Björk Biophilia

Biophilia

Auch abseits der App-Thematik bietet Björk neues Album Biophilia genügend Stoff. Wohin geht die Reise? Ist Björk am Ende angekommen? Und lohnte sich die Last-Minute-Überarbeitung?

Da ist es nun also, das neue Björk-Album. Es steht, wie alle anderen CDs beim Plattenhändler im Regal und wartet auf Käufer. Entgegen mancherlei subkutan eingeschlichenen Erwartungen, die in den letzten Monaten durch die Meldungen von selbstgebauten Instrumenten, interaktiven Applikationen, eingebauten Regenschirmen und Fingernagelscheren befeuert worden waren, reagiert die Biophilia-CD auf Berührungen, auf das Einreißen ihrer Schutzfolie, auf das Ausklappen des Booklets äußerst gewöhnlich. Sie lässt mit sich machen, was man will. Man kann sie auch hören. Warum nicht?

Seit Human Behaviour, dem ersten Song ihres ersten echten Albums als Solokünstlerin hatten die Eröffnungstracks für Björk stets Signalwirkung, waren Wegweiser für die nun eingeschlagene Richtung. »To get involved in the exchange / Of human emotions / Is ever so, ever so satisfying« hieß es etwa zu Beginn ihrer Club- und Party-Platte Debut. »We’ll stay in a hidden place« markierte für Vespertine den Rückzug zwischen die heimischen Federkissen. Nun also: Moon. Es geht hoch hinaus, beginnt trotzdem mit der Harfe von Zeena Parkins, als wäre seit Vespertine, das bereits stark von Parkins geprägt worden war, keine Dekade sondern überhaupt keine Zeit vergangen. Die Lyrics zeigen allerdings, wo der neue Hammer hängt. Vor zehn Jahren war Björk sehr sexy zumute, im fleischlichen Sinne, nun wendet sie sich der Biophilie, der Liebe zum Leben, ja, dem Überirdischen zu. »I will take the sun in my mouth / And leap into the ripe air« hieß es selbstermächtigend 2001. Heuer sind es keine Geringeren als »the gods«, die der Frau Guðmundsdóttir ihr Rundes (die »adrenalin pearls«) sich mal kurz wohin stecken (»placed them in their mouths«), heil machen (»rinsed all the fear out«), auf dass sich die Rundgelutschte wieder »birthed and happy« fühle, um diesmal wirklich »all« zu riskieren, denn das sei schließlich «the end all« und, natürlich, gleichzeitig »the beginning all«.

»Heilige Scheiße!« ruft in diesem Moment ein Kollege; er meint aber nicht die neue Björk-Platte, stattdessen die Stadtreinigung, die den Rinnstein unterhalb der Redaktionsfenster mit einem kräftigen und irgendwie seifig riechenden Wasserstrahl massiert. Es kriecht mit Macht vorwärts, hinterlässt dabei eine nasse Straße, die erstmal wieder frisch geteert aussieht, aber bei genauem Hinsehen erkennt man doch das liegengebliebene braune Herbstlaub. Von der Sonne beschienen wird es schon bald nicht mehr triefend nass, sondern genauso wild in der Gegen rumliegen, wie zuvor. Als hätte niemals ein orangefarbenes Ungetüm den Kampf mit ihm aufgenommen. Und letztlich ist es mit Björk ja genauso, nicht nur weil sie zur Zeit auch mit einem orangenen Ungetüm von einer Perücke auftritt. Egal mit welcher Technologie sie ihre Natur in Beziehung setzt, egal, in welchem Element sie sich suhlt, am Ende bleibt das Hauptgestaltungselement ihre eigene Natur als bipolares Spielkind, das versucht, Makro und Mikro, Konserve und Konzert, das Digitale und das Analoge, das Banale und Erhabene, Natur und Kunst, Abspacken und Chill-Out, die große Inszenierung mit radikalem Minimalismus, sich selbst und die Welt durch Konfrontation miteinander zu vereinen. Und eben auch »the beginning« und »the end«. Was auch heißt: mag Biophilia in seinem multimedialen, gesamtkünstlerischen Verpackungsanspruch neue, oder zumindest ungewöhnliche Wege gehen, rein musikalisch ist diese Platte so etwas wie eine graphische Abbildung der letzten knapp zwanzig Björk-Jahre.

