Göttin im Steingarten
Julia Holter mit Ekstasis auf Tour
Text: Lutz Happel
Foto — Jorge Peniche
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Angenommen, der Begriff Ambient würde nicht so unangenehm nach Muzak klingen, stünde also nicht für akustische Tranquilizer, die in Flughäfen, Telefonwarteschleifen und Fahrstühlen eingesetzt werden. Angenommen, man assoziierte mit diesem Begriff eine Musik, die sich – wie der britische Journalist David Toop formulierte – mit den »verwirrenden, chaotischen Geräuschen unserer Umgebung« auseinandersetzt und die fragwürdige Unterscheidung zwischen organischem und anorganische Soundmaterial genauso auflöst wie jene zwischen Pop und Avantgarde. Wenn dem so wäre, dann könnte man Julia Holters Musik guten Gewissens als Ambient bezeichnen.
In den Projekten der Kalifornierin – die zuletzt mit Dreampop-Chanteuse Nite Jewel und der Psych-Folk-Legende Linda Perhacs kollaborierte – verzwirbeln sich hoch- und runtergepitchte Stimmen, Samples, Beats, Field Recordings, Synthies und Alltagsgeräusche zu einem nicht mehr auf einzelne Soundquellen zurückführbaren, postsongwriterischen Klanghybriden. Die in Los Angeles lebende Holter zapft ihre Sounds ebenso aus den Resonanzkörpern ihrer Lieblingsinstrumente Cello und Harmonium wie aus den Fundgruben des digital-globalen Klangarchivs, aus ihrem Wissen um Musique concrète ebenso wie aus der Konzeptkunst. Vor ihrem Debütalbum Tragedy, das im vergangenen Jahr erschien, veröffentlichte sie ausschließlich auf kleinen Kassettenlabels wie NNA oder Sixteen Tambourines, so dass ihr Backkatalog mittlerweile eine ganze Reihe vergriffener CDRs und Tapes listet.
Ein ästhetisch-politisches Programm für kleine Distributionsformen und gegen shallow digital consuming, wie in letzter Zeit von Labels wie Not Not Fun oder Olde English Spelling Bee propagiert, stand für Holter dabei jedoch nicht im Vordergrund: »Ich will nicht absichtlich obskur sein«, betont sie im Interview, »ganz im Gegenteil: Ich möchte, dass meine Musik so vielen Leuten wie möglich zugänglich ist.« Julia Holter hat – wie auch Lo-Fi-Pophistoriker Ariel Pink und der Verausgabungsmaniac John Maus – am CalArts Institute studiert und dort offensichtlich eine gute Dosis John Cage abgekriegt. Man erkennt das an ihrem Interesse für unterschwellige (auch außermusikalische) Geräusche und dem Stellenwert von Stille in ihrer Musik, vor allem aber an ihrem Hang zu konzeptionellen Vorgaben. Ihr Phonetic Translations-Projekt beispielsweise basiert auf kitschigem Global Pop, etwa aus Burma oder Russland, dessen Lyrics Holter – ohne deren Bedeutung zu kennen – nach bloßem Höreindruck in ein ulkiges Bastard-Englisch transferiert. Ein weiterer Release mit dem Titel Gigi ist eine Interpretation des gleichnamigen Kurzromans der französischen Schriftstellerin Colette, voll kathedralischem Georgel, dubbigem Stampfen und merkwürdigem Getuschel, konzipiert in Form eines Musicals.
Erst Tragedy war jedoch ohne großen Import-Aufwand zu bekommen. Auf ihm ist eine sonische Interpretation der antiken Tragödie Der bekränzte Hippolytos des griechischen Dichters Euripides aus dem Jahr 428 v. Chr. zu hören – ein dramatisches Klangmonster aus nonnenhaften Chorälen, sich spiralartig emporschraubenden Waberflächen, dronigen Field Recordings und feinstofflich zusammengeklöppelten Synthesizerteppichen. In seiner Gliederung aus Introduction, Interlude und Finale wirkt Tragedy episch, wie ein Soundtrack für die eher schicksalhaften Momente in den Filmen von Terrence Malick.
