Ein Unheilvolles Stöhnen

»Oblivion« heißt die nächste Evolutionsstufe von Grimes' Geisterpop

Text:

grimes
VIDEOSTILL: Grimes Vanessa
Regie: Claire Boucher, Hippos In Tanks 2011.

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   Claire Boucher stammt zwar aus Montreal, ein Nachwuchsmitglied der Arcade Fire-Broken Social-scene ist sie allerdings nicht. Der Fokus der jungen Kanadierin unter dem Alias GRIMES liegt auf abseitigeren Elektropopentwürfen. Mit Erfolg vom Fleck weg: Ihr erstes Tape Geidi Primes wurde ebenso wie das nachfolgende Debütalbum Halfaxa und die Split-Platte Darkbloom mit dem landsmännischen Weirdopopper d'Eon im wundgeschabten Vokabular der internationalen Blogs (eerie, etheral, haunting) lobgepriesen. In Hits wie Vanessa (Video unten) gelang es Boucher, das Übersinnliche abseits der üblichen dämonischen Beschwörungen schmackhaft zu machen. Ihre Stimme verschwand dabei fast hinter kruden Beats im Bermudadreieck der Assoziationen aus mythischen Sirenen, Samantha Morgan (das The Ring-Mädchen) und J-Pop. Das Video zu Crystal Ball zeigte sie im Krabat-artigen Rabenkostüm.

   Das evoziert in Ethos und Ästhetik mancherorts Vergleiche mit Zola Jesus, solche gehen aber fehl. Wo die Kollegin und die ebenso oft zitierten Austra und Glasser von klassischen Musikausbildungen zehren, experimentierte sich die Autodidaktin Boucher zum gewünschten Sound. Bis jetzt. Ihr neues Stück Oblivion (Stream unten) ist alles andere als eine naive Versuchsanordnung. Der tragende Synthierohbau mag ungeschliffen wirken, tatsächlich taumelt und pluckert er aber wohlkonzipiert am Fade-out entlang. Bouchers Gesang drängt plötzlich – das eigene Lispeln ignorierend – in den Vordergrund. Die Passivität des lyrischen Ichs wird konterkariert: »But I will wait forever/ I need someone now/ To look me into my eyes/ And tell me, / ›Girl, you've got to watch your health!‹« Den Chor dazu liefert sie gleich selbst, bis das Lied letztendlich in den selbst geschaffenen Strudel hinabsinkt.

   »I’ve been studying popstars«, gibt Grimes in einem Interview zu Protokoll und führt, neben dem Pianisten Chopin, völlig unbekümmert die Zeitgenossen Panda Bear, Burial, Lil Wayne, Mariah Carey und Timbaland an. Mittlerweile untermalt ihre Musik Modekampagnen mit dem genderlosen Starmodel Andrej Pejic und das 2012 erscheinende Album Visions, von dem Oblivion kündet, dürfte den nächsten Schritt auf die genannte Riege zumachen.

   Auf dem LP-Cover (s. unten) wird ein Totenkopf von kyrillischen Buchstaben umgeben. »Я лублю« (ich liebe) geht dem Grimes-Schriftzug voran, »вычислительная голова« (Computerkopf) betitelt eine Borg-ähnliche Büste. Rechts oben fungiert der Einstieg in das Gedicht Но я предупреждаю вас… (Aber ich warne Euch …) von Anna A. Achmatowa als Wegweiser. Dessen nicht gezeigtes Ende lautet: »Nicht als Schwalbe, / … / Nicht als Glockenklang – / Werde ich die Menschen verwirren / Und die fremden Träume besuchen / Als unerfülltes Stöhnen.«

   Grimes Visions wird am 31. Januar bei Arbutus Records in Kanada erscheinen. Ein ursprüngliches für Dezember angedachtes Berlin-Konzert musste leider abgesagt werden.

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Grimes Visions Albumcover
COVER: Grimes Visions, Arbutus Records 2012.


VIDEO: Grimes Vanessa, Regie: Claire Boucher, Hippos In Tanks 2011.


STREAM: Grimes Oblivion, Arbutus Records 2011.

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