Andreas Reihse

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m=minimal heißt das von Jens Strüver und dem Produzenten Christian Borngräber 2011 gegründete Berliner Label, das seit einigen Monaten mit einem steten Fluss von Veröffentlichungen den Minimalbegriff erweitert. Minimal ist hier ein unendliches Projekt der konsequenten Reduktion von Redundanz innerhalb patternorientierter Strukturen, dessen Wurzeln bis ins 19. Jahrhundert reichen, so die Labelmacher. Zum Backkatalog gehört das Kraut-Dub-Projekt Kreuzberg genauso wie Conrad Schnitzler, dessen Klassiker Ballet Statique aus dem Jahr 1978 m=minimal neben einem eigenen flirrenden Schnitzler-Remix noch kurz vor dessen Tod veröffentlichte. Mit Andreas Reihses Romantic Comedy reicht das Label nun treibende, perkussive Tanzmusik nach. Es ist der schmerzlos-süße Sound von Ketamin-Orgien auf Brandenburger Schlössern.

   Andreas Reihse ist seit 1994 bekannt als Herr der Electronics bei Kreidler: Intelligent Dance Music, auf Augenhöhe mit Pole oder Autechre. Auch bei Kunstevents und als Filmmusiker macht er sich immer wieder mit seinen elektronischen Klanginstallationen alle Ehre, etwa bei der Gursky-Doku Long Shot Close Up. Er veröffentlichte unter Pseudonymen wie Binford oder April immer wieder Clubmusik. Romantic Comedy ist nun die erste Soloveröffentlichung unter eigenem Namen und zielt auf den abgedunkelten Dancefloor.

   Das programmatische Intro verkündet das Minimal-Evangelium: »This thing does not end. It goes on and on and on, when you are already gone.« Mit bassendem Herzklopfen pumpt der Beat, Latin-Percussions, ein Drei-Noten-Bass. Im Gefühl funky, im Pattern Ragga-artig, im Klang: dreckig. Eine Stimme wispert »Johnny. Johnny Hairo«, offenbar der zwielichtige Typ neben dem DJ-Pult, der Reihse bei einem seiner unzähligen Auftritte einen Drink zu reichen pflegt. Dann Vogelgezwitscher, wie durch den Granulator gejagt, eine Hammond-Sequenz und ein pumpender Bass-Arpeggiator: Bahia Knife beginnt aus der Hüfte. Gespenstische Schreie geistern durchs Panorama. Der lange Weg nach Düsseldorf hingegen lässt Flöten der Anden und eine süßliche Gitarre über krautigen Beats erklingen. Das hört sich sehr drifty an, schraubt aber den Druck fürs Finale runter. Das abschließende Hacienda Dallesandro liefert mit seinem leicht angeknarzten Synthbass und housigen Klavierakkorden einen satten, fast ekstatischen 4-to-the-floor-Groove: elf Minuten Hochenergie. Die Begegnung von Andreas Reihse und m=minimal ist ein Glücksfall.

m=minimal / RTD — 21.11.11

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Heute, am Mittwoch, dem 1. Februar, tritt Andreas Reihse bei der Vernissage von Berlin 1990-1993 mit Fotografien von Maria-Gründer Ben de Biel im .HBC, Berlin, auf. Außerdem spielt Allroh ebenfalls live und Jochen IrmlerJochen Arbeit und Alex Empire tummeln sich am DJ-Pult. Der Beginn ist für 19 Uhr angesetzt.

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