Christian Naujoks

Album: »True Life / In Flames« – live in Hamburg & Berlin

Text:

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Der Trend zum Zweitflügel hält an. Kaum ein ambitionierter Produzent elektronischer Musik, der nicht aus dem Club ein Konzerthaus machen will oder auch umgekehrt. Soweit, so Crossover, mit Betonung auf over, weil vorbei. Christian Naujoks’ zweites Album bei Dial bietet keine Crossover-Gesten auf, nicht in diesem Sinn jedenfalls. Wir hören allein: Flügel, Marimba und zwei Mal eine Stimme. Und wir hören den Raum. Tobias Levin hat die neun Stücke im Kleinen Saal der Laeiszhalle in Hamburg aufgenommen. Links Naujoks am Flügel, mittig bis rechts die Marimba von Martin Krause, und über allem eine schier analoge Räumlichkeit. Kann es sein, dass Levin mit Bandmaschinen gearbeitet hat, so dass man manchmal ein Rauschen, aber auch so etwas wie warmen Druck hört? Klanglich toll!

   Die Bühne der Recording Session, die schwarz-weiß das Cover ziert, signalisiert wie alles auf diesem Album: Vintage, Avantgarde, Moderne, Minimalismus (der Kleine Saal der rund hundertjährigen Halle wurde nach dem Krieg umgebaut und sieht auch nach einer weiteren Renovierung noch nach todschicken Fifties aus). Der Promotext zum Album nennt sogar namentlich die Designstühle, die an den Seitenwänden gestapelt werden. Was nicht genannt wird, sind die Autorschaften. Moments I und Moments II sind zum Beispiel reine Coverversionen, die John Cages Melodie auf ein Gedicht von E.E. Cummings nicht zitieren, sondern nachspielen. Kann gut sein, dass das heitere Rätselraten noch weitere Treffer wie Glass, Reich oder Pärt zutage fördern würde. Sollen die Clubgänger, die mit diesem Album an die Minimal Music herangeführt werden, möglichst nicht mit großen Namen wieder verscheucht werden? Oder ist es nicht eher – freudianisch, dialektisch – so, dass die Nichtnennung die Wunschväter noch viel stärker gewichtet?

   In Stücken wie Diver, die sich an eher banalen Arpeggios besaufen, erstaunt der heilige Ernst, mit dem die Moderne fetischisiert wird. Offener ist die Anmutung, wenn das schöne Klangduett aus Flügel und Marimba rhythmische Reibungen aufführt, etwa in Two Chambers, wie ein eigensinniges Paar. Doch zwei Freunde reichen dafür auch, die verschiedene Wege gehen, dabei aber die hellwache Gelassenheit nicht verlieren. In solchen Momenten verpufft die Prätention sofort und wird ganz Dialog. Meistens mutet dieses Gespräch mit den Toten der Moderne sehr protestantisch an. Das ist natürlich auch eine Tat. Naujoks performt nicht coole Gesten, die zum Beispiel Cage in einen Groove-Kontext zwingen. Gerade die Cage-Covers überzeugen am meisten, gerade weil sie einigermaßen prekär sind: Wer die Stimme so nüchtern und ernsthaft einsetzt, setzt alles ein. Auch die Möglichkeit der Peinlichkeit und des Schmerzes, wovon diese extrem kontrollierte Platte ansonsten durchaus mehr wissen könnte.

Dial / Kompakt — 27.02.12

   Und jetzt aufgepasst: Spex präsentiert die beiden Konzerte, bei denen C.N. True Life / In Flames live vorstellen wird. Das Erste findet bereits morgen, am 24. Februar, im Golem, Hamburg, statt, das Zweite folgt am 15. März im .HBC, Berlin. Für beide Abende verlosen wir 2×2 Plätze.

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