Cocorosies Tanztheater

Bianca Casady über die Uraufführung von »Die Achte Nacht« & »Nighshift« am Wochenende in Hamburg

Text:

cocorosie-nightshift
Fotos — Casady / Ruellan

*

Großer Auflauf am Kampnagel in Hamburg: Seit Anfang März sind Cocorosie vor Ort, um in einer Weltpremiere ihr neues Projekt zu verwirklichen. Heute, am 23. März, soll das Konzert Die Achte Nacht zusammen mit dem Tanztheaterstück Nightshift erstmals aufgeführt werden. Nach einer weiteren Vorstellung am morgigen Samstag geht es einige Wochen später nach Krems, Österreich, wo die Casady-Schwestern zwischen dem 28. April und 5. Mai beim vom Spex präsentierten donaufestival (sic) Artists in Residence sind. Dabei bringen die beiden eine Vielzahl unterschiedlicher Künstler zusammen; beim Festival etwa nimmt Antony Hegarty an der Konzertreihe teil, in Nighshift übernimmt die für ihren Hochgeschwindigkeits-hair spin bekannte Voguing-Queen Leiomy Mizrahi Maldonado eine Rolle.

   Am Dienstag dieser Woche bot sich in Hamburg ein Einblick in die Proben: Am Rand der großen K6-Bühne übt ein Tänzer auf riesigen schwarzen Plateauschuhen seine Schritte, Sierra Casady beobachtet die Szenerie in einem schwarz-weiß gestreiftes Nachtkleid vom Fuße der Tribüne aus. In der ersten Reihe sitzen Bianca Casady und Biño Sauitzvy und geben – sie wortkarg, er wortreich – Anweisungen an Leiomy Maldonado, die am hinteren Bühnenrand unruhig summenden wartet. Über ihren Mund zieht sich ein breiter schwarzer Streifen wie Tape, ihr Outfit bilden ein roter Hidschab und ein blaues Kleid. Ein überdimensionaler blonder Zopf hängt ihr über die Schultern und dient ihr als Besen, mit dem sie die Bühne zu fegen beginnt. Wortlos muss sie als muslimische Interpretation des Aschenputtels der gebieterischen Rebecca Wright die Haare flechten.

  Kurz zuvor nahm sich Bianca Casady, die Nightshift geschrieben hat und hier in der Doppelfunktion von Choreografin und Erzählerin auftritt, kurz und gewohnt einsilbig Zeit, um über ihre Neuaufbereitung des Cinderella-Stoffs als Außenseitermärchen zu sprechen.

Bianca, wie verlaufen die Proben?
BIANCA CASADY:   Es bleibt noch einiges zu tun. Als schwierig hat sich die Zusammenarbeit mit Rajasthan Roots, einer indischen Band, für das Konzert erwiesen. Gerade aber proben wir den ersten Teil von Nightshift mit der fegenden Cinderella … there will be a lot of sweeping. 

Woran hapert es zwischen Ihnen und Rajasthan Roots?
   Ach das sind nur Abstimmungsfragen. Wir arbeiten ja erstmals miteinander.

Mit Danny Bensi und Saunder Juriaans von Priestbird haben sie zumindest bei Nightshift zwei langjährige Kollaborateure dabei. Das familiäre Umfeld sollte kreative Sicherheit geben.
   So familär ist das Umfeld nicht unbedingt. Für mich macht es jedenfalls keinen Unterschied.

Zu Ihrem Ensemble gehört auch die bekannte Voguing-Tänzerin Leiomy, ein recht eigener, ausdrucksstarker Charakter. Wie integrieren Sie sie?
   Leiomy fügt sich in alles sehr gut ein, ist sehr variabel. Zudem hat sie zwei unterschiedliche Rollen. Einmal als Cendrillon, die junge Cinderella, und als sie selbst. Rebecca Wright (Anmerkung: Nicht zu verwechseln mit der 2006 verstorbenen Ballerina und Choreografin gleich Namens.) spielt die Witwe, es gibt eine Totengräberin. 

Nightshift ist die erste Tanzperformance unter Ihrer Leitung. Was hat Sie zu diesem Projekt bewegt?
    Ich würde es nicht unbedingt als Tanzperformance bezeichnen, eher als Stück. Ich wollte etwas machen, für das ich noch keine Grenzen kannte. Wo es keine Erwartungshaltung geben würde. Die Idee gab existierte schon länger.

