Lee Friedlanders Serien At Work oder Cray at Chippewa Falls), scheint hier tatsächlich ein anderes Bild der Arbeit spürbar zu werden: eines der erfüllten Tätigkeit im Kollektiv, eines gemeinsamen und tatkräftigen Anpackens und einer gesellschaftlichen Symbiose von nicht-entfremdeten Menschen mit ihren Produktionsmitteln und Erzeugnissen.

 archiv-reinhard-mende-3   Mendes Messefotografien indes zeigen Verkaufsdisplays. Manchmal tauchen jene Bilder, die er in den Betrieben geschossen hatte, in einer seltsamen Schleife hier wieder auf – der Auftrags- und Gebrauchscharakter seiner Dokumentationsfotos wird spätestens an dieser Stelle eindeutig. Diese Bilder von lebendiger sozialistischer Arbeit rahmen sorgfältig arrangierte, eindeutig fetischisiert auf Sockeln ausgestellte Waren, die so in der DDR wohl kaum erhältlich waren. Verkauft werden nicht nur diese Produkte, sondern auf integrale Weise auch ein bestimmtes Image von der DDR. Viele dieser hier beworbenen Konsumgüter waren beinahe ausschließlich für den Export bestimmt und sollten Devisen einbringen. Und so ließen sich einige dieser elektrischen Haushaltsgeräte am Ende in der Bundesrepublik Deutschland unter dem Markennamen Privileg beim Versandkaufhaus Quelle bestellen. Immer wieder sieht man auf Mendes Bildern auch Delegationen, die an den Messeständen ebenjene Produkte prüfend in Augenschein nehmen und Verkaufspersonal, das potenzielle Kunden von den Vorzügen dieser Produkte überzeugen will. Es handelt sich bei diesen Kunden ebenso um Vertreter aus dem sogenannten Westen wie auch aus sozialistischen Bruderstaaten wie Mozambique, Angola oder Äthiopien. Dann und wann hält Mende sogar einen feierlichen Vertragsabschluss fest.

   Doppelte Ökonomien entfaltet sein Argument von der Systemgleichzeitigkeit, von der Existenz einer paradoxen ideologischen Mehrfachbelichtung aus seinem Begriff eines lebendigen, sich stets in Umschrift befindlichen Archivs heraus: Entlang der zutage geförderten und zugänglich gemachten Fotografien lässt sich eine ökonomiehistorische Parallelerzählung aufmachen, die das bekannte Bild einer sozialistisch vereinheitlichten DDR durchkreuzt. Die Leipziger Messe hatte schon vor der Gründung der DDR eine lange Tradition – und dass man sich ganz dezidiert in diese Tradition einschrieb, will nicht so richtig zur Staatsdoktrin des kompletten Neuanfangs passen.

   Ebenso sehr wie Mendes Fotografien Zeugnis von einem anderen Arbeitsbegriff und einem anderen Verhältnis der Menschen zur Arbeit ablegen mögen, zerstören sie das Bild eines monolithischen sozialistischen Blocks namens DDR doch auch für den ehemaligen Westen, der diesen unterlegenen Anderen für die Sieges-Geschichtsschreibung seines eigenen kapi-talistischen Systems so dringend benötigte. Der vereinheitlichenden Erzählung vom vollständigen Systemwechsel standen diese Dokumente im Wege. Nicht umsonst – so Doreen Mende – verschwanden viele vergleichbare Foto-Archive nach der Wende in der Schattenwelt privater Keller oder Dachböden.

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Videoreportage — Armin Linke Reinhard Mende Freischaffender Bildreporter in der DDR, Zürchau April / Juni 2011

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