Tragischer Schädelspalter
Verlosung: James Gunn über seinen Film »Super«
Text: Nadin Wildt
Still: Super Crimson Bolt – 2010
*
»2011 war kein gutes Jahr fürs Superheldenkino.« Sei es der straighte US-Patriot Captain America oder der antike Trotzkopf Thor – »die sind mir alle zu freundlich«, winkt Regisseur James Gunn ab. Für den 1970 in St. Louis geborenen Regisseur ragte selbst die Genrevariante Sucker Punch – bei allem Respekt für seinen Freund Zack Snyder – nicht über das herrschende Mittelmaß hinaus. »Ich hoffe, dass künftige Kinohelden etwas mehr Persönlichkeit bekommen, ein Profil, dass über ihre Kostümierung hinausgeht«, gab er im Interview mit Spex zu Protokoll, als er im Spätsommer letzten Jahres auf dem Fantasy Filmfest in Berlin seinen neuen, schlicht Super betitelten Film präsentierte.
Frank, seinem eigenen Super-Hero, hat Gunn durchaus Persönlichkeit gegeben, wenn auch eine zutiefst gestörte. Der von Rainn Wilson verkörperte Möchtegernheld hat es in seiner Rächerrolle nicht einfacher als in seinem bisherigen Leben. Schon als Kind drangsaliert, in der Highschool gedemütigt und als Burgerbrater missachtet, verfiel nun auch noch seine Frau, Ex-Junkie Sarah (Liv Tyler), dem kriminellen Nachtclubbesitzer Jacques (Kevin Bacon) und mit ihm den alten Drogen. Hilflos sucht der plumpe Strohwitwer Frank Trost und Inspiration im Tempel der Nerds: dem Comic-Laden. Angefeuert von der sofort begeisterten Verkäuferin Libby (Ellen Page) entwirft Frank sich sein Alter Ego: Crimson Bolt. Mit grobem Stich näht Frank flux ein rotes Ganzkörpergewand und greift mangels Superkräfte beherzt zum Schraubenschlüssel.
Mit dem spaltet Crimson Bolt, der frisch geschlüpfte Superheld, gleich bei seinem ersten Einsatz einem schwarzen Kleindealer den Schädel. Es wird nicht der letzte Schock-Moment gewesen sein: Völlig alltäglich erscheinende Kleinstadt-Szenen schlagen plötzlich in Gewaltakte von geradezu bizarrer Unverhältnismäßigkeit um. Crimson Bolt macht keinen Unterschied zwischen Kinderschändern und Vordränglern. Er sieht sich im Besitz der wahren Moral, berufen zwischen richtig und falsch zu unterscheiden – eine Parallele zwischen Superheldentum und Fundamentalismus, sozusagen. Von Bild zu Bild changiert Frank zwischen den Rollen des rettenden Helden, des gefährlichen Psycho-Killers und einer zutiefst tragischen Figur, die noch exponentiell an Absurdität gewinnt, als ihre Mission durch eine überraschenden Gotteserscheinung von höchster Stelle scheinbar legitimiert wird.
Ganz nach dem parodistischen Prinzip seiner früheren Filme wie Tromeo And Juliet oder seiner Webserie PG Porn verfährt James Gunn in Super nicht nur mit dem Superheldengenre. Nach dem Vorbild der evangelikalen Superhelden-Figur Bibleman entwickelte er für Super die Bad-Taste-TV-Show The Holy Avenger, die Frank zur moralischen Orientierung und Motivation dient. Gunn selbst tritt hier als rotes Teufelchen auf und treibt die von einem absurd schlechten Geschmack gekennzeichneten christlichen Popkulturaffirmationen auf die Spitze. Nach der selben Strategie inszenierte Gunn auch Franks Erweckungserlebnis. Die aus der Mutanten-Farce Slither bekannten phallischen Riesenwürmer legen kurzerhand seinen Stirn- und Scheitellappen für die göttliche Gehirnwäsche frei. Erstaunlicherweise beruht diese »Finger of God«-Sequenz allerdings auf einem realen Erlebnis: »Das ist die Visualisierung meiner eigenen Erfahrung!«, so Gunn. »Ich habe Visionen, bei denen ich mir nicht erklären kann, woher sie kommen, ob von außen oder aus dem Gehirn. Ich weiß nichts darüber; aber sie sind sehr, sehr real.« Die Frage drängt sich auf: Ist der Held in Super schlichtweg ein Wahnsinniger? »Die Charaktere könnte alle eine Therapie gebrauchen«, antwortet der Regisseur ausweichend. »Die drogensüchtige Sarah ist vermutlich die gesündeste Figur im Film.« Aber was ist mit Frank? »Frank ist, was auch immer ich bin. Ich identifiziere mich sehr stark mit ihm. Falls Frank verrückt ist, bin ich es auch…«
