Die »Hipster« zwischen Schimpfwort und Phänomen

Mark Greif liest & diskutiert »Hipster« & »Bluescreen« in Deutschland

Text: , Oskar Piegsa

mark-greif
FOTO: Leonard Greco

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   Alle paar Monate wieder: Am Montag machte eine auf Youtube hochgeladene und als Parodie angelegte Minidokumentation mit dem Titel Der Berliner Hipster die digitale Runde. Wenig überraschend wurde einmal mehr der altbekannte Inhalt von Club Mate bis Vintage-Klamotten aus der Klischeekiste geschüttelt. Gähn! Dass man sich dem Phänomen des Hipstertums auch durchaus interessant und unterhaltsam auseinandersetzen kann, demonstriert das 2010 von n+1-Mitgründer und -Redakteur Mark Greif herausgegebene Buch What was the Hipster?. Am 23. Januar erscheint nun die deutsche Übersetzung des um Beiträge von Jens-Christian Rabe, Tobias Rapp und Thomas Meinecke ergänzten Bands als Hipster – Eine transatlantische Diskussion. in der Edition Suhrkamp. Präsentiert von Spex begibt sich Greif Ende Januar, Anfang Februar auf Lesetour durch Deutschland. Dabei kommt auch sein eigener Essay-Band Bluescreen, seit November auf Deutsch erhältlich, in Leipzig zur Sprache. In Frankfurt a.M. diskutiert er sein Werk Rappen lernen mit Tobias Rapp. Hipster hingegen wird in Köln und Berlin besprochen, wobei Greif an letzter Stelle auf seine deutschen Kollegen Rabe, Meinicke und erneut Rapp sowie auf die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Ulla Haselstein trifft. Moderiert wird die Veranstaltung von Spex-Chefredakteurin Wibke Wetzker und Spex-Autor Oskar Piegsa. 

   Piegsa, der auch Köln bereits zugegen sein wird, hat Greif zuvor für Spex #336 (aktuell am Kiosk) gleich zweimal (unter widrigen politischen Umständen) zum Telefoninterview gebeten, um mit ihm neben Bluescreen und Hipster auch das von Greif mitherausgegebene Occupy! Die ersten Wochen in New York. Eine Dokumentation. zu besprechen. Nachfolgend nun ein Ausschnitt über Hipster aus seinem ausführlichen, dem Interview vorangestellten Artikel. Alle Lesungstermine finden sich am Artikelende.

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Ausschnitt aus Von Hipstern und Intellektuellen – Mark Greif / n+1 in Spex #336:

     [...]  [In What was the Hipster?] wird das Phänomen des Hipsters mit den Werkzeugen der Soziologie auseinandergenommen. In der Diskussion von Geschlechter- und Klassenverhältnissen, der Bedeutung von Hautfarbe, Herkunftsland und Religion wird der Hipster als eine genuin amerikanische Erscheinung beschrieben. Das galt auch schon für Norman Mailers 1957 veröffentlichtes Essay The White Negro, das als die erste weithin gelesene Erklärung über die Figur des Hipsters gilt. Bei Mailer waren die Rassentrennung, die Befreiung Europas durch das US-Militär und der Kalte Krieg wesentliche Rahmenbedingungen für das Entstehen einer weißen Jazz- und Beatnik-Boheme, deren Angehörige Mailer auch als »amerikanische Existenzialisten« beschrieb. What was the Hipster? beleuchtet nun eine Szene, die ein halbes Jahrhundert später ebenfalls in soziale und ökonomische Prozesse verstrickt ist, in den »White Flight« und die »Gentrification«: Während die weißen, wohlhabenden Baby Boomer einst in die Vororte flohen und die amerikanischen Innenstädte verslummen ließen, kehren ihre hippen Kinder jetzt in die Citys zurück, verdrängen die dort lebende multiethnische Bevölkerung und spielen dabei, als Subkultur von oben sozusagen, zumindest zeitweise mit den Insignien der weißen, ländlichen Unterschicht – Feinripp-Unterhemden, Dosenbier von Pabst Blue Ribbon, Schirmmützen der Treckerfirma John Deere. Es liegt nahe, dass die in linker Theorie geschulten n+1-Autoren nicht viel Gutes über diesen Hipster zu sagen haben. Dass sich ihre Thesen nicht eins zu eins auf Deutschland übertragen lassen, dürfte auch klar sein; obwohl es natürlich auch hierzulande Hipster gibt.

    Am interessantesten an der deutschen Übersetzung Wer waren die Hipster? sind deshalb die Texte von Jens-Christian Rabe, Tobias Rapp und Thomas Meinecke, mit denen der Suhrkamp-Verlag das Buch zu einer »transatlantischen Diskussion« ausgebaut hat. Tobias Rapp, Spiegel-Redakteur und Autor von Lost and Sound, einer treffenden Beobachtung über die Berliner Technoszene, folgt dem vom Buchtitel vorgegebenen Blick in die Vergangenheit und schreibt über die untergegangene Welt des Berlin-Mitte-Hipsters. Dieser feierte und flanierte in den 1990er Jahren in der Gegend um den Hackeschen Markt. Dort, wo sich einst der Hipster als smarter Hedonist und Hüter des urbanen Geheimwissens herumtrieb, herrscht heute seine Antithese: der Tourist. Dieser, schreibt Rapp, »taucht immer in der Gruppe auf, weiß sich meist nicht zu benehmen, (…) kotzt nachts auf die Straße und muss sich um nichts kümmern, weil er ja nach dem Urlaub wieder zu Hause ist«. Wo Touristen sind, ist das hippe Leben vorbei.