Ihr neues Album wirkt wie der Schnittpunkt der beiden Vektoren Tanz und Bildende Kunst, exemplarisch vertreten durch die alten Alben Debut (1993) und Drawing Restraint 9 (2005). Aber eben nicht mehr House, sondern 2-Step und einmal mehr Drum ’n’ Bass bestimmen die Marschrichtung, Schauplatz ist nicht mehr der Konzeptkünstlerkosmos vom Lebensgefährten Matthew Barney sondern Björks eigener Body of Work. Was Björk zuvor in sechs Alben exemplarisch abarbeitete, ihre Selbstverortung und Durchführung als schaffendes Individuum zieht sie jetzt komprimiert innerhalb einer einzigen Platte durch. Auf die eigene (Neu)geburt in Moon folgt die Bildung eines Bewusstsein – zunächst als Organismus (»All my body parts are one« heißt es in Thunderbolt), dann als Erdbewohner (in Crystalline) und schließlich als kleiner, demütiger Furz im großen, von einer Lullaby-Melodie durchwobenen Universum (Cosmogony). Mit dem Instrumental Dark Matter, der Einsicht in das unbekannte Nichts, hat die Biophilie sozusagen die Pubertät erreicht. Der Blick in den Abgrund, Hollow, ist dann auch wirklich der Tiefpunkt. Platteste, ideenarme Theatermusik. »I’m falling down the abyss« behauptet Björk, die Orgel stampft dazu, als gelte es einen Stummfilm auf der Leinwand zu begleiten. So widerwillig sich Björk den künstlerischen Konzepten anderer unterordnen mag, so unwohl fühlt sie sich hier offenkundig, in eine Falle ihres eigenen Konzeptes geraten zu sein. Es verlangt Erfüllung, nur um seiner selbst Willen. Uninteressant. Schnell weiter. Denn am Ende des Tunnels lauert das Licht, »The perfect match – you and me«, der Liebes-Virus eben, der leider auch das Lyric-System vorübergehend ausser Kraft setzt: »I feast inside you« heißt es, »as gunpowder needs war«. Nicht ganz das Niveau von Thees Uhlmanns »Dein Herz ist wie eine Berliner Synagoge« – aber nah dran.

Auf die Infektion mit der Liebeskrankheit folgt, so banal geht’s eben auch im Lande Biophilia zu – das Beziehungsgespräch. »I feel you compress her / into a small space« gibt Björk die Therapeutin und ja, wer nicht allein sein will, muss eben Opfer bringen, Sacrifice heißt der Song und belohnt am Ende für das Erdulden tröpfelnder klösterlicher »Sharpsichords« mit einem kleinen Feuerwerk des deutschen DnB-Produzenten Current Value. Als wäre die letzte Frage dieser Paartherapie »Möchten sie eigentlich Kinder?« gewesen, kommt Biophilia umgehend zum Höhepunkt: Mutual Core. Björk kann immer noch Pop, wenn sie es denn will. Sie inszeniert sich einmal mehr zwischen Kirchenorgel, gesanglicher Ekstase und eruptivem Electronica-Gebrazze (»programmed by 16bit, Matthew Herbert and Björk«). Als Schöpferin ihrer eigenen Welt begreift sie ihr Inneres als pars pro toto des ganzen Universums. Björk legt sich selbst die Hand auf und singt, als wäre sie wieder im neunten Monat schwanger: »This eruption undoes stagnation«, sie schaut sich selbst zu oder eben der anderen Seite ihres bipolaren Kerns und stellt fest: »As fast as your fingernails grow / the atlantic ridge drifts«, reiner Größenwahn natürlich, aber naturwissenschaftlich eben auch nicht von der Hand zu weisen.

Das ganze Album Biophilia wird hier noch einmal zu einem Songs verdichtet. Solch konzeptionelle Kompression erinnert an Karlheinz Stockhausen, den Björk einst für das Magazin Dazed and Confused interviewte. »Komponiere Dich selbst« wählte sie damals als Überschrift und so wie Stockhausen zunächst die 12 Monate des Jahres, dann, in seinem Opern-Zyklus Licht die sieben Tage der Woche komponierte und schließlich noch in seinem unvollendet gebliebenen Werk Klang den Stunden des Tages je eine eigene Musik zuordnete, ist Björk von der autobiografischen Spiegelung ihres persönlichen Werdegangs zwischen Debut und Volta in Biophilia nun bei einer komprimierten Auseinandersetzung mit ihrem Werden und Vergehen gelandet. Sechs Platten in einer Platte in einem Song, nur, dass sie die autobiografische Folie gegen eine mythisch/naturwissenschaftliche ausgetauscht hat, vermeintlich. Jemand hat halt vergessen, die autobiografische Folie zu entfernen. Wenn Björk von Quartzen und Kristallen singt, packt sie immer ein imaginäres »Ich« davor. Ich-Materie, i-virus, i-pad, da kam zusammen, was zusammen gehört.

