Redaktionscharts 2011
Die 30 wichtigsten Songs des Jahres
Text: Jan Kedves, Wibke Wetzker, Lutz Happel, Ralf Krämer, Matea Prgomet, Thomas Vorreyer
Wo lohnte es sich 2011 genauer hinzuhören? Wem war ein besonders gutes und interessantes Werk gelungen? Die Spex-Redaktion hat sich zusammengetan, um nach harter Diskussion die 30 wichtigsten Songs und Alben des Jahres zu kompilieren. Die zweieinhalb ersten Dutzend gibt es nachfolgend im Stream des Internetradios ByteFM zu hören. (Ein Klick auf das Banner öffnet den Radioplayer.)
*
SONGS / ALBEN
*
30. WILD FLAG Glass Tambourine (Wichita / Play It Again Sam / RTD)
Das erste Lebenszeichen der Riot-Grrrl-Supergroup weckt Vorfreude auf mehr: Sleater-Kinney-, Helium- und Minders-Mitglieder in neuem, ideensprudelndem Rockbandformat.
29. FORD & LOPATIN Emergency Room (Software / Coop / Universal)
Vier Zeilen, von einer Ambulanzliege aus auf Repetition. Und das süßlich-schwere Plastikriff macht den Dämmerzustand zur 80s-Zeitreise. Wer war noch mal George Clooney?
28. EMIKA Pretend (Ninja Tune / RTD)
Selten vertraute Popmusik so blind auf die suggestive Kraft düsterer Clubsounds. Mit Erfolg: Emikas Pretend sitzt zwischen allen Stühlen und ist doch mehr als seine einzelnen Teile.
27. JOLLY GOODS Sad Side of the Tongue (Staatsakt / RTD)
Auf den Spuren der Breeders entdecken die einst so rabaukigen Gören aus Berlin-Rimbach mit dieser feierlichen Postrock-Ballade eine neue Ernsthaftigkeit und Klangfarbe.
26. THE WEEKND Lonely Star (www.the-weeknd.com)
Ein Paradebeispiel für Abel Tesfayes lasziv-schmalbrüstige R&B-Balladen. Ausflüge ins provokativ Sexistische, wie er sie sonst unternimmt, bleiben uns hier glücklicherweise erspart.
25. EMA The Grey Ship (Souterrain Transmissions / RTD)
Ist das schon eine Solosingle von Kim Gordon? Nein, aber sie könnte genauso klingen wie dieser fragile Gitarrensong der Kalifornierin Erika M. Anderson. Thema: Wikinger-Begräbnisse.
24. NGUZUNGUZU Timesup (Kingdom Remix) (Fade To Mind)
Kingdom aus Los Angeles dreht seine erste Labelveröffentlichung auf links. Kaskadische Basspsychosen feiern mit R&B-Beschwörungen eine trippige Hochzeit in Slow Motion.
23. ANDREAS DORAU Stimmen in der Nacht (Staatsakt / RTD)
Nachts im Wald. Der Computer reimt »Pferd« auf »Leben verkehrt« – so geschehen im Musikvideo zu Doraus elegant-paranoidem Discofox-Schlager.
22. WU LYF Dirt (Lyf Recordings / RTD)
Rebellische Jungmännergesten, Getrommel, auch mit Fäusten auf nackten Oberkörpern, die Stimmbänder wund vom Schreien – nur die Orgel mahnt zur Besinnung.
21. CREEP FEAT. ROMY MADLEY-CROFT Days (Young Turks)
In den Musik-Blogs wurde dieser Darkwave-Witch-House-Hit gefeiert: The xx-Sängerin Romy lispelt für das New Yorker Duo betörend über eine Melodie, die sich tief ins Gedächtnis fräst.
*
20. JAY Z & KANYE WEST Otis (Def Jam / Universal)
Ein weiteres Beispiel für die Gabe der beiden selbsternannten Thron-Besetzer, aus Soulnummern wie Reddings Try a Little Tenderness Hiphop-Überhits zusammenzuschrauben.
19. TWIN SHADOW Castles in the Snow (4AD / Beggars / Indigo)
Haute-Couture-Pop – hier sitzt alles perfekt. George Lewis Jr. avanciert vom talentierten Schneiderlein zum düsteren Prinz und haucht dem New-Wave-Revival Seele und Poesie ein.
18. RADIOHEAD Codex (Illum Sphere Remix) (XL / Beggars / Indigo)
»Jump into a clear lake …« – weil Thom Yorke jetzt auch textlich stagniert, wurde ihm hier nicht nur das Klavier, sondern auch die deutliche Aussprache entzogen. Klingt wie Burial!
17. DAGOBERT Hochzeit (The-Berliner / iTunes)
Mit poppigem Pseudonym und großen Crooner-Gesten umgarnt ein junger Schweizer alter Schule das Clubpublikum von heute: »Du bist viel zu schön um auszusterben«. Danke gleichfalls.
16. JESSICA 6 Prisoner of Love (Peacefrog / RTD)
Nomi Ruiz und Antony Hegarty nach Hercules And Love Affair wiedervereint als verzweifelte Subjekte ihrer eigenen Begierde, umpelzt von geschmeidigen Synthies. Den Dancefloor freute es.