Dieses »verrückt« nimmt sich allerdings vergleichsweise harmlos aus gegenüber der hysterischen Libby, mit der Ellen Page die Chance bekam, einmal gegen ihr Image des altklugen, frühreifen Teenagers anzuspielen. (Siehe zum Vergleich: Pages Rolle in Drew Barrymores Regiedebüt Whip It!, das zeitgleich mit Super in Deutschland unter dem etwas zu braven Titel Roller Girl auf DVD erscheint.) Die 22jährige bettelt darum, Franks »kid sidekick« zu sein. Als sie ihn mit engem Dress und Purzelbäumen nicht verführen kann, geht sie kurzerhand dazu über, ihn – untermalt von Let Your Body Decide der jüngst aufgelösten schwedischen Glamrockband The Ark – regelrecht zu vergewaltigen. Fortan überschlägt sie sich vor Tatendrang, bringt wider jede political correctness »das Böse« zur Strecke und quittiert ihre Siege mit manischem Lachen. Franks und Libbys Hymne ist bezeichnenderweise Calling All Destroyers der Band Tsar; ihr Schlachtruf lautet »Shut Up, Crime!«. Mit seiner Gnadenlosigkeit und der mitunter schockierend realistischen Brutalität hebt Super die genretypische bipolare Trennung von nettem Normalo und heroischem Alter Ego auf und führt die programmatische Moralität des klassischen Superhelden ad absurdum.
James Gunn ist durchaus stolz auf seine Dekonstruktion des Mythos vom unfehlbaren, übernatürlichen Leinwandheroen. Nichtsdestotrotz will er Super nicht als Anti-Superhelden-Film verstanden wissen, eher als einen Anti-Genre-Entwurf. »Ich liebe Superhelden, viele sind großartig. Manche Leute glauben, ich fände Superheldenfilme per se schlecht oder albern. Aber das stimmt nicht.« Problematisch sei nicht ihr fantastisches Prinzip, sondern dass die Filme des Genres inhaltlich zwanzig Jahre hinter den Neuerungen im Comic zurückstünden. »Die Arbeiten von Mark Millar und Brian Michael Bendis sind sehr viel durchdachter und klassischer ausgeführt als die beliebigen Kinohits«, schwärmt Gunn, der auch durchaus bereit wäre, jenseits des angestammten unterfinanzierten Splatter-Genres seine Superhelden-Visionen in die Tat umzusetzen. Doch weil ihn nur Angebote erreichten, mit denen er seinen Ansprüchen unmöglich hätte gerecht werden können, drehte Gunn lieber Super, das Zwei-Millionen-Projekt, bei dem er von Anfang an alles komplett in der Hand hielt. Jede verunglückte Einstellung, jedes Kamerawackeln und jeder scheinbare Fehler seien genau so geplant gewesen. Der trashige Strich der einleitenden Cartoon-Sequenz soll so aussehen, als wäre sie von einem Teenager ins Schulheft gekritzelt worden. So können natürlich auch dramaturgische Schwächen als kalkulierte Irritation, als Absage an einen schwungvollen Spannungsbogen gedeutet werden. Das Durchbrechen von Genreregeln erfährt so eine Stilisierung zum geradezu rebellischen Akt. »Ich bin ein Fan von schwedischer Musik« holt Gunn aus, um seinen popkulturellen Referenzrahmen zu definieren. »Sie hat keine Angst vorm Risiko, gleichzeitig auch nicht vor Ohrwürmern. Super ist so ähnlich...«
Spex.de verlost 3x1 Ausgabe von Super (FSK 18 – zwei DVDs, einmal Blu-ray).
Koch Media – 27.01.2012
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Mir fallen gerade die vielen Parallelen zum deutschen Kurzfilm "Bullet" ein.
(http://www.fbw-filmbewertung.com/film/bullet)
Auch aus ähnlichen Gründen wie hier beschrieben teilweise schwierig zu ertragen...
Lest ihr euch eigentlich die Mails durch, oder werden die Gewinner wahllos ausgewählt?
Sofern nicht anders angegeben, werden die Gewinner grundsätzlich per Zufallsgenerator gezogen. Hier ist das auch der Fall. Danke für den Hinweis – ab jetzt schreiben wir das dazu!