L’État, c’est moi

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STILL: Empire Me – Der Staat bin ich! Österreich / Deutschland / Luxemburg 2011, Regie: Paul Poet, 98 Min., Real Fiction.

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Ölbedeckte Körper mittelalter Frauen und Männer winden sich eng umschlungen in einem Raum, der von warmem Licht nur minimal erleuchtet ist. Der Blick öffnet sich auf ledrige Hoden sowie üppige Brüste. Alles spürt und streichelt sich. Sanfte Grunzlaute ertönen. Hier und da zuckt es orgasmisch auf. Die Körper verschmelzen zu einem einzigen Kollektivleib. Das Begehren wirkt entgenitalisiert: Die ungestüm-penetrative Direktheit sexueller Handlungen ist fern, eher wird die Gesamtheit des Körpers als erogene Zone entdeckt. Veritable Ständer sind nicht in Sicht, stattdessen massiert man sich sanft und taktilitätsverliebt auf der gesamten Hautoberfläche. Die betont spirituell ausbalanciert klingende Stimme einer Frau informiert die sich Kosenden, dass sie alles von sich abfallen lassen könnten und sich jetzt »in der Ursuppe« befänden. Wir sind im Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung (ZeGG) achtzig Kilometer westlich von Berlin, das Anfang der neunziger Jahre als sexuelle Therapiekommune im Geiste des Wiener Aktionisten Otto Mühl und des Psychologen Dieter Duhm startete. Und wir sind in einem Dokumentarfilm des in Wien lebenden Autors und Regisseurs Paul Poet namens Empire Me – Der Staat bin ich!, der morgen, am 19. Januar, in die deutschen und österreichischen Kinos kommt.

    Das ZeGG ist nur eine von sechs um staatliche Souveränität oder zumindest kollektive Autarkie bemühten Gegenwelten, die Poet in seinem Film in den Blick nimmt. Und diese sechs sind ebenfalls nur eine kleine Auswahl aus den weltweit über 500 Mikronationen, sezessionistischen Enklaven und Alternativgesellschaften, in denen Lebensweisen erprobt werden, die quer zu jenen stehen, welche die globalisierte Mehrheitsgesellschaft bietet. Sie entstehen aus Abenteuerlust, aus Ablehnung einer als krank empfundenen Welt, als Kunstprojekt, als Kommune im Dienste der Selbstbefreiung, als Versuch gelebter Utopien. Und manchmal geht es auch um Geld, wie bei der zuerst vorgestellten Mikronation Sealand. Deren Staatsgebiet befindet sich zehn Kilometer vor der englischen Ostküste auf einer ehemaligen britischen Seefestung. Gegründet wurde das Fürstentum vom Ex-Militär Paddy Roy Bates. Zusammen mit einer Handvoll Freunden besetzte er 1967 den auf zwei hohlen Betonsäulen aufruhenden, verlassenen Stützpunkt, um von dort aus Radiopiraterie zu betreiben. Bis heute verteidigen Bates und seine Familie – die ihren Lebensmittelpunkt inzwischen aus gesundheitlichen Gründen aufs Festland verlagert haben – die Souveränität ihres Staates mit allen Mitteln. Versuche der Royal Navy, die Festung zu entern, wurden abgebrochen, nachdem Fürst Roy von Sealand auf die Landungsboote feuerte.

    In den Nullerjahren diente Sealand nach der Installation einiger Internetserver als Datenhafen für alle – Kinderpornografie ausgenommen – anderswo verbotenen Inhalte. Inzwischen wurde dieser Geschäftszweig wegen mangelnden Erfolgs wieder aufgegeben, und der designierte Thronfolger und Enkel des Gründers, Prinz James von Sealand, denkt im Interview vor der Kamera darüber nach, mit einer Bank of Sealand ein Paradies für Steuerflüchtlinge als neuen Wirtschaftszweig des Fürstentums zu etablieren – jetzt, wo ja noch nicht einmal mehr die Schweiz ein sicheres Bankgeheimnis biete. Dem selbstgebastelten Stempel zum Trotz, den sich der Regisseur Paul Poet von einem grinsenden »Einwanderungsbeamten« in seinen Reisepass setzen lässt, wird die schwimmende Stahlplattform international allerdings nicht als Staat anerkannt. Dafür dient das Fürstentum, das über eigene Pässe, Briefmarken und Münzen verfügt, des Öfteren in juristischen Klausuren zum Thema Völkerrecht als verzwicktes Fallbeispiel.

