Panda Bear

Tomboy

Text:

panda-bear-tomboy-cover    PANDA BEAR alias Noah Lennox forscht weiter an der Deutlichkeit von Unschärfe. Und sogar der Gender-Steilpass im Albumtitel Tomboy wird dabei zur Vorlage für das Schillern seiner Musik: So wie die Figur des Tomboys männliche Attribute in biologische Weiblichkeit integriert, weicht Lennox die Grenzen auf, die ein regelhaftes Lied vom verflüssigten Treiben des Tracks trennen. Das tun zwar viele andere auch, aber nicht viele auf so prickelnde Art wie Lennox, der mit dem Album Person Pitch darin vor vier Jahren seine Hauptband Animal Collective sogar noch übertraf. Bereits auf Person Pitch türmte Lennox seine Stimme zu den für ihn typischen und fortan oft zitierten Beach-Boys-Chören auf. Dazu konnte man eine höchst dynamische Samplerei genießen, die sogar klassisch gestimmte Geister anerkennend als facettenreich bezeichneten. Tomboy scheint nun auf den ersten Blick in eine Zeit vor Person Pitch zurückzurudern: Wir hören viele Gitarren und Synthies, mehr Akkorde und Beats, aber fast keine Samples mehr.

    Dieser Shift vom Sampling zum Songwriting und die Beschränkung auf Selbstgespieltes verstärkt aber nur noch den Wiedererkennungswert des Panda-Bear-Sounds. Die Gitarre wurde wohl clean eingespielt, bevor man sie mit Chorus- oder Flanger-Effekten verkleidet hat. Rhythmisch vollbringt der Animal-Collective-Schlagzeuger ungewöhnlichere Dinge: Er schunkelt in Sechser- und Dreier-Metren, dann ruckelt er in Polka-ähnlichen Pulsen, manchmal marschiert er sogar ein bisschen. Dennoch sind vieler seiner Arrangements nicht gerade variantenreich, dichte Texturen prägen weite Strecken der Stücke, was sie in Richtung Track kippen lässt.

    Seit letztem Sommer hat Panda Bear einen Großteil des Album-Materials bereits auf insgesamt vier Singles veröffentlicht. Auf Tomboy sind sie von sehr viel mehr Hall umgeben, und in dieser Differenz liegt das Problem dieser famosen Verwirrmusik. Die Singles wurden von Lennox selbst gemischt, das Album ging aber durch die Hände des Engländers Peter Kember alias Sonic Boom, der mit Spacemen 3 bekannt wurde und große Räume mehr liebt als alles andere. So hat er Panda Bears bereits ordentlich verhallte Gesangsspuren in noch weitere Schleifen geschickt, und auch die Drums wurden abermals in den Echotopf getunkt. Manchmal glückt das, wie am Anfang von Slow Motion: Das Schlagzeug steht nun klarer im Raum verteilt und wir hören einen schockartigen federnden Hall, wie ihn alte Gitarrenverstärker von sich geben, wenn man sie anrempelt. Das gilt auch für das Titelstück Tomboy, dessen Anfang Dub wieder mit Punk zusammenbringt und dessen stumpfer Schluss Freude an der Wiederholung verbreitet. So gibt Sonic Booms Mixing dem Album streckenweise einen schönen Dub-Feel, der die Klangdichte auflockert. Gar nicht gut bekommt dieser Eingriff aber dem Gesang. Man versteht ihn  noch weniger als auf den Singles und die Stimme verliert in den endlosen Hallräumen ihre Besonderheit. Am Ende träumt man von einer identischen Platte, bei der Rick Rubin den Gesang produziert hätte: tabaktrocken.

LABEL: Paw Tracks | VERTRIEB: Indigo | :11.04.11


STREAM: PANDA BEAR – Tomboy

ANIMAL COLLECTIVE live:
19.05. Köln – E-Werk (Electronic Beats Festival, mit: Planningtorock, Nouvelle Vague, Holy Ghost!, Ada)
20.05. Berlin – Astra
21.05. Leipzig – UT Connewitz (Pop Up, mit: Teengirl Fantasy, Snailhouse)

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