    »Meine hippen Berliner Freunde sagen neuerdings: Wir gehen nicht mehr aus. Überall nur noch Touristen«, bestätigt der Schriftsteller Thomas Meinecke in seinem Beitrag, der als Diskussion mit dem früheren Konzertveranstalter Eckhard Schumacher angelegt ist, seit 2009 Professor für Neuere deutsche Literatur und Literaturtheorie an der Universität Greifswald. Von der Idee, Szene und Popkultur seien uninteressant geworden, halten die beiden aber nichts. Meinecke: »Meistens dient dies der Rechtfertigung über 30-Jähriger, spätestens 40-Jähriger, sich vom lästigen, weil stets hochkomplexen Geschehen der Pop-Avantgarde zu verabschieden: seniles Gehabe, bürgerliches Feuilleton.« Die Schlüsseltechniken des Hipsters sehen beide Gesprächspartner im »signifyin’«, dem Rekontextualisieren kultureller Zeichen. Diese Technik macht den Hipster zwangsweise zu einem flüchtigen Phänomen: Mal imitiert er, wie von Norman Mailer beschrieben, den Slang und die Styles der unterdrückten Schwarzen, mal trägt er John-Deere-Kappe abseits von Blockhausromantik und Schießstand. Deshalb den Hipster für tot zu erklären, diesen Verdacht teilen Meinecke und Schumacher in Bezug auf die n+1-Publikation, sei jedoch falsch und langweilig.

    An dieser Stelle herrscht jedoch ein Missverständnis. Im Vorwort zu Wer waren die Hipster? erklärt Mark Greif, dass es eben nicht darum geht, den Hipster als Relikt der Vergangenheit zu beerdigen. Gerade weil die Identität des Hipsters so flüchtig und so lebendig ist, wendet sich das Buch spielerisch konstruiert an ein Publikum der ferneren Zukunft, das zurück ins Hier und Jetzt schaut, auf den Hipster der Jahre 2000 bis 2010. Der Titel ist demnach eine Art Selbstbetrug, ein rhetorischer Kniff, der vermeiden soll, dass sich die Autoren in Nebendiskussionen darüber verlieren, was Hipness gegenwärtig ausmacht. Eine aktuelle Definition dessen, was hip ist, wäre bei Drucklegung ohnehin bereits wieder überholt. Schon Norman Mailers Hipster-Essay trug in der deutschen Übersetzung den Untertitel: Vorläufige Anmerkung. Papier ist dem Hipster zu langsam, er bedient sich lieber der digitalen Medien. In Blogs, oder besser noch mithilfe deren schnelllebigerer Spielart, der Tumblr-Blogs, vernetzt er kurze Zitate, Fotos und Grafiken verschiedenster Quellen. Hinzu kommt, dass kaum ein Hipster als solcher benannt werden will. Das ist nicht überraschend: Wenn es beim Hipsterism um cooles Geheimwissen geht, hat kein Hipster ein Interesse daran, für Außenseiter (Touristen!) als solcher erkennbar zu sein. Was dem Außenseiter – oder dem Hipster in Selbstverteidigung gegen Wanna-bes – wiederum ermöglicht, »Hipster« als Schimpfwort zu benutzen: Etwa zeitgleich mit der Originalausgabe von What was the Hipster? erschienen mehrere Bücher, die der Verunglimpfung des Typus gewidmet waren und Titel trugen wie Look at this Fucking Hipster (von Joe Mande), Stuff Hipsters Hate (von Brenna Ehrlich und Andrea Bartz) oder Street Boners: 1,764 Hipster Fashion Jokes (von Gavin McInnes). [...]

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SPEX PRÄSENTIERT MARK GREIF Lesetour:
31.01. Köln – Literaturhaus Hipster; mit Oskar Piegsa
01.02. Frankfurt a.M. – Orange Peel Hipster, Bluescreen, Occupy!; mit Tobias Rapp
03.02. Leipzig – Baumwollspinnerei Bluescreen; mit Jörn Dege, Mathias Zeiske
04.02. Berlin – .HBC Hipster; Diskussion (Mark Greif, Ulla Haselstein, Thomas Meinecke, Tobias Rapp, Jens-Christian Rabe, Moderation: Wibke Wetzker und Oskar Piegsa)
05.02. Hamburg – Golem Occupy!; mit Lars Koch
08.02. München – Werkraum der Kammerspiele Hipster, Bluescreen, Occupy!; mit Caro Matzke (Moderation)

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