Geisterkreisel in Brüssel

Text von Thomas Vorreyer
am 23. März 2012

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Foto – Anstam mit Aufkleber und Anhängern Caroline Lessire

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In Brüssel ist es nasskalt und grau. Angeblich soll der Sommer hier sehr angenehm sein, aber es sind Tage wie dieser Samstag im Februar, an denen man schnell die enorm hohe Kneipen- und Chocolatierdichte als emotionalen Rettungsanker der belgischen Hauptstadt begreift. An diesem Abend kommt obendrein noch Unterstützung aus dem Nachbarland; das hiesige Meakusma-Label lädt gemeinsam mit dem deutschen Goethe-Institut in das Recyclart, deutsch-elektronische Künstler wie Monolake (Interview weiter unten), Anstam und Jan Jelinek als Farben bitten zum intellektualisierten Tanz, der ortsansässige Sensu und der Brite Actress besorgen die programmatische Klammer.

   Der Abend beginnt mit einem heftigen Schauer, drinnen wartet eine Mischung aus Horst Krzbrg und dem alten Bang Bang Club in Berlin: Der Raum ist karg, rechteckig geschnitten, der Boden gefliest, über der flachen Decke fährt der Zugverkehr in die Station Midi ein. Alte Wegweiser sorgen für Atmosphäre, die Theke erreicht man über U-Bögen, die eine gesitteten Abfluss der Schlangen ermöglichen sollen. Während Sensu es im Hintergrund ruhig angehen lässt und die Leute mit Ambientklängen und Sprachphilosophiesamples aufwärmt, erweisen sich erste Kontaktversuche mit dem freundlichen Publikum, darunter einige deutsche Expats und Internationale, als Einbahnstraßenkonversation: Nach wenigen Sätzen wird, wieder und wieder, begeistert von bereits getätigten oder geplanten Besuchen im Berghain und Watergate erzählt. Deutsche elektronische Musik im Ausland scheint zu allererst über die Koordinate Berlin zu funktionieren.

  Als Sensu von der niedrigen frontalen Bühne aus sein Set zielsicher zu genuinen Technoklängen geführt hat, ist das Recyclart dicht gefüllt und tanzt. Eine Körperlichkeit hat Einzug gehalten, der sich im Jan Jelinek im Anschluss direkt annimmt. Sein House wirkt live ebenso kontrolliert, weil routiniert arrangiert, wie verspielt, weil das komplexe Samplepuzzle zwischen Soul und Jazz ein diffuses Kopfkino erzeugt, das beinahe Geist und Körper voneinander trennt, sie aber in letzter Konsequenz doch pulsierend vereint. Euphorisch wird dann das Ausgehen der Lichter quittiert, Robert Henke alias Monolake taucht an einem weiteren Pult linker Hand, zwischen zwei Türmen des Funktion-One-Systems auf. Das orange Leuchten zahlreicher Notausgangsschilder lässt dann doch keine völlige Dunkelheit zu, dafür schiebt sich die Musik plastisch durch den Raum. Henke spielt überraschender Weise doch sein neues Album Ghosts und dies erstmals sechskanälig, sprich: im Surround Sound. Percussions toben schaurig zwischen den Ecken hin und her, ein anderer verzerrter Sound stürzt wie eine Furie über die Köpfe hinweg, der Bass fährt einem in die Glieder. Und es lohnt sich, sich durch das Leibermeer zu schieben, um die unterschiedlichen Facetten des Konzerts wahrzunehmen.

  Interessant ist später die Reaktion des Publikums: Weder der scharfkantige Dub-Techno von Anstam, in dem sich kein Rhythmus etablieren darf, noch das finale DJ-Set, bei dem Actress nach Gusto Tempi und Stimmungen durcheinander wirft und Breakbeat, Dancefloor-Goldies (The Normal, Kraftwerk), Minimal-Techno, Protometal und Soul grob vermengt werden, tut der gelösten Stimmung Abbruch. Jede Herausforderung wird angenommen, jeder Bruch kollektiv absorbiert und genossen. So wird ein musikalisch außergewöhnlicher Abend in Brüssel komplettiert.

