Zurück aus der Schwindeltour-Rehab

Text von Hendrik Otremba
am 13. Juni 2012

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Foto — Hendrik Otremba, Philipp Vuht, Pogo beim Pfingsfest Mannheim 

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Wut im Bauch, Ideen im Kopf, Restalkohol in den Venen und die Fahrbahnmarkierungsstreifen vor den Augen: Mit ihrem neuem Album Im Schwindel (This Charming Man Records) begab sich die Gruppe Messer aus Münster Ende Mai auf ihre erste Deutschlandtour  –  unterbrochen von einem Abstecher in die Schweiz. Für Spex hat Sänger Hendrik Otremba ein Tourtagebuch angelegt. Die Boulevardpresse (Schwierig!), Hardcore-Fans (Noch schwieriger!), neue Freundschaften, Horrorfilmfans und unvergessliche Nächte – all das zieht nun vorbei wie die Landschaft am Busfenster. Und am Ende wartet Tobias Levin.

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Wenn man das erste Mal auf Tour geht, bedeutet das zunächst viel Organisation. An einer DIY-Sozialisation geschult, nutzten wir so alte wie auch neue Kontakte, um eine Route festzulegen. Wohl fühlten wir uns überall, und auch im Dazwischen – soviel sei hier schon verraten. 

   Mit bewusst reduziertem Gepäck fuhren wir von Münster aus, wo wir zur Zeit alle leben, zunächst nach Köln. Der Klub Genau in Köln-Kalk, ein – wie der lokale Express, dessen Anwesenheit wir gar nicht bemerkten und der mich von 27 Jahren auf süße 19 herabsetzte – »Hinterhof-Konzertclub«, bedeutete für uns den perfekten Tourauftakt: alte Freunde wiedersehen, eine Location zwischen Glamour und Abrissbirne, ein wahnsinnig guter Sound, weit schallend um ein angenehm großes Publikum.

   Während wir spielten, wurde es in dem loftartigen Gebäude langsam dunkel, was der Atmosphäre sicher nicht schadete. Der reißerische und boulevardesque Artikel im Stile Springers belustigte uns später zunächst, andererseits fanden wir in ihm ein ehrlicheres Zeugnis der Kulturberichterstattung, als in den oft gezwungen emphatischen Texten, die einem sonst so oft begegnen: die Aufmerksamkeit, die uns gerade zu Teil wird, zeigte sich hier in einer maßlosen Übertreibung – und wurde uns damit etwas klarer.

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Foto — Messer & Obits mit Veranstalter Roman (r.) beim Essen im TabTap Club, Schaffhausen

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Am zweiten Tag Mannheim, Pfingstfest; Hochburg von »Klotzaugen«, Gegenentwurf zu jenen gespielt weichen »Nudelaugen«, die Andreas Spechtl einmal so schön formulierte. Irgendwo dazwischen stellten wir beim Spielen fest, dass das übliche Hardcore-Publikum in Zukunft vielleicht nicht gerade zu den größten Messer-Liebhabern zählen wird. Zwischenrufe gab es zwar nicht, aber viel Bewegung: nach draußen.

   Doch gab es auch viele Ausnahmen, und die, die drinnen blieben, zeigten sich um so mehr begeistert: Empowerment, das Stuttgarter Sprachrohr des Antifaschismus, wurde zu unserem Freund. Die Gruppe, die den Freitagabend abschloss, erbrachte uns zudem den Beweis, dass aggressiver Hardcore nicht immer bedeuten muss, die Härte als einzig legitimes Ausdrucksmittel zu empfinden, sondern dass eine emanzipierte Hardcore-Kultur im besten Fall bedeutet, sich auch mit etwas weniger direkten Musiken anfreunden zu können.

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Foto — Kehbel Philipp Vuth, Pascal Schaumburg beim Pfingstfest Mannheim

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Am Sonntag dann die wohl schönste Stadt auf der Tour: Schaffhausen in der Schweiz bot den Raum für Exzess und Entspannung zugleich. Mit unseren neu gefundenen Freunden in Obits aus Brooklyn stellten wir einige Verwandtschaften fest,  Äpfel qualmten, Gläser klirrten. Der TabTap-Club, in dem das Konzert stattfand, ist jedem zu empfehlen, der das beschauliche Städtchen einmal besucht. Die Filmesammlung des Veranstalters Roman auch! Ein so dichtes Archiv an Horrorfilmen, stillen und vergessenen Klassikern, kanonisierten Evergreens und Geheimtipps haben wir selten gesehen. Den einzigen Film, den unser Gastgeber noch nicht kannte, war Gerald Kargls Angst, und der sei hier jedem Leser empfohlen.

