»Hier passiert alles, und dann lange Zeit nichts.«
John K. Samson von The Weakerthans über sein Soloalbum »Provincial«, das er gerade live in Deutschland vorstellt
Text: Stephan Wabl
Foto — Andreas Hornoff
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John K. Samson gilt als einer der poetischsten Songschreiber im Indie-Rock-Geschäft. Für seine Band The Weakerthans kreierte er Hymnen auf liebenswerte Eishockey-Tormänner, frustrierte Katzen und einsame Fabelwesen. Doch während die von ihm gegründete Arbeiter Ring Publishing weiterhin Buch um Buch veröffentlichte, blieb das 2007er Reunion Tour das bislang letzte Studioalbum der Weakerthans. Derzeit stellt der Kanadier allerdings sein kürzlich erschienenes Soloalbum Provincial (Grand Hotel van Cleef) auf Tour in Deutschland (Termine am Ende) vor. Im Gespräch erzählt Samson von seiner Spurensuche in den Archiven einer Lungenheilanstalt, was Depressionen mit Songschreiben gemeinsam haben und warum er an den Sozialismus glaubt.
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Du hast für das Album deine Eindrücke von Reisen entlang dreier wichtiger Straßen und Autobahnen rundum deine Heimatstadt Winnipeg verarbeitet. Was war der Ansporn für diese Erkundungen?
JOHN K. SAMSON: Mit den Weakerthans habe ich mich immer wieder mit Geschichten, Plätzen und Stimmungen in Winnipeg auseinandergesetzt. Nun wollte ich mir auch das Umland und vor allem das Leben in Kleinstädten in meiner Region Manitoba anschauen. Da hatte ich die Idee, anhand von drei zentralen Straßen eine Art musikalische Karte dieser Gegenden zu zeichnen.
Dafür hast du auch in Archiven recherchiert.
Genau. Um die Orte und Menschen besser zu verstehen, habe ich mich intensiv mit deren Geschichte beschäftigt. Ich habe mir Material, das rund 125 Jahre umspannt, angesehen und in die Songs einfließen lassen. Zudem wollte ich mich mit der Geschichte meiner Familie auseinandersetzen, zum Beispiel mit dem Heimatort meiner Mutter. Dabei ist mir klar geworden, wie wichtig die Vergangenheit eines Ortes ist, um die Menschen dort zu verstehen, um ein Gespür dafür zu entwickeln, wie sie mit Wandel umgehen und wie sie selbst wiederum diese Orte prägen. Ich habe für diese Platte sicher tiefer gegraben als für die Alben mit den Weakerthans.
Im Zentrum dieser Spurensuche steht das ehemalige Tuberkulose-Sanatorium in der Ortschaft Ninette. Wie bist du auf dieses gestoßen?
Meine Mutter ist in der Nähe des Sanatoriums aufgewachsen und hat immer Anekdoten darüber erzählt. Viele Leben wurden dort geheilt beziehungsweise gingen verloren. Manche Menschen blieben jahrzehntelang, haben teilweise ihre Familie hinter sich gelassen und andere Patienten geheiratet. Ich habe Fotos gefunden, auf denen Halloween-Partys und der von Patienten gegründete Icelandic Coffee Club zu sehen sind. Isländer sind verrückt nach Kaffee, meine Familie kommt ja ursprünglich auch aus Island und in der Gegend gab es viele isländische Einwanderer.
Daraus habe ich die fiktive Geschichte gesponnen, dass ein jüngerer Bruder seinem älteren in das Sanatorium Briefe schickt, bis der ältere zurückschreibt, sein jüngerer Bruder soll ihn vergessen und mit seinem Leben weitermachen. Denn vielleicht ist er schon bald tot oder muss, wer weiß, wie lange, in Behandlung bleiben. Das Archiv des Sanatoriums war ein wahrer Fundus an Geschichten, die Einrichtung hatte große Bedeutung für das Leben in der kleinen Stadt. In den 1970ern wurde es schließlich abgerissen. Heute steht dort ein Campingplatz für Wohnwagen.
Die Arbeit am Stück über das Sanatorium ist in der Folge in ein weiteres Lied eingeflossen.
An Letter in Icelandic from the Ninette San habe ich mich wahnsinnig abgearbeitet. Der Schreibprozess war sehr frustrierend, am Ende aber unglaublich erfüllend. Irgendwann wollte ich diese ganze Recherchearbeit - das Sitzen in Archiven, Fotos und Dokumente durchwühlen - verarbeiten, ich wusste aber nicht wie. Dann war ich in einer Bar und aus der Jukebox kam Bob Dylans When I Paint My Masterpiece. Da ist es mir gekommen, ich hab den ersten Satz des Dylan-Stücks adaptiert und die Struktur beibehalten. Daraus wurde When I Write My Masterthesis, ein Song über einen Studenten, der sich mit seiner Abschlussarbeit über das Sanatorium herumplagt. Diese beiden Lieder - Ninette San und Masterthesis - bilden das Rückgrat des Albums, die anderen Stücke spinnen sich darum.
In den Stücken finden sich häufig Referenzen zu Computerspielen.