Für das Publikum gibt es dabei vorab nahezu gar keine Informationen über den Inhalt.
   Ich will, dass die Zuschauer völlig unvorbereitet vom Stück erfasst werden. Es soll sie herausfordern.

Hatten Sie ein ähnliches Erlebnis als unvorbereitete Besucherin?
   Nein, ich war seit Jahren nirgendwo mehr, nicht im Theater, nicht bei Konzerten.

Auch nicht bei Freunden wie Antony Hegarty etwa, der beim Donau Festival an Die Achte Nacht teilnehmen wird?
   Okay, Sie haben mich erwischt; ich war auf seinem letzten, ja. Ansonsten gehe ich aber so gut wie nie aus. Sie müssen wissen, mir geht es vor allem sehr viel um Geheimnisse und Mystik.

Ich verstehe. Bei Nightshift tanzt ihre Schwester Sierra unter ihrer Leitung. Entsteht dadurch ein zur Bandsituation verschiedenes kreatives Verhältnis?
   Sierra ist bringt sehr viele eigene Ideen ein. Der künstlerische Austausch und die Kontrollverteilung sind nicht wirklich verschieden zur Band. Beim donaufestival werden wir dann ihre Oper Soul Life aufführen.

Wie sehen Sie Ihre eigene Rolle in Nightshift?
   Ich bin auch die Erzählerin. Außerdem war es eine gute Erfahrung, die Musik zu schreiben. Es gibt viele Pausen, ruhige Stellen. Ich will einen Kontrapunkt zur gegenwärtigen Zeit setzen, in der alles so schnelllebig und wenig greifbar ist.

Widerspricht dem die Idee eines nahezu einmaligen Events nicht?
   Nein, für mich nicht.

Wie sehr orientiert sich Nightshift an den bisherigen Werken von Cocorosie?
   Die Leute, die unsere Platten kennen, werden einige Motive wiedererkennen. Einige Figuren tauchen auch hier auf. Aber auf alle anderen sollte es dennoch seine Wirkung entfalten. Das Stück ist ein weiterer Teil des Cocorosie-Kosmos.

Was ist das Konzept des Konzerts Die Achte Nacht?
   Es geht uns darum, jeweils unterschiedliche Paare von Musikern gegenüber zu stellen, die sonst wohl sehr unterschiedliche Gruppen anziehen würden. In diesen sollen nun alle Grenzlinien, alle konservierten Vorstellungen von umgebenden Normen und codierten Stilen, die es für jede Gruppe einzuhalten gilt, aufgelöst werden. Die Musiken kämpfen dabei nicht gegeneinander an, sondern vereinen sich eher. Es ist wie eine Heirat. Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen, ich muss zur Probe.

Eine Frage noch: Den Ring an ihrer linken Hand ziert ein Herz, ein Tau und einen Anker. Haben sie sich speziell auf Hamburg vorbereitet?
   Im Türrahmen: Der Ring? Nein, was sollte das mit Hamburg zu tun haben? Den habe ich schon länger. Bye.

   Cocorosie spielen heute und morgen jeweils im 20 Uhr Die Achte Nacht und Nightshift im K6 des Kampnagel. Beide Abende sind leider ausverkauft, allerdings verlost Spex für Samstag noch 1×2 Karten. Für das donaufestival bittet die Band zudem noch um Kurzfilmeinsendungen zum Thema Harmless Monsters.

*

cocorosie-hamburg

cocorosie-kampnagel

Weiterführende Artikel

  • CocoRosie »Gravediggress« Auch 2013 ruhen sich CocoRosie nicht aus. Im April machen sie die Musik zu Robert Wilsons »Peter Pan«-Aufführung in Berlin, wo sie im Mai ebenfalls auftreten. Parallel erscheint ...
  • CocoRosie Sie haben immer noch den wunderbar zerbrechlichen Billie-Holiday-Blues und reihen Soulperlen zu funkelnden Ketten, aber diese werden nicht mehr vom Fön begleitet oder einem defekten Anrufbea...
  • CocoRosie Wahrscheinlich ist es die völlig angstfreie Intensität der Stimmen, die mir diese Platte so wertvoll macht. Neben dem glasklar hellen bis brüchig quengeligen Sopran der CocoRosie-Sch...

Kommentiere den Artikel


Spex International
Read more English Spex articles

Blogs