Hände Hoch, Abgeklatscht!

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Foto — Burkhard Peter Justine Electra

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Am Samstag findet erneut der Record Store Day, die freundschaftlich-internationale Kaufaufforderung an Freunde der Vinylplatte und solche, die es werden wollen, statt. Wer abseits solcher Kampagnen die Passion für das schwarze Format ausleben will, dem gibt unter anderem das Berliner Label Haute Areal seit einigen Monaten die musikalische Hand. Mit der auf fünf Teile angelegten 7"-Serie High Five versammelt sich hier ein wahrlich bunter Haufen. Und wäre nicht schon gleich die erste Veröffentlichung die einzige Ausnahme, man müsste von einer Gruppe internationaler Wahlberliner, also creative expats, schreiben. Aber der Reihe nach.

   Schon im November des letzten Jahres eröffnete Johannes Stankowski Werle– und vornamenlos die Reihe mit der Single TSOYD. Selbige war nicht auf seinem Solodebüt Torres – Vol.01 enthalten und hat diesem nun qualitativ auch einiges voraus: Stankowski versucht sich hier als zeitloser Crooner, dessen Obsession wohl doch eher dem Klang der Klingel (»the sound of your doorbell«) als der Hausbewohnerin gilt – Saxofonfinale inbegriffen. Ein unterhaltsam beschwingender Titel, der auch in einem Mad Men-Abspann laufen könnte. Die B-Seite stammt wiederum aus der Feder des mehr oder weniger abgetauchten Henry Reyels, dessen Langeweilelamento Bored & Blue Stankowski nicht nur mit Möwengekreische Fernweh einhaucht.

   Letzteres dürfte dann auch – neben den vergleichsweise niedrigen Mieten und den offenen Strukturen – die anderen KünstlerInnen der Reihe nach Berlin getrieben haben. Mary Ocher, in Moskau geboren, kam via Tel Aviv bekanntlich vor fünf Jahren in die Hauptstadt. Auch sie veröffentlichte 2011 mit War Songs ein Album bei Haute Areal, von dem sie mit The Sound of War  auf der B-Seite ihres Beitrags gemeinsam mit Arish King Khan, eigentlich aus Kanada, seit 2005 wandelndes Punk- und Überraschungsmoment der lokalen Szene, gleich ein Stück der LP »re-visit«. Produzent Khan und Ocher entrücken den Titel hier psychedelisch. Die zweite Zusammenarbeit, Address Yourself, basiert hingegen auf einer skizzenhaften Synthieschleife. Beide Stücke sind wie auch die mit US-Amerikaner Phil Freeborn (»You make the art, I press the buttons.«) entstandenen A-Seiten Man of 1000 Faces und Ugly, Ugly Girls AußenseiterInnenerzählungen, die mit dienlichsten Weisheiten wie »There's no savior in poverty.« und dass die beste Ausbruchsmöglichkeit für die Unterdrückten und Abgewiesenen jeglicher Couleur doch eine eigene »great invention« wäre, aufwarten können.

   Keine Erfindung, aber zumindest ein groß angelegter Traum waren die 365 Songs in 365 Days, die die Australierin Justine Electra vor gut einem Jahr bei Nummer 66 ehrenhafter Weise abbrach. Jetzt veröffentlicht sie wieder regulär. Das Hippietum aus ihrem bereits sechs Jahre zurückliegenden Debütalbum Soft Rock äußert sich nun in den Samples eines Kinderspielzeugs der Marke »Die Tiere auf dem Bauernhof« (geeignet für 0-3 Jahre). Sinniger Weise heißt ihr Ende März erschienener Beitrag auch Petting Zoo, währenddessen sie selbst in ein Zuversichtsmantra verfällt. Mit Denim Dreaming gibt es eine etwas abgeschmackte Rockschmuseode dazu, vom Cover grüßt Frau Electra dazu konträr mit giftgrünem Rieseniro und schwarzblauem Lippenstift.

   Optisch nicht weniger auffällig ist der aus Liverpool stammende Alexander Geist, als Künstler unter dem Namen La JohnJoseph ebenfalls bekannt. Durch und durch very british, durch und durch Dandy im Mitt-80er-Verständnis präsentiert er sich hier und so re-inkarniert seine am 18. Mai erscheinende 7" Bad Language folgerichtig den dramatischen Synthpop jener Zeit. Geist selbst nennt das morose Disco-Soul; einen »mürrischen«, nachtragenden Eindruck macht er dann auch in der Tat. Da darf mancher im Bilde schonmal seine Wange hinhalten. Joey Hansom, ein weiterer Expat, Disco-DJ und Macher des queer culture-Projekts Expatriach ließ sich dazu in seiner ersten Produktion kräftig von Moroder inspirieren und schließt – wie anschließend bei der B-Seite What I Mean To You – die Zeitkapsel mit süßlichen Saxofoneinspielern (Schon wieder!).

   In der Summe hinterlassen diese ersten Veröffentlichungen ein leicht benebelndes Gefühl künstlerischer Befruchtung und Hoffnung, das man auf vier unterschiedlich farbigen Schallplatten (Notfalls auch digital!) oder eben live ergründen kann. So tritt Justine Electra heute als Vorband von Two Chix & A Beer im .HBC, Berlin, auf, Mary Ocher spielt morgen mit Doctorella im katerholzig. Vergleiche mit der kanadischen Riege um Mocky, Gonzales und Peaches, die es ebenfalls zeitweilig (bzw. bei letzterer: dauerhaft) nach Berlin verschlug, gehen – das sei der Vorsicht halber noch abschließend notiert – aber fehl.

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High Five-KünstlerInnen live:
19.05. Berlin — .HBC — Justine Electra (als Support von Two Chix & A Beer)
20.04. Berlin — katerholzig — Mary Ocher (als Support von Doctorella)
18.05. Berlin — .HBC — Alexander Geist