Georg Kreisler verstorben

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   Ein Heimatloser hat die Erde verlassen. Der Kabarettist, Chansonnier, Komponist und Lyriker GEORG KREISLER war ein scharfzüngiger, bisweilen boshafter Kommentator von Nachkriegsgeschehen und Jetztzeit in Österreich und Deutschland. 1922 in eine jüdische Familie in Wien hineingeboren, musste er 1938 in die USA emigrieren, wo er in Hollywood landete und erste Kompositionsaufträge übernahm. Kurzzeitig war er Friedrich Hollaenders Schwiegersohn. 1943 wurde der spätere US-Staatsbürger zur Armee eingezogen. In der Ausbildung traf er Henry Kissinger, 1944 unterhielt er mit einem Programm die wartenden D-Day-Truppen in Großbritannien, in Deutschland verhörte er später Stürmer-Herausgeber Julius Streicher. Auch Hermann Göring saß ihm gegenüber.

   Wieder in Hollywood arbeitete Kreisler u.a. mit Charlie Chaplin und Hanns Eisler zusammen, bevor er 1955 nach Wien zurückgekehrte und für vier Jahre Teils des Wien Kabaretts wurde. Zugleich begann seine Karriere als Sänger. Er wurde zum Meister der vorletzten Lieder, jene Stücke, deren Verfasser glauben, dass ohnehin schon alles gesungen worden wäre. Seine charmant subversive Garstigkeit war und ist bis heute jedoch ein leuchtendes Vorbild in einer dunklen Liederwelt, die sich all zu oft damit zufriedengibt, ihre musikalische Harmonien auch mit textlichen Deeskalationsstrategien kuscheln zu lassen. Der Kreislerische Tonfall machte etwa Wien ohne Wiener oder Tauben vergiften im Park zu Hits, während der Künstler selbst mit Zensur, Boykotten und Plagiatsvorwürfen zu kämpfen hatte. Zu seinen modernen Wiedergängern darf man wohl vor allem Ja Panik-Sänger Andreas Spechtl zählen.

   Kreisler schrieb u.a. auch eine eigene Oper, Der Aufstand der Schmetterlinge, und  war zudem als Schrifsteller tätig. In Berlin, wo er in den 1970ern lebte und bis 1991 bei den Wühlmäusen wirkte, war er zuletzt im September 2010 während der Jüdischen Kulturtage in der Synagoge Rykestraße zu erleben. Im Anschluss an ein Gespräch mit dem ebenfalls jüdischen Komiker Oliver Polak am Vortag trat Kreisler hier mit der Sängerin, Schauspielerin und Synchronsprecherin Barbara Peters auf, die seit langer Zeit nicht nur seine Lebensgefährtin, sondern auch seine Bühnenpartnerin war. Der feierlichen Atmosphäre des Ortes setzte Kreisler im rührenden Kontrast einen gewohnt derben kabarettistischen Vortrag entgegen, den er mit unumwundener Religionskritik spickte. Obwohl bereits mit Gehstock unterwegs und körperlich gebrechlich wirkend, zeigte er gleichzeitig maximale geistige Agilität und Vortragsfreude, schmiss sich in seine alten Hits. Die letzte der szenischen Lesungen des Paars fand am 4. Juni diesen Jahres in Bad Homburg statt.

   Am Dienstag ist Georg Kreisler an den Folgen einer schweren Infektion verstorben. Möge er in Frieden ruhen.

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STREAM: Georg Kreisler Tauben vergiften im Park


STREAM: Georg Kreisler Wien ohne Wiener