»Man muss es nur tun: den Mund aufmachen«

brockdorff-klang-laborBrockdorff Klang Labor, fotografiert von Enrico Grunert

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EINLEITUNG
Text – Ralf Krämer

    »Spex und ByteFM suchen neue Protestsongs«, so stand es in unserem letzten Heft. Unser Aufruf übersah bewusst, dass es auf die Frage nach dem Status Quo des Protestsongs durchaus auch einfache Antworten gibt, die uns Internetsuchmaschinen in Sekundenbruchteilen hätten liefern können. Wohlfeilerweise ist Protest überall. Schließlich lässt sich einerseits zur Not alles, was da ist, auch zum Protest gegen sein eigenes Gegenteil erklären. Andererseits formulieren international ausgerichtete Künstler, wie allein in diesem Heft etwa Barbara Panther oder Atari Teenage Riot immer wieder ihr Selbstverständnis als Widerständler. Doch unsere Suche verstand sich als Teil eines Diskurses, in dem konstatiert wurde, dass sich vor allem deutschsprachige Popmusik zurzeit eher bedenkenlos in traditionell kritisch gesehene Zusammenhänge, wie den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr, begibt und offenbar von der Formulierung einer Gegenposition Abstand genommen hat. Es ging um den Status Quo der »sogenannten Poplinken«, die in den neunziger Jahren noch »um die Positionierung einer Popmusik und -kritik im wiedervereinigten und sich nationalisierenden Deutschland« rang. Diese sei mit den Nullerjahren »sanft entschlafen« bzw. seither nur noch mit sich selbst beschäftigt, bilanzierte Hartwig Vens in Spex #332.

    Der Aufruf für unseren Wettbewerb startete am 8. April, der Einsendeschluss musste aus Grund der Heftproduktion bereits auf den 6. Mai gelegt werden. Wer sich angesprochen fühlte, hatte also maximal 28 Tage Zeit, aus bereits vorhandenen Stücken auszuwählen oder etwas Neues aufzunehmen. Reaktionen kamen quasi sofort als »Gefällt mir« via Facebook, oder zornig, in Form von protestierenden Leserbriefen. Kurz darauf folgten die ersten Songs, als MP3s oder CD-Rs, mal informell schlicht, mal als mühevolle Bastelarbeit inklusive Promomaterial. Bei uns kamen, rein statistisch, gut vier Songs pro Tag an – insgesamt 120.

    Das Jury-Verfahren war zweistufig: Die Spex-Redaktion traf eine Vorauswahl von zehn Songs, unter denen Christiane Rösinger, Stephan Rath, Klaus Walter und Andreas Spechtl dann ihre Favoriten bestimmten. Am Ende erwies sich Festung Europa von BROCKDORFF KLANG LABOR als der einzige Titel der Top 10, den alle Jury-Mitglieder als einen ihrer Favoriten benannten.

    »Das klingt nach 21. Jahrhundert und wäre ein schöner Beitrag für den Eurovision Song Contest. Da gibt es ja auch kleine Barrieren zwischen privilegierten kerneuropäischen Staaten, die per se qualifiziert sind, und den Randstaaten. Schön auch das Kraftwerk-Echo Europa endlos… gegen Ende des Songs«, so Klaus Walter. »Ein schön unzeitgemäßer Elektropopsong. Das europäische Projekt ist zum Scheitern verurteilt. Sehe ich genauso«, fügte Andreas Spechtl an. »Da müssen sich Humpe & Humpe wärmstens anziehen«, sagte Stephan Rath, auch wenn er einwendete, dass der Text gerne hätte »radikaler formuliert« werden können. »Gutes Thema, um das sich zu wenig Leute kümmern, guter Song, guter musikalischer Ansatz«, zog Christiane Rösinger ihr Fazit.

    Und auch, wenn das Projekt Protestsong an sich natürlich nicht nur einen Gewinner kennen kann, war somit ein Song gefunden, der breites musikalisches Anschlusspotential mit inhaltlicher Brisanz elegant zu verbinden versteht. Der Protestsong ist keineswegs abgemeldet. Er muss sich nur finden lassen.

