Wenig Killer Instinct, Viel Unbeholfenheit
Über David Finchers Remake von Stieg Larssons »Verblendung«
Text: Wibke Wetzker
STILL: Verblendung. Sony Pictures, 2012. - Kinostart: 12. Januar
*
Zur Einleitung von Stieg Larssons Millennium-Trilogie muss man eigentlich nicht mehr viel erzählen: Die Romane rund um die ungesellige Hackerin Lisbeth Salander und den geradlinigen Wirtschaftsjournalisten Mikael Blomkvist markieren die Speerspitze der international erfolgreichen skandinavischen Gänsehaut-Krimis. Inzwischen ist von mehr als 30, 40, nein mehr als 50 Millionen verkauften Exemplaren weltweit die Rede, bei so einem Superlativ kommt es auf 10 Millionen mehr oder weniger wohl nicht an. Den Rattenschwanz seines Erfolgs (vom Fernsehfilm zum Kino-Dreiteiler zum Blockbuster) konnte Larsson nicht mehr miterleben, er verstarb 2004 an den Folgen eines Herzinfarkts. Der schwedische Autor und Journalist galt als höchst politische Persönlichkeit, bekennender Kommunist, engagierter Antifaschist und Experte für internationalen Rechtsradikalismus.
Was in Schweden unter dem Originaltitel Män som hatar kvinnor (Männer, die Frauen hassen) begann, wird in Deutschland als weniger konkrete, jetzt jedoch eigentlich passende Verblendung unters Volk gebracht. Denn die Adaption von Regisseur David Fincher (Se7en und Zodiac) ist mehr Verkleidung, denn Neuinterpretation. Bis hin zur ungeschönten, für den Mainstream etwas zu verstörend dargestellten Vergewaltigung Lisbeth Salanders durch ihren Vormund hält sich Fincher an die Erstverfilmung des Dänen Niels Arden Oplev aus dem Jahr 2009. Das Amerikanische liegt im Detail. Modisch-wohlstandsorientiert gestaltet sich das Ambiente der Ermittlungen rund um eine mythisch motivierte Mordserie – Hollywoods Vorstellung von geschmackvollem schwedischen Design überdeckt die Resonanz von Larssons sozialkritischer Ambition. Das Drehbuch von Steven Zaillian hat mit der komplexen Geschichte genug zu schaffen und verflacht demnach die Charaktere und deren Hintergründigkeit soweit, dass auch die Dynamik zwischen den Figuren darunter leidet. Trotzdem überzeugt Finchers Cast durch Eigenständigkeit. Deshalb war es gar nicht nötig, Rooney Mara die Punk-Attitüde mit einem Piercing in die Brustwarze zu schießen oder Daniel Craig als Abwasch machendem Frauenversteher einen Hauch Unbeholfenheit zu verordnen, die ihm dann als Lesebrille halb vom Ohr herab hängt. Allerdings, die elegante Väterlichkeit Christopher Plummers in der Rolle des Familienpatriarchen Henrik Vanger referenziert wunderbar den Auftritt des schwedischen Volkssängers Sven-Bertil Taube im europäischen Pendant.
Doch wenn in Verblendung die Konsumbotschaften ins Feld der Wahrnehmung trampeln, kann von Schleichwerbung nicht mehr die Rede sein. Gleich in der Eingangsszene verlangt es den Hauptdarsteller nach einer Marlboro: »Die rote Packung, bitte!« Ab nun werden die Markenstengel geraucht, als ginge es um Leben oder Tod. Wann immer Salander und Blomkvist ihre Laptops aufklappen (von dem Apfel verheißungsvoll erleuchtet) befinden wir uns sofort im Gedächtnis und Vermächtnis der digital vernetzten Informations- und Wissensgesellschaft: Der Satz „Ich google das mal.“ markiert das Product Placement a priori. Immerhin geht Lisbeth Salander noch zum Schneider und nicht zu H&M. Die Machtrhetorik des Wirtschaftsmoguls Vanger (»Wir sind nicht Ericsson oder Nordea.«) funktioniert nicht als Pointe, dahinter hätte auch der kapitalismuskritische Stieg Larsson geldwerte Leistungen vermutet. Epson, I-Pod und natürlich die hauseigene Sony-Marke Vaio stellen die technischen Gadgets für die Ermittlungsarbeiten aus dem Untergrund, die Nervennahrung kommt vom Fast-Food-Marktführer mit gelbem M und ist genauso klebrig und geschmacklos wie diese Marketingschleimerei.