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Foto – 
Porträt Monolake Caroline Lessire

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  Am Folgetag – zurück in Berlin – dann die Nachbesprechung mit Robert Henke am Flughafen Schönefeld. Im Hintergrund räumt ein Glücklicher gerade den einarmigen Banditen des Flughafen-Cafés aus:

Wie zufrieden bist du mit deiner Leistung als »deutscher Kulturbotschafter«?
ROBERT HENKE:   Die Nationalität interessiert mich am allerwenigsten, aber als Kulturschaffender habe ich gestern fast alles erreicht, was ich mir vorgenommen habe. Dabei bin ich zum Teil erst gestern Nachmittag im Hotelzimmer damit fertig geworden.

Die Nacht war programmatisch sehr bunt durchmischt. Was waren deine Eindrücke aus Brüssel? 
Das letzte Mal habe ich vor zehn Jahren dort gespielt. Ich glaube, das war nicht so euphorisch. Der Abend gestern hatte aber einen ganz tollen Spannungsbogen. Mir gefiel die Vielseitigkeit. Monothematische Ideen wie die eines geraden, von Freitagabend bis Sonntagmorgen durchlaufenden Basedrum-Beats ist für mich vorbei. Gestern gab es einen ganz speziellen Aufbau, den ich sehr genossen habe. Alles war schlüssig. Das hat es so funktioniert hat war absolut überraschend. Und für mich war Anstams Konzert mein persönliches Highlight.

Für viele Besucher schien vor allem der Berlin-Aspekt besonders interessant zu sein.
Berlin ist einfach ein Icon geworden und nach zwanzig Jahren sehe ich mich auch als Teil einer Berliner Szene. Ein bestimmtes regionales Play kann man einfach nicht abstreiten. Es gibt diese Kristallationspunkte von Leuten mit ähnlichen Ideen, wenngleich mit unterschiedlichen Ergebnissen. Zwischen Anstam und mir gibt es musikalisch ganz viele Unterschiede, aber es gibt ebenso viele Punkte, die wir gegenseitig beim anderen interessant finden und verstehen bzw. ähnlich machen würden. So etwas hängt nicht nur an zwei Personen, sondern an einem generellen Konzept, wie man sich ein gutes Konzert vorstellt, bestimmte Szenen und Farben.

Wie wagt man sich an ein sechskanäliges Konzert heran?
   Es ist gar nicht einfach. Schwieriger als die technischen, sind eher die inhaltlichen Fragen. Erstens sind die Bedingungen nicht überall gleich. Die Bässe müssen von vorne kommen, nur da kann ich sichergehen, dass dort auch in jedem Fall Lautsprecher stehen, die die richtigen Bässe machen können. Es gibt viele Sachen, die man rundrum schmeißen kann. Aber Bässe eben nicht, weil die Subwoofer zumeist nur vorne stehen. Dann wiederum funktionieren viele ausgedachte Dinge nur für jemanden, der genau in der Mitte steht. Also muss man plakative Dinge tun, die auch für jemanden am Rand zu merken sind. Welche Klänge lässt man also kreisen? Welche legt man nach hinten? Wann hört man auf? Und ganz wichtig: Wann darf sich nichts bewegen? Denn wenn sich die ganze Zeit alles um deinen Kopf herum bewegt, dann sind die Momente, in denen alles stillsteht, vielleicht die spannendsten. Es gilt, einen Mittelweg zwischen dem Einfachen, Plakativen und dem Interessanten zu finden.
Zur Technik: Vor zwanzig Jahren habe ich Filmtonmeisterei studiert. Wenn man sich einmal daran gewöhnt hat, mit Klängen auch im Raum arbeiten zu können, dann empfindet man Stereo immer als mühsame Einschränkung. Es macht einfach Spaß, Klänge im Raum verteilen zu können. Im Club galt lange Zeit die Ansage: Es ist eh mono und eh egal. Aber das stimmt nicht! Zum Beispiel ist die spezifische Erfahrung eines großen Clubs auch, dass man den ganzen Raum hört. Du hörst nicht nur den Lautsprecher, sondern den Lautsprecher plus die Leute um dich herum, den Hall. Klänge kreisen um dich herum, weil du dich selber bewegst. Da ist der Schritt, mehr als nur zwei Lautsprecher zu benutzen, naheliegend.

