Boris

boris-heavy-rocks-cover    Man könnte meinen, seit die Daten in Lichtgeschwindigkeit um den Globus flitzen, wäre das globale Dorf auf denselben Takt synchronisiert. Stattdessen vermehren sich aber die Ungleichzeitigkeiten genauso wie die musikalischen Genres und die sie vermittelnden Kanäle. So sitzt man vor seinem Rechner und ärgert sich, dass einem das Trio BORIS bis jetzt entgangen ist. Dabei besteht der ganze Witz von Boris darin, sich mittels eines minimalen Rockinstrumentariums von Bass, Gitarre, Schlagzeug und Stimme eine ziemlich unwahrscheinliche Kombination unterschiedlicher Genres und Traditionen der letzten vierzig Jahre Popmusik einzuverleiben. Psychedelischer Rock und Heavy Metal treffen auf Punk, New Wave, Postrock und Techno. Can hören sich eben doch anders an, wenn man Basic Channel kennt.

    Boris sind Bassist Takeshi, Gitarristin Wata und Drummer Atsuo aus Japan, die dieser Tage gleich zwei Alben herausbringen und die mächtig vor sich hin brummen. Attention Please ist nach ihrer Welttour 2008 entstanden, wurde dann aber liegengelassen. Vor Kurzem nahm das Trio noch Heavy Rocks auf. Es trägt – um die Verwirrung weiter zu steigern – denselben Namen wie ein Album, das sie 2002 veröffentlicht haben. Von Europa aus besehen ist Boris ein merkwürdiger Bandname, vielleicht bedeutet er ja etwas auf Japanisch. Ihre Texte zumindest versteht man kaum, die meisten werden trotz englischer Titel auf Japanisch gesungen, und dort, wo möglicherweise Englisch gesungen wird, ist wenig zu dechiffrieren. So ist die auf Attention Please gern gehauchte Stimme für den unwissenden Eurozentristen auch nur eine weitere Soundquelle, was diese Musik paradoxerweise noch universeller macht.

boris-attention-please-cover    Attention Please wäre mit all seinen Ideen und Melodien ein exquisites Popalbum, wenn es auf ihm nicht so viel Krach gäbe. Es weist in die frühen Neunziger zurück, wo die Anfänge von Boris liegen. Damals machten House und Techno den Blick frei für neue Klangerzeugungspraktiken der Rockmusik und eine mit einem politischen Begriff von Befreiung und Exzess verbundene Idee von Krach. Heavy Rocks ist formal eher dem Rock-Genre nahe, was nicht heißt, dass nicht auch auf diesem Album der Wille zu erkennen ist, einerseits Metal mit dem nordamerikanischen Punk-Kanon von Flipper bis Pussy Galore und einstigen Neo-Rock von Dinosaur Jr. bis Urge Overkill miteinander zu verschmelzen und andererseits Stücke gern mal so lang auszudehnen, bis sie schamanistische Zwecke erfüllen könnten.

    Faszinierend ist, welche Formen des Rauschens dabei ineinanderbluten. Statisches aus dem Gitarrenverstärker kippt in Clicks, Cuts und andere digitale Schmutzeffekte um, der Hörer scheint sich gleichzeitig da und dort zu befinden: Mit dem einen Ohr am Gitarrenverstärker und dem anderen am Laptop. Diese Sounds bedeuten nicht nur etwas, sondern fühlen sich auch nach etwas an. Wenn beispielsweise auf Hope, dem zweiten Stück von Attention Please, das wehmütig wie Achtziger-Jahre-Postpunk vor sich hinschrammelt, plötzlich ein superschweres Metalriff dazwischengrätscht, dann ist das nicht nur ein Ausdruck des radikalen Gebrauchs popmusikalischer Zeichen, sondern auch das Aufeinanderprallen von ätherischem Noise und einem Sound, der so fett ist, dass man ihn anfassen möchte.

BORISHeavy Rocks | LABEL: Sargent House | VERTRIEB: Cargo | : 17.06.2011
BORISAttention Please |
LABEL: Sargent House | VERTRIEB: Cargo | : 17.06.2011

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VIDEO: BORIS – Hope / Riot Sugar

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BORIS live:
07.07. A-Wien – Arena ***
08.07. Leipzig – UT Connewitz ***
10.07. Berlin – Festsaal Kreuzberg ***
11.07. Hamburg – Hafenklang ***
16.07. Dortmund – FZW ***
19.07. Nurnberg – K4
20.07. A-Innsbruck – pmk

*** mit: Russian Circles, Saade