Modeinterview: Veruschka
» … und danach folgt ein ganz dreckiges Lachen von mir. «
Text: Jan Kedves
FOTO: Jochen Arndt
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In der Spex-Reihe Mode-Interview war bis zur Ausgabe #330 noch nie ein Model zu Wort gekommen. Begonnen haben wir deswegen mit keiner Geringeren als Vera von Lehndorff. Unter dem Namen VERUSCHKA galt sie in den sechziger Jahren als »Germany’s First Top Model«, Avedon, Newton und Penn fotografierten sie, von Antonioni wurde sie in Blow-Up inszeniert, seit den Siebzigern arbeitet sie als Künstlerin. Zuletzt war die 71-Jährige, die nach Jahrzehnten in New York 2005 nach Berlin gezogen ist, gleich doppelt präsent: Bei der London Fashion Week im September 2010 lief sie für Giles Deacon über den Catwalk, außerdem erlaubte sie Blixa Bargeld die Nutzung eines ihrer ikonischen Veruschka Self-Portraits als Cover für dessen anbb-Album.
Derzeit läuft das Filmporträt Veruschka - Inszenierung (M)eines Körpers von Paul Morrissey und Bernd Böhm in einigen deutschen Kinos - alle Termine dazu finden sich unten. Zum Gespräch lud Lehndorff, die damals an ihrer jetzt bei DuMont erschienenen Autobiografie arbeitete, in die Bar des Berliner Hotel de Rome.
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Frau von Lehndorff, was ist Schönheit?
VERUSCHKA: Erst mal lassen Sie bitte das ›von‹ weg. Dieser Adelstitel ist für mich absolut unwichtig. Mein Name ist Vera Lehndorff. In meinem Pass steht zwar etwas anderes, wenn man also ganz korrekt sein will, muss man sagen: Vera Gottliebe Anna Gräfin von Lehndorff. Aber ich finde das unnötig.
Gut, Frau Lehndorff …
Das klingt auch wieder blöd – nennen Sie mich doch einfach Veruschka oder Vera.
Also, was ist Schönheit?
Das kann man in ein paar Worten natürlich nicht erklären. Schönheit sieht man immer nur dort, wo mehr ist als der bloße Schein. Sie ist das, was einen berührt und anzieht, aber gleichzeitig ist sie für jeden etwas anderes. Paul Morrissey zum Beispiel hat einmal gesagt, als er mich das erste Mal sah, sei ich ihm so schön vorgekommen wie ein Vogue-Cover. Das war für mich nun überhaupt kein Kompliment. Denn wir alle wissen, was bei einem Cover der Vogue das Entscheidende ist: Es muss verkaufen! Alles ander e ist unwichtig. Was hat das mit Schönheit zu tun?
Sie waren in den sechziger Jahren häufig auf dem Cover der Vogue.
Ja, aber von all diesen Covern finde ich heute nur noch ein einziges schön – eines, das aus der Reihe fällt. Normalerweise müssen Models auf dem Cover ja immer strahlen und wahnsinnig lebensfroh rüberkommen. So war es auf jeden Fall damals.
Up!
Genau. Wie langweilig! Auf diesem Cover schaue ich aber mit einem melancholischen Blick in die Ferne. Ich kann mir gar nicht erklären, wie das bei der Vogue damals überhaupt durchgehen konnte. Diana Vreeland, die damalige Chefredakteurin, wollte auf dem Cover eigentlich immer nur einen Blick sehen, der direkt und happy ist. Vermutlich wurde das Cover nur aus dem Grund nicht gestoppt, weil es eben ein Foto von Richard Avedon war. Es war damals gerade die verrückte Zeit von Diana Vreeland, sie ließ uns unglaublich viel Freiheit.
Zum Beispiel?