Welches Set-up benutzt du für die Konzerte?
   Es ist eine Kombination aus Live und Max-Anwendungen für die Surroundgeschichten. Etwas exotisch vielleicht, aber nichts, was nicht jeder andere auch machen könnte.

Schon die früheren Monolake-Wave Field Synthesis-Konzerten boten räumliche Klangkonstruktionen. Wie groß sind die technischen Unterschiede?
    Bei einem WFS-System kann man Klänge extrem frei platzieren. Nur hat man dort keine Clubsituation, von einem Versuchsaufbau im Tresor einmal abgesehen. Das jetzige Set ist für einen Club-Festival-Kontext gemacht. Aufgrund der Bedingungen versucht man deshalb ganz bewusst möglichst einfache räumliche Gesten zu finden; Bewegungen von vorne nach hinten oder hinten nach vorne, kreisförmige Bewegungen, das Gefühl von aus unterschiedlichen Richtungen kommenden Klängen, das Gefühl von Weite. Das sind jeweils Dinge, die in einem Satz kurz erklärt werden können.

Kannst du die einzelnen Musikteile synästhetisch einzelnen Richtungen zu ordenen?
   Nein. Es ist ein Konstrukt. Mir ist in diesem Kontext wichtig, dass man in einen ähnlichen Zustand verfällt, wie in einem guten Kinofilm, bei dem man plötzlich das Kino um sich herum vergisst. Wenn ich erzielen kann, dass die Leute meine Musik hören und plötzlich nur noch diese da ist, kein Club mehr, dann habe ich gewonnen. Alles, was ich an Spielereien dafür mache, ist Handwerk.

Was ist das Narrativ deines neuen Albums Ghosts?
   Es ist eine lose Sammlung von Assoziationen zum Thema Geister. Ich schreibe gerne Kurzgeschichten und Fragmente. Bei Ghosts gibt eine größere Hintergrundgeschichte, die zum Teil aus den Arbeiten zum Vorgänger Silence entspringt. Zusammen mit einem dritten Album, dass in ein, zwei Jahren erscheinen soll, bildet es eine gemeinsame Erzählung.

Über das Übersinnliche?
   Ich will noch nicht zuviel verraten. Ghosts ist für mich ein weit gefächertes Thema. Angefangen bei der Wahrnehmung – Was ist Realität, was Einbildung? –, hin zur schamanistisch-religiösen Komponente, guten und bösen Geisterzuschreibungen, die Idee von nicht sichtbaren, nicht wahrnehmbaren Wesen um einen herum, die einen beobachten oder die eigenen Geschicke steuern. Ich selbst bin Atheist – für mich ist das alles sehr weit weg. Als Konzept und Idee sind mir Geister lieber, als ein gekreuzigter Mensch, der eine weltliche Macht mit großem Immobilienbesitz symbolisiert. Geister sind das interessantere, kleinere Übel.

  Eine Abhandlung Monolakes über das bereits erschienene Ghosts findet sich auf seiner Webseite. Meakusma führt seine Veranstaltungsreihe am 12. Mai im Alten Schlachthof, Eupen, fort. Mit dabei sind u.a. Detlef Weinrich von der Band Kreidler, der als Tolouse Low Trax auftritt, und Harmonious Thelonious.

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Foto – Actress Caroline Lessire

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