Und dann findet sich doch noch ein versöhnlicher Grund, dieses Remake zu empfehlen: Auf akustischer Ebene beweist Trent Reznor (Nine Inch Nails) mit dem Soundtrack dramaturgisches Verständnis, verpasst gemeinsam mit Atticus Ross Led Zeppelins Immigrant Song für den Titeltrack einen Killerinstinkt und das Sexappeal schwarzen Latex. Dazu überzieht im Vorspann quecksilbrige Flüssigkeit Körper samt Öffnungen, greift auf Bienen und Blumen über, Mensch und Maschine kommen sich porentief nah; eine einzige Fetischlandschaft. Etwas James Bond steckt freilich in dieser Videoclip-Ästhetik und jede Menge popkulturelle Überwältigungstaktik. Es singt, nein, kreischt Karen O von den Yeah Yeah Yeahs – eine Frau, die Led Zeppelin interpretiert, darin steckt zumindest ein Stück der Spannung zwischen den Geschlechtern, wie sie Stieg Larsson in seinen Büchern angelegt hatte. Der Score insgesamt scheint hingegen atmosphärisch an den Neue Musik-Vertonungen amerikanischer Horrorfilme der 1970er geschult zu sein. Musik und Geräusch gehen nahtlos ineinander über, aus dem Summen einer Poliermaschine wird eine Melodie, das Sägen der Gitarre und das Pfeifen des Windes – beides ein dissonanter Dreiklang, Klassiker unter den Gruselkomponenten: der Herzschlag und der Schrei. Reznor sorgt aber nicht nur für wohligen Schauder: Er gibt in der unterkühlten Zwischenmenschlichkeit von Verblendung den Emotionen Raum. Wenn Salander und Blomkvist bei ihren Recherchen der Erkenntnis entgegen hasten, ertönen die dumpfen Anschläge eines Pianos, als pulsiere es am dunklen Meeresgrund. Manchmal korrespondieren Bild und Ton gar metaphorisch: Im Gegenschnitt zu Lisbeth Salanders sexueller Demütigung zieht Craig als Blomkvist die Kopfhörer auf die Ohren, weghören und ausblenden, es ertönt ein sakraler Chor. Wiederum unfreiwillig aufgesetzt wirkt der zynisch gefärbte American Psycho-Moment, den sich Fincher am Ende gönnt: Im Folterkeller quält der Psychopath seine Opfer in voller Lautstärke, mit Enyas Orinoco Flow (Sail away).
*

TwitThis
Facebook
Buzz
del.icio.us
Google Bookmarks
Digg
Ping.fm
FriendFeed
Yigg
MisterWong.DE
Technorati
Netvibes
MySpace
Identi.ca
StumbleUpon




Die überflüssigen Hinweise auf das Product-Placement im Film (wen stört das?) und der so grunddeutsche, peinliche Angriff auf McDonalds ließen mich bei Lesen fast glauben, in einer Postille der grün-alternativen Liste gelandet zu sein. Fühlte mich in meine Studienzeit im Frankfurt der 1980-er Jahre zurückversetzt, da herrschte auch diese selbstgerecht, empörte Ton. Uncool.
[...] Spex – Magazin für Popkultur [...]
[...] Yeah Yeah Yeahs-Kollegin Karen O im Soundtrack von Verblendung zu hören ist, geht Nick Zinner ebenfalls Projekte außerhalb der Band an. So hat er [...]
[...] mischt sich dann eine schwarze Flüssigkeit, was die Erinnerung an den Synthetikvorspann der jüngsten Verfilmung von Stieg Larssons Verblendung noch weiter verstärkt. [...]