   Aber der Fernseher blieb aus: We said YES! to another excess, und so mancher Fiebertraum mag den ein oder anderen der internationalen Reisegruppe in dieser Nacht wohl geplagt haben. Deshalb empfahl es sich, am nächsten Tag noch ein wenig die Zeit zu nutzen, um den Rheinfall und die schöne Umgebung zu besuchen. Good Karma.

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Dann München, im abgelegenen Kafe Kult: Der autonome Laden beherbergt unter anderem Herbert, einen kunstaffinen, älteren Herren in Lederhosen, der nicht nur nette Geschichten zu bieten hatte, sondern auch lang gesuchte Krautrock-Originale, die er dann mit einem lachenden und einem weinenden Auge an die nachfolgende Generation verkaufte.

   Weiter nach Wien, hinein in die Kellergewölbe eines prunkvollen Kaffeehauses, von dessen Wänden uns aus Bilderrahmen die hedonistische Schickeria der 80er Jahre, beispielsweise in schwitzigen Fotografien von Grace Jones und Dennis Hopper, beim Spielen zuschauten. Das Nachtquartier – auch wenn die Nacht kurz war – dann mit Blick auf den Prater. Bloß nicht in den Bewegungen des Riesenrades verlieren …

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Foto — Michael Laur de Manos Hendrik Otremba im Schokoladen, Berlin

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Leipzig bot am kommenden Tag die langsam notwenige Entspannung, wir spielten im Wohnprojekt Similde, besprachen in aller Kürze (ca. 20 Sekunden) zukünftige Konzerte mit 206, ließen es ausnahmsweise ruhig angehen. Die Nacht erholsam, das Frühstück reich.

   Dann ging es auf nach Berlin: Die Strecke von Leipzig dorthin beanspruchte fast genau so viel Zeit, wie das Durchkommen in der Stadt. Aber es lohnte. Der jüngst gerettete Schokoladen war uns direkt sympathisch, das Konzert ein Höhepunkt und ausverkauft, die Party danach der Schnelligkeit der Stadt entsprechend. Die netten DJs schienen in unserer Abwesenheit die daheim zurückgelassenen Plattensammlungen entwendet zu haben – da lief unser Sound. Nicht der eine Song von der einen heute hoch umjubelten Band von gestern, sondern eher die B-Seite von der zu Unrecht vergessenen Gruppe aus dieser Zeit. Sagen wir einfach Do The Du von A Certain Ratio statt Transmission von Joy Division. Dementsprechend schwangen wir die Tanzbeine!

   Schließlich noch ein Messer-Tattoo für jeden von uns am nächsten Morgen, ein ungeplanter Trikottausch und weiter nach Hangover … Hannover. Dachterrasse und Lagerfeuer, oben und unten. Die Leute aus dem familienfreundlichen Wohnprojekt, die die Show organisiert hatten, brachten uns heimische Gefühle. Die Kaninchen im Hinterhof und die Freundinnen am Telefon hingegen kehrten an die Oberfläche, dass wir schon eine ganze Weile nicht mehr zu Hause waren – was auch immer das bedeuten mag.

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Foto — Pascal Schaumburg im TabTap Club, Schaffhausen

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Die letzte Show erwartete uns in Hamburg, und wir erwarteten sie. Der Komet ausverkauft. So lange spielen bis kein Song mehr da ist. Und obendrein ein kleines Geschenk: Tobi Levin berauscht, fragend, ob wir uns denn eine gemeinsame Zukunft vorstellen könnten, Spechtl dazu charmant und süffisant nickend. Was ein Abschluss, wir konnten kaum von dem Abend lassen. Aber dann ging es zurück.

   Die Schwindeltour hatte uns verändert. Spielerisch und hinblickend auf unsere Performanz um einiges selbstsicherer, glücklich über neue Freundschaften und voller Vorfreude auf alles, was da noch kommen mag, erkannten wir auch: Jeden Abend mit Messer auf der Bühne stehen ist kräftezehrend, jedoch: Die Euphorie im Drumherum lädt den Akku in jedem Moment derart stark auf, dass es immer so weiter gehen könnte.

   Bis zum nächsten Mal! Danke!

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Video — MESSER Mutmaßungen über Hendrik

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