Ich konnte sie mitten in der Nacht aus dem Bett klingeln und sagen: »Diana, ich habe eine Idee: Ich will Fotos am Meer im Schilf machen, mit goldenem Schmuck, der durch das Schilf glitzert.« So was fand sie toll! Sie schickte mich in die Schmuckabteilung und sagte, ich solle alles mitnehmen, was mir gefällt. Der Fotograf Franco Rubartelli und ich fuhren dann ans Meer, zu zweit, ohne Assistent, dort machten wir die Bilder – und alles wurde gedruckt. So etwas wäre heute gar nicht mehr möglich! Andersherum konnte es auch passieren, dass Diana Vreeland mich anrief, nur um mir zu erzählen, dass sie gerade das allerschönste Foto von einem Pferd gesehen habe. Dann schwärmte sie mir stundenlang von dieser Mähne vor – »It’s maaarvelous! « So redete sie. Über irgendein Bild oder eine bestimmte Farbe konnte Vreeland total ausflippen.
Gleichzeitig galt sie als sehr streng.
Ja, angestellt hätte ich bei ihr nicht sein wollen. Wenn ihr etwas nicht passte, konnte sie ihre Leute ganz schön runterputzen. Vreeland war ja auch berühmt dafür, dass sie – als sie noch Stylistin war, in den vierziger und fünfziger Jahren – morgens im Studio gerne erst mal ein Paar Backpfeifen verteilte, damit den Models ein bisschen das Blut ins Gesicht schoss.
An Veruschka wird Vreeland gefallen haben, dass sie eine Erfindung war.
Das wusste damals niemand – ich habe das nie erzählt. Vreeland war selbst eine Kunstfigur, die nichts langweiliger fand als die Wahrheit. Sie soll gerne gesagt haben: »Never say what is true – it’s too boring.« Genau so war es. Zu mir sagte sie immer: »Veruschka, never say where you were born.« Sie riet mir, ich solle erzählen, dass ich von der Grenze Polens, Russlands und Deutschlands stamme – das klang viel dramatischer als Ostpreußen.
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FOTO: Platinum blonde in light dress, Peterskirchen 1973, Polaroid, aus der Serie Mimikry Dress Art, Vera Lehndorff / Holger Trülzsch
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Veruschka kam also von der Front des Kalten Krieges, und dazu trug sie ausschließlich existenzialistisches Schwarz.
Das ist der Grund, warum ich bei den Fotografen gleich so einen Eindruck hinterließ, dass sie mich nicht mehr vergaßen. In den Sechzigern gab es ja noch keine russischen Models in Amerika. Bei meinen Auftritten schwang also immer alles mit: Osteuropa, der Kommunismus, auch der Mauerbau. Veruschka war eine mysteriöse Figur! Ganz anders war es bei meinem ersten Aufenthalt in New York 1960 gewesen: Da war ich noch einfach Vera aus Deutschland, und niemand interessierte sich für mich.
Die Strategie Veruschka ging auf.
Absolut. Als ich 1961 zum zweiten Mal nach Amerika kam, überlegte ich mir genau, wie ich als Veruschka aussehe und wie ich gehe, wie ich einen Raum betrete und was ich auf Fragen antworte. Es wurde ein Spiel daraus: Statt mit meiner Mappe zu allen möglichen Vorstellungsterminen, den sogenannten Go-Sees, zu laufen, ging ich gleich zu den allerbesten Fotografen und fragte sie, wie sie mich in ihren Bildern sehen würden. Warum hätte ich auch Fotos von mir herumschleppen sollen?
Betrachteten Sie Veruschka damals auch als Kunstprojekt? In Hamburg waren Sie zuvor Kunststudentin gewesen – noch als Vera.
Ja, ich habe Malerei studiert. Ich sage öfters, dass ich nie ein typisches Model war. Die Leute bezeichnen mich zwar bis heute als »Germany’s First Top Model«, und das werde ich auch bis zu meinem Tod bleiben. Aber eigentlich war ich ein Anti-Model. Mir ging es nie darum, einfach hübsch auszusehen, ich habe im Modeln vielmehr eine Möglichkeit gesehen, zu kommunizieren – und den Leuten etwas richtig Tolles zu zeigen! Ich habe sozusagen mein künstlerisches Gespür in der Mode angewendet und das komplette Gegenteil davon gemacht, was sonst von einem Model verlangt wird: Mund halten, Kleider anziehen und dem Look entsprechen, der gerade gefragt ist.
