Matana Roberts

matana-roberts-coin-coin-cover    Die Saxofonistin MATANA ROBERTS kann man von ihrer Band Sticks And Stones kennen, die in den Nullerjahren auf Thrill Jockey veröffentlichte. Da ging es um tighte Trio-Arbeit mit viel Freiheit für eine Instrumentalistin, die alles Mögliche an ihrem Instrument ausprobierte: vor allem Intonationen, Mundstück-Magie, das Durchhalten einer persönlichen Stimme oder den abrupten Akt; gerne entwickelte man dabei – ganz ohne Pathos – drastische Dynamiken, immer in einer wohlinformierten, freien Jazz-Sprache, zuweilen auch mit großem Spaß am simplen Voranschreiten eines Rock-Stücks. Als Gast konnte man sie bei Godspeed You! Black Emperor oder Silver Mt. Zion hören.

    Im Vergleich zu diesem ehrgeizigen Werk waren das aber alles nur Lippen- und Fingerübungen. COIN COIN Chapter One: Gens de couleur libres ist der Beginn zweier offensichtlich schon lange schwelender Projekte; eines musikalischen und eines literarischwissenschaftlich-(auto-)ethnografischen. Roberts hat dieses Opus live vor geladenem Publikum in einem Experimental-Space in Montreal mit 14, vorwiegend jüngeren MusikerInnen aus dieser Stadt sowie aus Chicago aufgenommen. Auch wenn sie als Saxofonistin, Sängerin und Sprech-Akteurin die Truppe hörbar führt wie ein Jazz-Leader, hat sie hier vor allem komponiert, dem Vernehmen nach unter Verwendung eines selbst entwickelten Notationssystems. Jedenfalls überschneiden sich beginnende und endende, in ritualistische Monotonie sich eingroovende und konstruktiv architektonische Phasen, kinderliedhafte Einfachheit geht in gewaltige, grummelnde Suiten über. Ganz offenkundig sind sehr unterschiedliche komplexe Klangobjekte vorab definiert worden.

    Aber nicht nur klangliche Objekte: Roberts beschäftigt sich mit Spuren und Hinterlassenschaften von Vorfahren, sammelt Material über ihre afroamerikanisch-indigene Familie und verfolgt deren Zeugnisse vor allem in das frankofone Louisiana des 19. Jahrhunderts. Die Notwendigkeit, die zunächst unfixierte historische Kontinuität afroamerikanischer Geschichte anhand von oralen Überlieferungen einerseits, von Objekten und Familienstücken andererseits rekonstruieren zu müssen, interessiert Roberts nicht nur in Bezug auf die konkreten Inhalte, die sie so über Ururgroßmütter herausfindet und diese verkörpernd vorträgt, sondern erst recht in Bezug auf die notwendig bei solcher Geschichtsschreibung mitentstehenden Nebenfiguren: »Ghosts, spirits and spooks and the faint traces of what they leave behind«.

    Das Material dieser Geschichte ist mithin in tote Gegenstände oder harmlose Lieder hineingekrochen. Es reicht nicht, diese konkreten Objekte aufzuspüren, ihre Bedeutung zu ermitteln, die Geschichten zu ergänzen, sie müssen auch in einer Art von Ritual beschworen werden. Dabei wird hier aber nicht einfach eine indifferente Intensitätsmesse zelebriert, in der der anzestrale Geist ausgeschüttet wird. Der Ton variiert gewaltig, vom kleinen Wiegenlied über angedeutete Alltagsszenen zu großen Bigband-Klanglandschaften mit Vocals, die an Vorbilder wie die thematischen Suiten aus der Bürgerrechtsbewegung von Max Roach oder Charles Mingus erinnern. Kühle Musikalität entwickelt sich an ausgetüftelten Instrumentalpassagen und muss dann schließlich doch in die Waschstraße hochgepitchter Emotionalität. Es ist lange her, dass jemand so grundsätzlich und aus so vielen verschiedenen Perspektiven die Verbindung zwischen Jazz und afroamerikanischer Geschichte entfaltet hat, ja überhaupt, dass jemand in den Traditionen des Jazz, vor allem der sechziger Jahre, so eine aktuelle expansive Sprache erkennt, die sich mit Kompositionstechniken aus der Neuen Musik und kollektiven Performance-Stilen der avancierten Popmusik verbinden lässt.

    Der individuelle Zugang zu den hier aufgeführten Geschichten ist zunächst ein großer Vorteil. Man muss nicht bei Grundsätzlichkeiten zu Afroamerika anfangen, das Projekt hat einen klaren und konkreten Fokus: Biografien und empirische Personen ersetzen allgemeine Ideen. Dieser Fokus auf dem Biografischen führt allerdings auch zum einzigen Nachteil dieser bemerkenswerten Arbeit: einer bei aller musikalischen Vielfarbigkeit ziemlich ungebrochen hochernsten Feierlichkeit. Aus dieser kathartischen Erschöpfung führt kein Weg heraus, etwa zur aggressiven Sachlichkeit des Politischen: Man hat das Gefühl, sie den Vorfahren der Matana Roberts zu schulden. Nicht die hohe Verbindlichkeit ist indes das Problem, sondern die allzu deutliche Antizipation nur eines, nämlich klar bestimmten Spektrums von Rezeptionsmöglichkeiten. Das Live-Publikum soll erschöpft und zu Tränen gerührt gewesen sein. Das ist okay, man kann sogar sagen: Das ist verdient. Wenn aber mit den Mitteln dieser musikalischen und konzeptuellen Virtuosität doch noch ein anderer Beobachterposten eingerichtet worden wäre, hätte es auch nicht geschadet.

MATANA ROBERTSCOIN COIN Chapter One: Gens de couleur libres | LABEL: Constellation | VERTRIEB: Cargo | : 13.05.2011

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STREAM: MATANA ROBERTS – COIN COIN Chapter One: Gens de couleur libres

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