Ich bin fasziniert von Computerspiel-Communitys, obwohl ich selbst nicht spiele. Da formen sich Gemeinschaften über die ganze Welt verteilt, ohne dass man die anderen wirklich kennt. Mich interessiert dabei, wie der Zugang zu digitalen Communitys das Leben von Menschen verändert. In Kleinstädten - mit denen ich mich auf Provincial hauptsächlich beschäftige - ist das besonders offensichtlich. Auf der einen Seite muss es sich für einen isolierten, unbeliebten, eigenbrötlerischen Teenager großartig anfühlen, im Internet eine Gemeinschaft an Gleichgesinnten zu finden. Auf der anderen Seite verliert er dadurch sein direktes Umfeld aus den Augen, muss sich weniger mit seinen Mitmenschen auseinandersetzen und tut sich folglich noch schwerer, wirkliche soziale Kontakte herzustellen. Aber genau das ist doch das Schöne an Kleinstädten: die familiäre und tägliche Verbindung zu deinem Umfeld.
Deine Motivation, Musik zu machen, meintest du, sei der Versuch, eine sinnvolle Verbindung zu deiner Außenwelt herzustellen. Ist dir das in den zwei Jahrzehnten deiner Arbeit gelungen?
Ja, das Gefühl habe ich. Ich habe mir über die Jahre eine Gemeinschaft aufgebaut, die sich für meine Arbeit interessiert und Menschen gefunden, zu denen ich eine sehr persönliche Beziehung habe - sowohl als Mensch als auch als Musiker. Dafür bin ich sehr dankbar. Diese Gemeinschaft habe ich beim Songschreiben im Kopf. Das ist sehr beruhigend. Ich zweifle heute sicherlich weniger an mir als Musiker, fühle mich auf der Bühne sehr wohl, weiß aber auch, dass ich noch nicht das Album geschrieben habe, das ich gerne schreiben würde. Dieses Album stet mir noch bevor, und das ist ein gutes Gefühl. Denn es heißt für mich, dass ich noch etwas zu sagen habe. Wie sich diese Platte anhören wird, keine Ahnung. Das werde ich wohl herausfinden, wenn ich sie schreibe. (lacht)
Du bist zu Weihnachten in eine Depression gefallen, auch die Veröffentlichung der Platte habe nicht geholfen, sagtest du kürzlich. Spielt Depression eine große Rolle in deinem Leben?
Depressionen und Angstgefühle spielen sicherlich eine wesentliche Rolle in meinem Leben - und es ist auch nicht leichter geworden über die Jahre. Hinzu kommt, dass ich mich als öffentliche Person nicht immer wohl fühle. Aber ich kann mittlerweile ganz gut damit umgehen und bin in der glücklichen Lage, dass mich meine Depression nicht auffrisst, ich meine Arbeit machen und mein Leben genießen kann. Depressionen und Songschreiben sind für mich sehr ähnlich: Du entwickelst eine Strategie, um mit der Sache umzugehen, einen Weg zu finden und aus diesem Zustand raus zu kommen. Das Problem dabei ist allerdings, dass du jedes Mal eine neue Strategie finden musst. Denn es gibt keine Formel.
Mitgefühl und Entfremdung sind zwei weitere zentrale Themen deiner Musik.
Nicht nur meiner Musik, sondern auch meiner politischen Sicht auf die Welt. Ich glaube, jeder Mensch spürt eine gewisse Einsamkeit und Entfremdung in seinem Leben. Das ist ein Produkt der Gesellschaft in der wir leben, eine Konsequenz der politischen Umstände.
Der Begriff Entfremdung wird zumeist mit Karl Marx in Verbindung gebracht. Beschäftigst du dich mit ihm?
Ja, vor allem lese ich sehr gerne über ihn und sein Leben. Ich bin der Meinung, Marx hat eine sehr interessante, detaillierte und hilfreiche Analyse der Welt vorgelegt. Ich denke nach wie vor, dass wir von seinen Büchern und den Menschen, die davon inspiriert wurden, viel lernen können.
Du hast Anfang der 1990er als Bassist in der politisch immer noch sehr aktiven Punkband Propagandhi begonnen. Haben sich deine politischen Vorstellungen seither verändert?
Auf eine gewisse Art und Weise bin ich sicher weicher geworden. Ich sehe die Welt nicht mehr in Schwarz oder Weiß, als Kampf zwischen Links und Rechts. Aber ich betrachte mich weiterhin als Linken, durchaus als Sozialisten - jedoch ohne dogmatisch zu sein. Was sich sicher geändert hat, ist mein Zugang zu Gewalt. Heute bin ich ein weitgehend intoleranter Pazifist und habe so gut wie keine Toleranz mehr für Gewalt jeglicher Art. Früher hingegen konnte ich der Idee des bewaffneten Kampfes einiges abgewinnen. Das ist kein Thema mehr. Anarchistische Denker wie Bakunin oder Kropotkin inspirieren mich indes bis heute.
Als Jugendlicher wolltest du Schriftsteller werden. Warum ist es dazu nicht gekommen?
Ich weiß es nicht genau. Ich schätze, ich habe herausgefunden, dass ich mich durch Musik und Texte mit 500 bis 750 Wörtern am besten ausdrücken kann. Ich habe zwar versucht, längere Texte zu schreiben, aber ich bekomme es einfach nicht hin. Die Arbeit bei meinem Verlag Arbeiter Ring Publishing ermöglich es mir allerdings, mich ständig mit Schriftstellern zu beschäftigen. Wer weiß, vielleicht schaffe ich es in Zukunft doch noch, ein Buch zu schreiben.
Der Autor ist freier Journalist und Texter in Wien.
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John K. Samson live:
24.05. Berlin — Magnet
25.05. Dresden — Beatpol
26.05. Halle — Objekt 5
27.05. Hamburg — Uebel & Gefährlich
29.05. Hannover — Bei Chez Heinz
30.05. Münster — Gleis22
31.05. Düsseldorf — Zakk
01.06. Bielefeld — Kamp
02.06. Bremen — Lagerhaus

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