Bon Iver
Bon Iver
Text: Tobi Müller
Dieses Album ist nicht die Weiterentwicklung des lustigen Autotune-Onkels geworden, den viele hinter einem Sample aus Kanye Wests aktuellem Werk vermutet haben. West spielte am Anfang von Lost in the World unbehandelt BON IVERs synthetischen Falsett-Folk aus dessen Stück Woods, und auch auf Wests Track Monster hört man die lässigen Pitch-Modulationen, die weniger an den jungen James Blake denn an den alten Frank Zappa erinnern. Die Referenz ist hier nicht das europäische Kunstlied, das selbst in den Gospel-Aneignungen Blakes noch zu hören ist, sondern die scheinbare Kunstwerdung der Natur. Und dafür steht bei Justin Vernon, Boss von Bon Iver, weites flaches Land, irgendwo westlich von New York. »I can see for miles and miles«, singt Vernon in Holocene, und dazu muss man tatsächlich nicht bis Nebraska fahren (auch wenn es Stellen auf diesem Album gibt, an denen man – fälschlicherweise! – Clarence Clemons antizipiert, Springsteens Saxofonisten). Bon Iver reicht es, sich im Milchstaat Wisconsin, westlich der Great Lakes, ein Studio zu bauen, um die Weite des Raumes musikalisch begreifbar zu machen.
Wir hören hier aber zum Glück keine Geschichten über Brennholzgewinnung oder Branntwein-Destillerien, sondern eher Klanglandschaften, die ihre Grandiosität aus klaren Arrangements und avancierter Musikalität beziehen. Der Autotune-Effekt kommt gelegentlich immer noch zum Einsatz, während sich Vernons Stimme zum Chor auftürmt – als viriler Schleimbass oder Jesusfalsett. Von Blockhütten und Trapperschuhen ist das weit entfernt. Dafür muss der geneigte Folk-Hipster nun Perfektion aushalten lernen: Die Gitarren (und manchmal auch die ruhigen Bläsersätze) erinnern an Projekte von Edelgitarristen wie Ralph Towner, John Scofield oder Bill Frisell; alles Leute, die dem amerikanischen Folk mit viel Pathos, aber auch formaler Distanz begegneten.
Mit Bon Iver, dem selbstbetitelten Album, werkelt das sogenannte Independent Weird America nun weiter an seiner Veredelung. Dem schieren Wohlklang – Geißel des Talents – entgeht Bon Iver dabei nicht immer. Dennoch: Seine Versuche, ihn zu vermeiden, sind umso angenehmer zu hören. Zwei Strategien hat er sich dazu einfallen lassen. Erstens: die Songs aus der Form fallen zu lassen, etwa mit lang tröpfelnden Outros, in denen man sogar die Klaviertasten hört. Und zweitens: sticheln, stören und verschieben – allerdings meist nur im dekorativen Bereich – mit Trommeln ohne Snare, mit nadelstichgleichen Hörnern, die sich anhören, als hätten sie Carl Craig und Moritz von Oswald bei Ravel gesampelt. Und immer dann, wenn es einem trotzdem zu viel wird mit dem Gefühl der in Klang übersetzten amerikanischen Weite, dann hilft immer noch diese Kopfstimme des Soul-Cowboys Bon Iver, oder – als allerletzte Waffe – Autotune.
BON IVER - Bon Iver | LABEL: 4AD | VERTRIEB: Beggars Group / Indigo | VÖ: 17.06.2011
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VIDEO: BON IVER - Calgary
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DOWNLOAD: BON IVER - Holocene

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Ich verstehe die Rezension nicht.
Warum hackst du so auf dem Vocoder/"Autotune" rum, ich finde, es ist weder so, dass Vernon diesen besonders häufig einsetzt, noch dass er es nötig hätte. man sehe ihn sich nur mal live an: http://www.youtube.com/watch?v=XvRqNUPYfPk
Und warum finden Rezensenten seit einem halben Jahr, dass sich nur noch James Blake als Referenz eignet? Ich würde mich freuen, wenn die Reviews hier sich mal wieder mehr mit der musik an sich auseinandersetzen würden, um die es jeweils geht.
Hi Asa Özgür,
Der Text "hackt" keineswegs auf Autotune herum, in diesem Sinn hast Du den kurzen Text tatsächlich nicht richtig verstanden, ich war unklar, oder beides zusammen. Ich ging davon aus, dass Bon Ivers Autotune-Spielereiein bei Kanye West vielen LeserInnen bekannt sind, um dann zu sagen, dass dieses Album hier ganz anders klingt. Soviel zum ersten Satz. Ähnliches gilt für Blake als Referenz: Kann verstehen, dass die häufige Nennung manche nervt. Aber eine Figur wie Blake hat auch ihr Gutes, weil sie vieles verdichtet, was in der Popmusik gerade wichtig zu sein scheint (deshalb die vielen Vergleiche). Und zum Schluss habe ich durchaus das Gefühl, dass sich mein oben stehender Text nahe an der Musik bewegt, die sie zu besprechen vorgibt ...