Dadaismus mit Wumms

Text von Daniel Fersch
am 24. Juli 2011

die-voegel-fratzengulasch-video-1    Der Songtitel ist plakativ, aber das gehört zur künstlerischen Verwirrungsstrategie des Projekts DIE VÖGEL dazu wie der Truthahn zum Logo der Plattenfirma Pampa Records, bei der gerade ihre zweite Maxi-Single erschienen ist. Fratzengulasch – so heißt im Jargon der Afterhour-Klientel der leicht verzerrte Gesichtsausdruck, der bei Menschen nach MDMA-Konsum auftreten kann. Die Verwendung des Wortes als Titel legt zunächst die Vermutung nahe, dass es sich hier um ein Stück aus jenem Kosmos handelt, in dem auch Anarcho-Truppen wie HGich.T oder Deichkind – mehr oder weniger selbstironisch – drei Tage am Stück (oder auch länger) ihr Unwesen treiben.

    Doch Vorsicht: Es geht bei den Vögeln nur oberflächlich um Rave-Folklore à la Lützenkirchen. Vielmehr verhält es sich mit ihrer Musik ähnlich wie mit Asterix-Comics, die sowohl als bunte Remmidemmi-Heftchen wie auch als unterhaltsame Lektüre für Altphilologie-Seminare funktionieren. Schließlich handelt es sich bei dem Duo um zwei altgediente und mit allen Wassern gewaschene Mitglieder der Hamburger Schule: Mense Reents (of Egoexpress-, Stella-, Regierung- und Goldene-Zitronen-Fame) und Jakobus Siebels (JaKönigJa).

    Als Die Vögel kam Reents und Siebels im vergangenen Jahr die Ehre zuteil, das neugegründete Label Pampa Records von DJ Koze mit der ersten Veröffentlichung aus der Taufe zu heben. Dabei gelang ihnen mit dem Tuba-Techno-Stück Blaue Moschee ein genauso überraschender wie triumphaler Tanzflächen-Hit. Es gehe den Vögeln (und auch Herrn Kozalla, ihrem Label-Chef) darum, die engen Begrenzungszäune der elektronischen Tanzmusik niederzureissen, um in absoluter Freiheit zu neuen Ausdrucksformen zu kommen, heißt es sinngemäß in der Presseinformation zur neuen EP, die sich an manchen Stellen wie ein Mission Statement liest. Bei Blaue Moschee und den zwei weiteren Stücken ihrer ersten Platte bedeutete dies in der praktischen Umsetzung vor allem den Einsatz dissonanter Harmonien und ungewohnter Instrumente, wie etwa der Tuba, die beim Titelstrack den Bass ersetzt oder der Blockflöten beim Stück Petardo.

die-voegel-fratzengulasch-video-2    Bei Fratzengulasch wird diese Strategie nun um eine Dimension erweitert: Zu den bereits erprobten Blasinstrumenten gesellt sich der Gesang von Siebels JaKönigJa-Partnerin Ebba Durstewitz. »Ich hab' mir ausgedacht, du wirst ein Vogel sein / Wir bauen uns ein Pferd aus Knochen und aus Stein«, singt Durstewitz in einer simplen Melodie, die im Kanon mit Siebels als zweiter Stimme und mit kleinen textlichen Variationen mehrfach wiederholt wird. Beim ersten Hinhören ist das purer Dadaismus, beim zweiten werden die Anspielungen auf Homer und Palais Schaumburg klar und beim dritten Mal klingt der Text wie ein Manifest der künstlerischen Selbstbestimmung.

    Das Video zu Fratzengulasch kann, wenn man es will, auf ebenso vielen Ebenen gesehen werden. Auf den ersten Blick ist es eine simple visuelle Umsetzung des Songtitels mithilfe historischer Klassenfotos, die lauter junge Männer in feierlichen Anzügen zeigt. In dieses statische Tableau werden nach und nach mit digitaler Hilfe die grimmassierenden Köpfe von Reents und Siebels hineinmontiert und die Schwarzweißfotos mit Buntstiften verziert. Am Ende entlarvt ein Rückwärts-Zoom der Kamera das Ganze als an die Wand gehängte Collage. Große Kunst also – die aber auch auf jede Afterhour passt.

DIE VÖGELFratzengulasch | LABEL: Pampa Records | : 18.07.2011

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VIDEO: DIE VÖGEL – Fratzengulasch

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