In einem anderen Interview erzählte Karlheinz Stockhausen: »Wenn man eine einzelne Pflanze über eine längere Zeit beobachtet, wie sie beginnt als kleiner Knuddel, der nach nichts aussieht, und dann miterlebt, wenn man ihn in die Erde legt, Licht und Wasser möglich macht, wie nach und nach eine wunderschöne Blüte herauswächst, so staunt man über ein wahres Wunder der Erfindung; dann ist das ja ein Komponieren, das ich nicht verwirklichen kann. Ich kann keine einzige Pflanze machen. Ich spüre, dass ich als Musiker sehr begrenzt bin, da ich mich ausschließlich mit Formen von akustischen Wellen, mit Schallwellen befasse.« Die Natur als narzisstische Kränkung des Künstlers, für Michael Jackson (Heal the World contra missglückender Selbstheilung) wurde sie zum Instrument der Selbstzerstörung. Der stark katholisch geprägte Stockhausen konnte mit ihr umgehen, weil er sich als Diener des Göttlichen verstand. Björk, das Hippie-Kind, kann sie instrumentalisieren, weil sie zwischen Gott und sich selbst keinen Unterschied macht und dabei – das legt der letzte Song auf Biophilia nah – ihre eigenen Irrtümer, ihren bisweilen aus Überschwang entstehenden Mist mit humorvoller Distanz betrachten kann. (Humor ist eine Komponente, die auch bei Stockhausen allzu gerne übersehen wird.) Solstice heißt dieser letzte Song. Noch einmal hingezupfter Minimalismus. Und der einzige Text, der ausschließlich aus der Feder von Björks Stamm-Co-Autoren Sjón stammt, holt die Hochgeflogene wieder auf den Boden. »You remember / that you are yourself are a light-bearer / revceiving radiance from others«.

Es spricht auch durchaus für Björks selbstkritische Souveränität, dass sie ihr bereits fertiges Album nach seiner Live-Premiere in Manchester im Sommer diesen Jahres nochmal mit dem Gefühl, es brauche mehr »Fleisch und Blut« mit Mandy Parnell und Leila Arab partiell überarbeitete und einem Re-Mastering unterzog. Weltbewegend waren die Änderungen, zumindest oberflächlich, nicht. Auch hier arbeitete Björk kleinteilig, das frische Beat-Blut in Crystalline wurde mit dem Mikroskopie-Besteck aufgetragen. In solche, fast nur noch unbewusst wahrnehmbare Mikrobereiche sind natürlich schon Musiker vor Björk gedrungen. Stockhausen natürlich. Aber heute machen das die Sounddesigner und Technofrickler jeden Tag; auch Klavierstimmer, die mit mikromillimeterkleinen Manipulationen Pianisten wie Pierre-Laurent Aimard ihren Steinway pimpen. Aber noch niemand tat dies zuvor mit den erhobenen Fahnen, der unüberhörbaren Stimme und der universalen Armee eines weltweiten Popstars im Rücken. So gesehen ist es eigentlich egal, wie originell, prätentiös oder auch nur gut das Album Biophilia einem vorkommen mag, vielmehr stellt sich die Frage, ob nach Biophilia noch etwas kommen kann. Die einzige konsequente Weiterentwicklung von Björks momentaner Präsenz wäre ihr Verschwinden. In einem schwarzen Loch.

 Björk Biophilia ist in allen Versionen bei Universal erschienen. Nachfolgend gibt es das ganze Album im Stream zu hören. In der ab Freitag, dem 14. Oktober, im Handel erhältlichen, neuen Spex-Ausgabe #335 beschäftigen sich zudem die Artikel Björk / Feist / Camille – Mars macht keinen Spaß von Jan Kedves und Musik spielen – Pop auf der Suche nach neuen Feldern von Heiko Gogolin mit den biologisch-organischen Referenzen des Albums bzw. seiner App-Version.

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