Ekstasis, Holters neuestes Album, ist nun allerdings kein Konzeptalbum, das eine außermusikalische Vorlage als Ausgangspunkt nimmt, sondern eine Sammlung eigenständiger, kristallin produzierter Songs von geradezu glitzerndem Popappeal. In ihnen umkreisen Holters Lyrics in dezent verhallten Chorälen die Dingwelt mittelalterlicher und antiker Mystik – interessanterweise ohne dabei in New-Age-Kitsch-Gefahr zu geraten: Von Marmorskulpturen und mondbeschienenen Steingärten ist die Rede, bevölkert von zwergischen herumwandernden Statuen und einer Ränke schmiedenden, Menschen zum stolpern bringenden Göttin. Mal kippt dazu eine kinderliedhafte Schunkelmelodie in klaustrophobische, an Minimal Music erinnernde Cut-up-Vocals, um sich anschließend unter »Kuckuck«-Rufen und Pseudo-Cembalo-Sounds in einer optimistischeren Melodie aufzulösen. Mal rattern Billo-Achtziger-Casio-Keyboard-Drums und Trash-Handclaps stoisch unter den Holter’schen, sich umeinanderwickelnden Gesangslinien hindurch.
Es gibt Momente auf Ekstasis, die so klingen, als hätten Laurie Anderson, Arthur Russell und Meredith Monk gemeinsam ein zwischen Futurismus und Mediävistik oszillierendes Kammerpop-Album aufgenommen. Doch mit musikalischen Referenzen kommt man bei Julia Holter nicht besonders weit. Andersons Werke beispielsweise kenne sie kaum, erklärt sie im Interview. Und überhaupt sei »blindness to reference« einer ihrer Grundsätze.
Wenn dann aber doch Referenzen in ihrer Musik auftauchen, dann sind es keine musikalischen (der Songtitel Marienbad etwa spielt auf den konsequentesten Versuch des Regisseurs Alain Resnais an, die Ideen des Nouveau roman, vor allem dessen Materialismus der sichtbaren Dingwelt, Anfang der sechziger Jahre in den Film zu übersetzen). Oder aber Holters Einflüsse liegen Lichtjahre von allem Popkulturellen entfernt, wie etwa in mittelalterlichen Manuskripten, die es ihr offenbar angetan haben: golden schimmernde Buchstaben, Handschriften, in denen Text und Bild ineinanderfließen, Fabelwesen aus christlichen Endzeitfantasien. Was sie in diesen Manuskripten findet, ist eine vormodernistische Entrücktheit, eine surreale Weirdness mittelalterlicher Ikonografie, die sie ästhetisch ausbeutet.
Julia Holters zweites Album könnte tatsächlich keinen passenderen Titel tragen: Ekstasis ist blind gegenüber der eigenen oder irgendeiner anderen Pop-Geschichtlichkeit. Stattdessen entwickelt es, was der Philosoph Gernot Böhme »Ekstasen« genannt hat: Klangobjekte, Wörter, Bedeutungen treten aus sich heraus, verdichten sich zu Atmosphären. John Cage hatte Ähnliches im Sinn, als er 1939 von Imaginary Landscapes sprach: Soundscapes, die so irrational wirken wie Träume. Erst wenn man aufhört, sich zu konzentrieren, kann man sie betreten. Julia Holter übersetzt diese Idee von Immersion in den Pop, mit den Mitteln, die einem Twen der Digi-Moderne zur Verfügung stehen. Man könnte sagen, Ekstasis ist das Gegenteil von Ambient, wie man ihn kennt und schimpft.
Spex präsentiert die am Sonntag beginnende Tour von Julia Holter (Termine nachfolgend) und verlost noch 3x2 Plätze nach Wahl.
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Video — Julia Holter Marienbad
Video — Julia Holter Moni Mon Amie (Yours Truly Session)
Video — Julia Holter Phonetic Translations of YouTubes
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Spex präsentiert Julia Holter live:
12.06. Nürnberg — Neues Museum
14.06. München — Kong
03.07. Köln — Museum Ludwig
04.07. Dresden — Thalia Kino
05.07. Berlin — .HBC

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