   Dass nicht einer der in Empire Me vorgestellten Mikrostaaten von den Vereinten Nationen als souverän anerkannt wird, verschweigt Poet geflissentlich. Es geht ihm nicht wirklich um das juristisch-bürokratische Prozedere der Errichtung eines eigenen Staates. Poet ist vielmehr an den Menschen interessiert, die solche Vorhaben umsetzen, an deren Neuerungs- und Abenteurergeist sowie an der Chuzpe, mit der sie den etablierten Großnationen an den Karren pinkeln. Wie zum Beispiel jener Farmer Leonard George Casley, der 1970 nach einem Streit um Produktionsquoten für Weizen kurzerhand den Austritt aus Australien erklärte und das Fürstentum Hutt River ausrief. Fortan lässt sich der Sezessionist als His Royal Highness Prince Leonard anreden. Auf seiner Farm, dem Staatsgebiet, werden wir Zeugen bizarrer Zeremonien, in denen der in festliches Ornat gehüllte betagte Landesvater einem stolzen Aspiranten feierlich den »Rang eines Gefährten des Ordens der Weisheit und des Lernens« verleiht. Die Prinzessin, eine ein wenig orientierungslos wirkende ältere Dame mit Kassengestell, Diadem und selbstgebastelter Schärpe über dem Blümchenkleid, darf den Orden überreichen. Ein bisschen meschugge – oder freundlicher: exzentrisch – sind die meisten der von Poet Porträtierten schon. Es spricht für den Regisseur, dass er die Dargestellten in seinem Film auch noch dort ernst nimmt, wo es sehr leicht gewesen wäre, sie zu diskreditieren oder sich selbst diskreditieren zu lassen. Vielleicht haben sich einige der Kamera auch deshalb so einblickstief geöffnet, weil sie genau diese Behutsamkeit des Filmemachers gespürt haben.

    Über weite Teile seines wie ein Roadmovie funktionierenden und von Alexander Hacke schön instrumentierten Films verschwindet Paul Poet komplett hinter seinem Gegenstand. Wenn er dann allerdings doch einmal aus dem Off zu hören ist, berühren sein lyrisch-expressiver Gestus und seine Affirmation gegenüber dem Gezeigten oft ein bisschen unangenehm. Dabei legen seine Bilder durchaus weniger blauäugige Interpretationen nahe: unter anderem die, dass hier eben auch Wichtigtuer, Machthungrige, Querulanten und Vollmeisenbesitzer am Werk sind und nicht notwendig nur edle Ritter im antikapitalistischen Kampf gegen die böse globalisierte Welt. Vor allem erlauben sie die Deutung, dass sich den inneren egoistischen Strukturen sowie überhaupt dem Arsch, der man ja stets auch ist im Leben, nicht einfach entkommen lässt, indem man in eine Kommune eintritt, zusammen Lieder singt und die Tomaten, die man verzehrt, selbst anbaut. In der Freistadt Christiana im dänischen Kopenhagen etwa bedrohen die Drogendealer aus der Pusher Street das Kamerateam samt Führerin so massiv und aggressiv, dass das Filmen abgebrochen werden muss. Da fragt man sich schon, wie frei und alternativ eine Kommune denn eigentlich ist, in der es solche No-Go-Areas gibt, und was sie noch von anderen Metropolen unterscheidet, sieht man einmal davon ab, dass man in Christiana noch ein bisschen leichter an seine Joints kommt.

   Dass es in Damanhur, einem im italienischen Piemont gelegenen magisch-okkultistischen New-Age-Kibbuz mit faszinierenden unterirdischen Tempelanlagen, das unter der spirituellen Ägide von Führer Falco steht, nach Meinung einiger Beobachter durchaus psychosektenhaft-totalitär zugehe, ausstiegswillige Damanhurianer keinen Cent ihres abgelieferten Vermögens wiedersähen und die Gemeinschaft Unterstützung von der italienischen Rechten erhalte, ist in Poets Film nicht zu erfahren. So ermüdend TV-Sektenenthüllungsjournalismus manchmal ist, und so wohltuend sich Empire Me mit seinem Vertrauen auf die Macht der Bilder auch davon abhebt: Ein paar Nebensätze dazu hätte man sich anlässlich des Besuchs Damanhurs schon gewünscht.

    Wenngleich sie sich Tiernamen geben, zusammen mit elektronisch verstärkten Geranien musizieren und sich gern mal im synkretistischen Gestrüpp der eigenen, uraltes Wissen anzapfenden Weisheitslehren verheddern: Es ist an vielen Stellen von Empire Me – vor allem in Damanhur und im ZeGG – sehr berührend, Menschen zu sehen, die ihre Gefühle noch nicht abgetrieben haben und nach einer Alternative zur durchökonomisierten westlichen Welt suchen. Dass sie dies nicht innerhalb der Gesellschaft tun, sondern in Gemeinschaften außerhalb ihrer, sagt einiges über den schwindenden Glauben an die Reformierbarkeit der Welt aus. Die Utopie, scheint es, wird nicht mehr als makropolitisches, weltrevolutionäres Großprojekt verfolgt, sondern als mikropolitisches Gruppenunternehmen. Beim Betrachten der von Poet gezeigten Sinnsuchenden schwankt man des Öfteren zwischen Mitleid und Bewunderung. Gruselig wird’s dagegen jeweils dann, wenn man jene sieht, die das Suchen schon eingestellt haben, weil sie bereits etwas gefunden haben: die innere Mitte, den Engel in sich, den Lichtmenschen, tantrische Weisheiten, whatever. Zwischen den leuchtend-weggetretenen Sektenaugen mit ihrem Ich kenne die Wahrheit-Glänzen und dem erloschenen Blick des spätkapitalistischen westlichen Menschen mit Burn-out-Syndrom möchte man sich nicht entscheiden müssen.

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TRAILER: Empire Me – Der Staat bin ich! Österreich / Deutschland / Luxemburg 2011, Regie: Paul Poet, 98 Min., Real Fiction, Kinostart: 19.01.12

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