Grimes

Album der Ausgabe Spex #337: »Visions«

Text:

grimes-visions

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Das Kontinuum der Geistermusik gewinnt klarere Konturen, auch strengere. Das hypnagogische Reich des Halbschlafes ist kein herrschaftsfreier Raum. An den verwunschenen Rändern des Pop, wo hypersensible Twens Sirenengesänge, Walgeräusche oder gleich das halbe Internet mit viel Hall elektronisch zu Klangschwaden verdichten, bis man von Hexen-House, Hauntology oder Chill-Wave spricht, in dieser Zone der digitalen Heimsuchung werden Grenzübertritte genau beobachtet. Der Schritt von der Nacht der Boheme in den Tag der Verwertung führt die achtziger Jahre nicht klanglich noch einmal auf, sondern vor allem ideologisch. Ob Witch House oder Whatever-Step, sobald ein Künstler seinen Schrebergarten vergrößern will, werden aus Witch-Aficionados gemeine Wichte, die, wenn man sie in den Blogs vor lauter Schaum vorm Mund noch verstehen würde, gerne von Ausverkauf und Mainstream reden. Derweil ist die Melancholie der Geistermusik längst global geleakt.

   GrimesVisions bietet einiges, was man den neuen Indiespießern zum Fraß vorwerfen könnte: Die Stimme der 23-jährigen Claire Boucher rückt trotz anhaltender Hallexzesse stärker in den Vordergrund, es gibt mehr Soul-Phrasierungen, die Harmonien und die Beats tendieren mitunter zum Bubblegum-Pop. Visions vermag die Frage nach dem Stallgeruch – Wo kommst du her? Warum bleibst du nicht hier? – mehrfach hinter sich zu lassen. Nach Kassetten und EPs und einem ersten Album im letzten Jahr hat die Kanadierin mit ihrem Debüt für 4AD den Gott des günstigen Moments getroffen – Kairos, wie die alten Griechen sagten. Visions gelingt es, die Wurzel aus großem DIY-Talent, Weirdness und einer Erinnerung an die saccharine Sweetness von Pop zu ziehen.

   Es beginnt bereits angemessen eigensinnig: Jedes Majorlabel würde einen Einstieg wie Infinite Love Without Fulfilment verhindern. Timbaland, im Kinderzimmer nachgebaut, der Grundton tritt auf der Stelle, während die Stimme mit sich selbst singt und die Backing Vocals mit etwas Helium versetzt sind. Auch hören wir kaum Hall, schon fast eine emanzipative Geste gegen die Zuschreibung Witch House (sooo 2011!). »Das passiert, wenn man Sängerinnen allein im Studio lässt«, sagt in der Regel der Herr Produzent. Dem entgegnend meint man zu hören: »Das ist mein Scheiß, steig von meiner Wolke«. Die Single Genesis grätscht etwas deutlicher in das Genre, das eben noch verneint wurde. Ein Bass-Synthie ruckelt wie weiland Kraftwerks Kraftwagen über die Autobahn, während die Melodie in den Höhen japanisiert und Bouchers Stimme in die Hallräume der Gregorianik steigt, jedoch nicht getragen, sondern ungeduldig. Die Euphorie, die selbst aus den nachtschattigen Ritzen tropft, ist einem gewissen Ideenüberdruck geschuldet.

   Kann es Zufall sein, dass im aktuellen Geisterkomplex so viele Blue Notes zu hören sind? Die New Romantics oder Goths der achtziger Jahre jedenfalls scheuten nur die Sonne noch mehr als den Blues, der von expressiven Hippies besetzt schien. Dass die Reibung von Moll an Dur, der Kern jeder Bluesanmutung, die Geister – und das sind immer die Toten – anruft, ist seltsamerweise nun auch unter den Hypnagogen wieder Lehrmeinung, lange nachdem die westliche Hörgewohnheit die Moll/Dur-Reibung als störend empfunden hat. Doch bei Grimes sind die Blue Notes nicht mehr zwingend expressiv, die Bluesfärbung in Form von einzelnen R&B-Schlenkern ist bereits Erinnerung an ein Genre, an Geschichtlichkeit. Eight ist wieder so ein Intermezzo, das hochgepitchte R&B-Träume mit der Stimmlage so sehr infantilisiert, dass noch nicht einmal eine Lolita-Falle zuschnappen kann. Immer gibt es Punkte auf der Platte, wo der Popmoment perforiert wird. Circumambient tendiert zwar deutlich zum Bild der herbeigewehten Kindfrau, deren nun deutlich auf R&B getrimmte Vocals die Geisterdisco eher als Karneval verstehen. Allerdings drehen auf einmal Ravefilter auf den Bässen schnelle Runden, als würde man in Bristol für das Neunziger-Jahre-Spiel WipEout komponieren.

   Es gibt auch offene Grenzen vom Geister- zum Kuschelkontinuum, etwa wenn die Schrägheit possierlich und die weibliche Entrücktheit willig wirkt. Die Hypnagogen lösen das in der Regel so: Sie nehmen den Beat zurück, wabern im Raum und lösen damit bei vielen bereits den Schrecken vor der Leere aus. Gegen Ende von Visions, auf dem loungefähigen Track Skin, macht Grimes noch einmal einen Vorschlag, wie es weitergehen könnte: Sie fährt den Beat mal rein, dann wieder länger raus. In den Lücken überschwemmt sie uns mit Sirenenstimmen, die aber auch von keuschen Mönchen stammen könnten. Das ist es, was Geistermusik will: sich nicht gleich entscheiden. Visions ist ein Album, das die Fülle des Moments vermittelt.

4AD / Beggars / Indigo — 09.03.12

   Nachfolgend das Video zu Oblivion und ihre aktuellen Tourtermine.

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Video — Grimes Oblivion, Regie: Emily Kai Bock.

GRIMES Live:
25.05. Berlin — Berghain/Panorama Bar
26.05. Hamburg — Uebel & Gefährlich 

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