15. DELS Shapeshift (Big Dada / RTD)
Dels rappt so lange über die Transformation seiner selbst, bis sich seine Faust in einen Dauerlutscher verwandelt. Großes Rap-Freidenkertum aus UK, mit scharfen Sägezahnmelodien.
14. OSUNLADE Envision (Âme Remix) (Innervisions)
Normalerweise kennt man den New Yorker Osunlade als Zeremonienmeister des yorubischen Esoterik-House. Im entschlackten Âme-Remix sang er die Sommerhymne zur Festivalsaison.
13. MARY OCHER On the Streets of Hard Labor (Haute Areal / Cargo)
Mary Ochers Debütsong kippelt zwischen Hysterie und Handfestigkeit. Eine Hymne für alle modernen Trümmerfrauen, die vom hippen Leben in Berlin nichts geschenkt bekommen.
12. DAVID LYNCH Good Day Today (Sunday Best / PIAS / RTD)
Der Fürst des Inland Empires proklamiert seine Verfassung, gequetscht durch einen Vocoder. Dann disst er M.I.A.s Pistolen-Samples aus Paper Planes: Happy Hour in der Clown Time.
11. BROCKDORFF KLANG LABOR Festung Europa (Serve & Destroy)
Auf Platz 1 beim Spex-Protestsong-Contest folgte die Enttäuschung: »Nun redet jeder von Pop und Protest«, so BKL-Sängerin Nadja, »aber niemand über das Thema unseres Songs …«
*
10. M83 Midnight City (Naïve / Indigo)
Euphorie kommt bei dem französisch-kalifornischen Dreampop-Act wohldosiert wie die Beschleunigungsepisoden einer Achterbahnfahrt – in diesem Fall samt Saxofon-Schmäh.
9. AFRICA HITECH Out in the Streets (Warp / RTD)
Reggae-Sänger Ini Kamoze wird hier von Pritchard und White über einem hochenergetischen Amalgam der halben Musikgeschichte zum Clubohrwurm des Jahres gesampelt.
8. THE RAPTURE How Deep Is Your Love (DFA / Coop / Universal)
Sehr geehrter spitz schreiender Herr Luke Jenner, sollte der Titel Ihres Songs tatsächlich eine Frage sein, dann gibt es darauf nur eine einzige Antwort: Our love is bottomless!
7. LADY GAGA Born This Way (Interscope / Universal)
Der transnationale Nummer-1-Hit für das »gay, straight or bi, lesbian, transgendered life«: Mit böllernder Vehemenz und Fetzen aus Madonnas Express Yourself rief Gaga zu Toleranz auf.
6. ESBEN AND THE WITCH Marching Song (Matador / Beggars / Indigo)
Der allgemeine Trend zum Transzendenten kulminierte hier musikalisch in einem majestätisch wabernden Paradestück, das mit jedem Mal mehr und mehr vom Hörer Besitz ergreift.
5. ACTIVE CHILD Hanging on (Vagrant Records / Alive)
Pat Grossi weiß sehr genau, was eine aparte Mischung ist: Der schmucke Redhead zupft seine Harfe und singt dazu Verträumtes im Falsett, als Grundierung dienen crispe Hiphop-Beats.
4. HERCULES AND LOVE AFFAIR My House (Moshi Moshi / Coop / Universal)
Den Hit ihrer Blue Songs-LP ließen Butler und Co. in einem imaginären Jahr 1993 spielen: Sylvester ist auferstanden und bringt die Tanzcrowd bei MTV’s The Grind zum Schwitzen.
3. LANA DEL REY Video Games (Vertigo / Universal)
»Retro-Königin«, »Pop-Lolita«, »Anti-Lady-GaGa«: Keines dieser Labels vermochte diese Erscheinung zu erfassen, geschweige denn ihrem betörenden Sentiment gerecht zu werden.
2. JA, PANIK DMD KIU LIDT (Staatsakt / RTD)
Sie ist länger als eine Zigarettenpause und mehr als ein Song, diese aufrührerisch besinnliche Ballade mit dem zungenbrecherisch kryptischen Titel.
1. TYLER, THE CREATOR Yonkers (XL / Beggars / Indigo)
Der Durchbruch für den Rap-Erneuerer. Ein boshaftes Zwiegespräch über Freunde, Columbine, alte Feindschaften, Blogger und den Vater. »I’m a fucking walking paradox, no I’m not.«
*
SONGS / ALBEN


TwitThis
Facebook
Buzz
del.icio.us
Google Bookmarks
Digg
Ping.fm
FriendFeed
Yigg
MisterWong.DE
Technorati
Netvibes
MySpace
Identi.ca
StumbleUpon




[...] SONGS / ALBEN [...]
[...] Egomanen ist der eigene Werkkosmos: Das Eintags-Mädchen aus dem Thursday-Opener Lonely Star (My body is yours / Give them any other day but Thursday / You belong to me / Every thursday) [...]
[...] wie immer auch bei der Crew von Auftouren, bei den White Tapes-Menschen, bei Laut.de oder der Redaktion der Spex. (Was die Magazine betrifft, kann ich sehr gut der de:bug und der GROOVE [...]
[...] Transmissions ein eindringliches Debüt zwischen Folk und Punk zu (The Grey Ship landete in den Spex-Jahrescharts), nun blickt sie mit dem neuen Stück Take One Two in die Vergangenheit [...]