Sie haben damals fast ausschließlich für Fotos und nur selten auf dem Laufsteg gearbeitet. Im September 2010 sind Sie nun wieder bei einer Modenschau gelaufen – für den Designer Giles Deacon bei der London Fashion Week. Wie kam es dazu?
Warum Giles Deacon mich gefragt hat? Irgendwie bin ich eben immer noch in den Köpfen vieler Modeleute drin, mich erstaunt das selbst manchmal. Helmut Newton hat früher immer gesagt: »We all work for the garbage« – früher oder später landen ja alle Modemagazine im Müll. Aber Newton und ich hängen inzwischen im Museum – und an Veruschka erinnert man sich noch heute. Ich bin mit Giles Deacon jedenfalls nicht befreundet oder so. Ich kannte seine Kleider überhaupt nicht, bevor die Anfrage kam. Ich habe ihm auch gesagt, dass ich bei der Show nicht unbedingt wegen ihm mitmache.
Sondern?
Wegen der Tiere. Ich wollte die Aufmerksamkeit nutzen, um denjenigen eine Stimme zu geben, die selbst keine Stimme haben. Tiere sind fühlende Lebewesen, aber wir behandeln sie wie Rohstoff. Immer wenn mir in London jemand ein Mikrofon vor die Nase hielt und Fragen zu meinem angeblichen Comeback stellte, sagte ich also: »No comeback, hier geht es um etwas anderes« – und dann redete ich darüber, wie brutal die Fashion-Industrie Tiere verwertet, wie in den Labors Kosmetikprodukte an ihnen getestet werden und dass das Pelzgeschäft wieder boomt. Das wollte von den Modeleuten natürlich niemand hören. Aber das war meine einzige Motivation, auf den Catwalk zu gehen.
Wie haben die anderen Models in London auf Sie reagiert?
Die haben sich alle gefreut! Die kennen mich ja alle noch, selbst die ganz jungen Models wissen, wer Veruschka ist. Einige von ihnen hatte ich auch schon mal getroffen, Stella Tennant zum Beispiel. Mit ihr habe ich vor ein paar Jahren eine Calvin-Klein-Parfümwerbung gemacht – eines meiner wenigen Commercials, fotografiert von Steven Meisel. Ansonsten muss ich aber sagen, dass ich mit der Giles-Deacon-Schau ziemlich unzufrieden war.
Warum das?
Das Make-up hat mir nicht gefallen. Wir hatten vorher zwar genau besprochen, wie ich mein Make-up haben will, aber im letzten Moment fummelten sie mir dann doch noch im Gesicht herum. Aber wenn ich mich schon auf so etwas einlasse, dann will ich wenigstens nicht konventionell und langweilig aussehen. Außerdem war das Licht grausam. Neonlicht von oben – das ist tödlich! Sie fragten ja zu Beginn, was Schönheit ausmacht: Licht ist alles – es macht einen schön, und es macht einen hässlich. Wäre ich Designer, würde ich bei einer Show immer als erstes fragen: Wer macht das Licht? Denn dasselbe Kleid kann im richtigen Licht aufblühen, während es im kältesten Neonlicht nur trostlos aussieht. Aber was soll das Gerede – es war ja nur eine Modenschau und alle fanden es super.
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Für den zweiten Teil des Interviews bitte hier klicken!
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VERUSCHKA - INZENIERUNG (M)EINES KÖRPERS Vorführungen:
24.10. Berlin - Kino International (Mongay)
24.10. München - Kino Atelier (Mongay)
27.10. - 02.11. Berlin - Babylon Mitte
27.10. - 02.11. Berlin -Xenon Berlin
29.10. - 30.10. Hannover - Kino am Raschplatz
06.12. Berlin - Kino Arsenal in Anwesenheit von Vera Lehndorff

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