Messthetics #108
South Coast DIY ’77-81
Text: Gregor Kessler
Eine Revolution braucht einen Slogan. Auch eine Konterrevolution. »It was easy, it was cheap, go and do it!«, grölten die Desperate Bicycles aus der Heckklappe ihrer ersten, selbstveröffentlichten Single. 1977 war das, und Punk war eigentlich schon wieder vorbei. Also hörten nur die Enttäuschten zu. Die, denen alles zu schnell zu groß geworden war. Leute wie Green Gartside. »Wir waren Anti-Rock, der Sound war zu stark, zu selbstsicher und zu derb«, erinnert sich der Scritti-Politti-Sänger heute. »Wir wollten Musik, die nicht so war, denn wir waren nicht stark, selbstsicher und derbe.« Auftritt Postpunk. Die eigentliche musikalische Revolution. Lange bekam die Zeit nach Punk in Großbritannien nicht den Hauch jener Aufmerksamkeit, die ihrem One-Two-Three-Vorläufer mit haufenweise Samplern und Büchern zuteil wurde. Das hatte verschiedene Gründe. Verwirrende stilistische Vielfalt etwa (Reggae-Elemente! Funk-Rhythmen!! Bläser!!!). Oder Obskurität (selbstgepresste 300er-Auflagen passieren selten die County-Grenze).
Dass Postpunk heute längst nicht mehr der weiße Fleck zwischen The Clash und The Cure ist, hat hauptsächlich einen Grund: MESSTHETICS. Eine Compilation-Serie wie ein Proseminar. Der Untertitel könnte lauten: Quantitative Sichtung und historische Kontextualisierung britischer Postpunk-Regionalszenen 1977-81. Teil 8, gerade erschienen, knöpft sich das Küstenstück zwischen Bournemouth und Brighton vor und verdichtet alle Kreuz- und Querverbindungen der 24 Bands, Hintergründe der winzigen Privatlabels und Anekdoten über legendäre Proberäume zu 26 eng beschriebenen und dabei doch üppig bebilderten Booklet-Seiten. Wer da mitmischt? Ein Heer der Vergessenen! Die Residents-Jünger Renaldo & The Loaf sind darunter noch die Bekanntesten. Auch die Crass-Freunde Poison Girls werden Ältere schon mal gehört haben. Den Rest aber hat Chuck Warner – der gute Messthetics-Geist – aus den hinteren Ecken seiner Plattensammlung gesiebt.
Bands wie Lillettes (benannt nach einer Tampon-Marke und mit Akkordeon und hüpfender Melodie schon nah am Kinderzimmer-C86-Pop) oder die gelehrigen Mark-E.-Smith-Schüler Joe Dash wurden ausfindig gemacht, interviewt und um Veröffentlichungsrecht gebeten. Damit ist Messthetics nicht nur legal – im Gegensatz zu vielen Killed-By-Death- und Bloodstains-Punk-Samplern. Die Reihe ist auch kuratorisch wertvoll. Regionalität ist bis heute stilprägend, umso mehr war das in Prä-Netz-Tagen der Fall. Da Geschlechtlichkeit – allen Gender-Besonderheiten des Punk zum Trotz – ein womöglich noch stärkeres verbindendes Element im Postpunk war, wundert es nicht, dass die nächste Messthetics-Folge sich unter dem Titel Prams mit Frauenbands befasst. Flüchtig Interessierte wird der umfassende Ansatz der Messthetics-Reihe überfordern. Londons Postpunk-Szene etwa wurde bislang auf drei Teilen bearbeitet, ein Ende der Serie ist nicht in Sicht. Da orientiert sich Chuck Warner ganz am Wahlspruch des Hamburger ZickZack-Labels: Lieber zu viel als zu wenig.
MESSTHETICS #108 - South Coast DIY ’77-81 | LABEL: Hyped 2 Death | VERTRIEB: Hyped 2 Death | VÖ: 13.06.2011

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