Atari Teenage Riot

Is this Hyperreal?

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atari-teenage-riot-is-this-hyperreal-cover    »Do you want it all?«, fragt die Band. Und beklagt »too much government control«. Sie droht: »Wir werden zum Bundestag marschieren«. Und fordert selbstredend eine »Revolution«. ATARI TEENAGE RIOT sind wieder da, gefühlte hundert Jahre nach dem letzten Longplayer, dem Live-Album von 2000. Inzwischen hat Hanin Elias die Band verlassen, Carl Crack ist vor zehn Jahren gestorben. Alec Empire und Nic Endo sind übriggeblieben, der neu hinzugekommene MC CX Kidtronik ergänzt die Band zum Trio.

    ATR waren immer eine Parolenband und sie waren dies Mitte der Neunziger auf erfrischende Weise. Gabba war zu stumpf, Techno zu brav, ATR aber hatten den Punkrock elektrifiziert. Damals hatten sie reichlich Bums, die Bassdrum trommelte zum Aufstand, die Gesten waren viel zu groß, die Band war laut und schön, es war eine einzige geile Anmaßung. Damals wurden ATR noch auf Demos verhaftet. Das wäre heute so nicht mehr der Fall, die Polizeiführung hat gelernt, sie vermeidet bestimmte Bilder. Auch sind wir alle ein paar Tage älter geworden und Vierzigjährige sind eben anders anmaßend – sie können nicht mehr mit jugendlichem Elan und gutem Aussehen punkten, sie sehen höchstens noch immer gut aus (oder nicht mehr) und wissen dafür anderes. Sie brauchen’s nicht mehr immer wieder auf die Zwölf, und für Hetzjagd auf Nazis fehlt ihnen die Puste. Ohnehin geht von der Bassdrum keine Bedrohung mehr für den Staat aus, der junge Polizist ravt heute selbst ganz gern. Zudem hat sich das Verhältnis der Teenager zur elektronischen Musik verändert, ebenso wie das zum Internet, das heute nicht mehr unbedingt ein Geheimnis bergen muss. Britney Spears lobt den »Big Fat Bass«, Pogo-­Electro schafft es ab und an in die Charts, Prodigy sind müde geworden und »Breakbeat« nennt sich mittlerweile die Musik von Opa.

    Is This Hyperreal?, fragt der ATR­ Albumtitel allzu laut. Ach Kinder, möchte man antworten, was ist schon »hyper hyper«? Es gibt keine Selbstironie bei ATR, kein Stück, kein lustiges »Raven gegen Deutschland«; nein, hier ist Revolution ernste Arbeit. Hinzu kommt in fast jedem Track die Wiederholung des eigenen Bandnamens, als Logobranding, als seien die Adbusters nie unterwegs gewesen. Das alles lässt einen diese Platte mit Wehmut hören, später mit Ablehnung, am Ende sogar nur noch gelangweilt. ATR spielen erwartbar mit Erwartungen, machen hier eine Kunstpause, zitieren da ein bisschen Trance, dann aber rollt und bollert es wieder wie auf dem Kindergeburtstag von einst. Nein, auf einer CD funktioniert das nicht. Auf einer Demo, bei Massenaufläufen könnte der ein oder andere Track noch für Unterhaltung sorgen. Oder spät nachts, wenn alle Musik grau ist und die Mittelchen wirken. Dann sind wir breit und bereit für hohle Phrasen und stumpfes Geballer. Und Scooter ist vielleicht gerade nicht zur Hand. In diesem Fall wäre dieses Album eine echte Alternative.

LABEL: Digital Hardcore | VERTRIEB: RTD | : 17.06.2011


DOWNLOAD: ATARI TEENAGE RIOT – Activate!


DOWNLOAD: ATARI TEENAGE RIOT – Blood In My Eyes

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