Battles
Gloss Drop
Text: Kirsten Riesselmann
Vier Jahre ist es her, seit der erste BATTLES-Longplayer Mirrored für Aufsehen sorgte und die dazugehörigen Live-Auftritte der so-called Supergruppe für mehr als das – für unhaltbare Begeisterung meisthin und die Ahnung vom Anbruch einer neuen Warp-Ära an der Schnittstelle zwischen Elektro-Knurpslern und Indie-Rockern. Vier Jahre, in denen der monumentale Überhit Atlas Zeit hatte, als Maßstab zu reifen und ordentlich auf die Schultern seiner Väter zu drücken. Vier Jahre, nach deren erster Hälfte Sänger und Real-Time-Loop-Orchestrierer Tyondai Braxton ein Soloalbum veröffentlichte. Vier Jahre, an deren Ende zeitgleich mit der Ankündigung des Erscheinungstermins von Gloss Drop die unerwartete Nachricht stand: Braxton macht nur noch Solo, bei Battles ist er ausgestiegen.
Das Album aber ist da, als alleiniges Produkt der Herren John Stanier, Ian Williams und Dave Konopka. Der Eröffnungstrack heißt Africastle und schließt nahtlos an Mirrored und dessen Eckdaten an: mit Fröhlichkeit eingefärbter Mathrock, geloopte Spielzeug-Melodiechen, in ihrem minimalen Vorsich-Hinstolpern mit Komplexität liebäugelnde Synthie-Linien, kaskadierende Stakkato-Streicher, mehrteilige Stückdramaturgien, eine insgesamt nie ins Brutale, sondern eher ins Karnevalistische tendierende Soundästhetik, begleitet vom Duracellhasen-haften, unbestechlich präzisen Schlagzeugspiel John Staniers (dem man mit der Beschreibung Ex-Helmet-Drummer mittlerweile wohl einen Bärendienst erweist). Als zweites kommt Ice Cream, und kurz glaubt man an eine neue, innovative Battles-Dimension. Gastsänger Matias Aguayo prescht als stimmexperimentelle Lok voran und zieht das Stück zu veritabler Hitqualität, die mit ratternd zerhäckselter Stotterigkeit zum Hüpfen und Springen anstiftet.
Aber dann wird die Bremse gezogen. Die Strecke von Futura über Inchworm zu Wall Street ist eine fast 17-minütige Strapaze an pseudofeuriger Einfallslosigkeit, auch Dominican Fade und White Electric gliedern sich widerspruchslos ein in das handwerklich unbekrittelbare, musikalisch natürlich elaborierte, aber trotzdem gähnend langweilige Musikstudentenmuster aus Loops, Kirmessounds, perkussiver Maschinenhaftigkeit und fett bepacktem Multi-Layering. Es entsteht der Eindruck, dass hier fast verbissen aus wenig ideentechnischer Substanz Intensität herbeigezwungen werden soll. Was bald zu einem fast ein wenig peinlichen, hyperaktiven Ritt ins Nichts wird. Aus diesem schalen Gefühl ragt die zweite Rettungsinsel dieses Albums: Für My Machines wurde tatsächlich Gary Numan vors Mikrofon gebeten, das Stück klingt dann auch ganz bezaubernd nach den frühen Neunzigern, als Gothrock, Industrial und Emo-Core berüchtigte Fusionen eingingen. Die Gitarren klingen metallen nach Nine Inch Nails, die Streicherflächen geben sich gar keine Mühe, etwas anderes zu sein als extra-künstlich und extra-maximalistisch, das Schlagzeug scheppert unheilvoll, eine Orgel denkt an Apokalypse und man selbst an The Crow. Inspirierende Vergangenheitsbewältigung.
Nichtsdestotrotz: Diesem Album fehlt etwas. Einiges sogar. Vor allem Einfälle, die Gloss Drop zu einem eigentlich fest kalkulierten Mehr gemacht hätten, und nicht zu einem an zwei Stellen interessanten, ansonsten höchstens okayen Versuch eines Zweitaufgusses von Mirrored. Diese Einfälle hätte Tyondai Braxton vielleicht gehabt. So aber scheinen Battles in nur halbwegs kaschierter Hilflosigkeit um ein leeres Zentrum herumzuflattern. Wie schade.
BATTLES - Gloss Drop | LABEL: Warp | VERTRIEB: Rough Trade | VÖ: 15.06.2011
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VIDEO: BATTLES FEAT. MATIAS AGUAYO - Ice Cream
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STREAM: BATTLES FEAT. GARY NUMAN - My Machines

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Handelt es sich bei diesem Artikel um einen Rückblick auf das erste halbe Jahr 2011? Das Album ist doch schon schon vor 2 Monaten erschienen? So und so, ein geiles Album und in meiner Halbjahresliste ganz weit vorne. Kaufen!