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STREAM: BROCKDORFF KLANG LABOR – Festung Europa

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INTERVIEW: Brockdorff Klang Labor
Text – Anne Waak

   In eurem Song Festung Europa thematisiert ihr das Problem der in den Westen migrierenden nordafrikanischen Flüchtlinge. Wie kam es zu dem Stück?

NADJA VON BROCKDORFF    Anlass für Festung Europa war die deutsche Flüchtlingspolitik, die mich seit Jahren beschäftigt: Es herrscht die Befürchtung, etwas zu verlieren, und dagegen wird sich abgeschottet. Das Fremde soll ausgegrenzt werden. Kurz nach dem Umsturz in Tunesien kam diese widerliche Diskussion darüber auf, was mit den 30.000 Flüchtlingen auf Lampedusa geschehen soll. Da zeigte sich die Bigotterie der westlichen Welt, die Demokratiebewegungen beklatscht, mit den Folgen aber nichts zu tun haben will. Werte wie Zusammenhalt und Gemeinschaft spielen in der Diskussion bislang kaum eine Rolle. Das gab mir den Ausschlag, die textlichen Ansätze zu diesem Song, die schon länger existierten, zu Ende zu verfolgen.

    Ist Festung Europa euer erster Protestsong?

NVB    Es ist in dem Sinne der erste, als dass wir eine ganz klare Aussage treffen.

SERGEJ KLANG    Die Frage ist, wie man Protestsong definiert. Wie kann Pop heutzutage Stellung beziehen? Die beiden Hauptansätze Punkrock und Liedermacher scheinen ausgedient zu haben. Im klassischen Protestsong ging es ja zumeist um den Mann, der sich von allen gesellschaftlichen Zwängen befreit. Wenn alle anderen Werte schon nicht mehr gelten, scheint Freiheit als Ziel letztgültig zu sein. Das stellen wir in Frage.

NVB    Lange Zeit spielte Selbstreferenzialität eine große Rolle, und man blieb in dieser Selbstbezogenheit stecken. Es wurde die eigene Position verhandelt – ohne dabei aber jemals konkret zu werden. Es ging um die Selbstverwirklichung des Einzelnen, weniger aber um die Verbindungen zwischen diesen verschiedenen Einzelnen. Solidarität als grundlegender Wert geriet dadurch ins Hintertreffen. Vielleicht ist aber jetzt der Zeitpunkt gekommen, an dem sich die Leute wieder zusammenschließen. Das fänden wir fantastisch.

    »Mehr Raum ist hier / Bei mir in meinem Haus / Nicht vor der Tür«: Der Text von Festung Europa ist durchaus metaphernreich. Warum habt ihr keine deutlichere Sprache gewählt?

SK    Wir wollen nicht sloganhaft werden. Unser Versuch gilt immer einer poetischen Verdichtung, einer gewissen Vielschichtigkeit. Zu der kann man eben nicht mitgrölen oder die Fäuste recken. Unser Versuch gilt einer Musik, die konsumierbar ist und tanzbar und die trotzdem eine Botschaft transportiert. Das ist nicht immer leicht.

NVB    Auf einer rein musikalischen Ebene funktioniert eine Botschaft sicher nicht, aber dazu gibt es ja den Text. Wenn man sich traut, auf bestehende Traditionen, die Politisches in klarer Sprache verhandeln, zurückzugreifen – ich denke da zum Beispiel an Bertolt Brecht und Kurt Weill –, ist das gar nicht so schwer. Man muss es nur tun: den Mund aufmachen und Dinge aussprechen. Im Gegensatz zu unseren früheren Songs fällt es uns zunehmend leichter, Statements nicht mehr so stark zu verschlüsseln. Festung Europa ist trotzdem nicht laut oder anklagend, sondern hat etwas Verführerisches. Der Song bezieht Stellung, und zwar durch Bejahung. Wir machen ein Angebot, schlagen eine Lösung vor. Wir sagen: Hier ist Platz für alle.

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    Festung Europa erscheint auf dem kommenden Album Die Fälschung der Welt (Label: AMV Talpa) und ist auch auf der Spex-CD #97 enthalten.

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