Tiere, Gemüse und Rap

dennis-feser-vertical-distraction-kurzfilmtage-oberhausenVideo-Standbild: Dennis FeserVertical Distraction

    2012 werden die KURZFILMTAGE OBERHAUSEN sich ihrer historischen Sternstunde erinnern und den 50. Jahrestag des Oberhausener Manifests feiern. »Papas Kino ist tot« freuten sich damals die 26 unterzeichnenden Filmemacher unter Federführung von Alexander Kluge über den »Zusammenbruch des deutschen konventionellen Films«. In ihrer Forderung nach einem »neuen lebendigen Film« konstituierten sie zugleich das Dilemma des Kurzfilms: Er ist permanent von seiner eigenen Irrelevanz bedroht, weil er vor allem als »Schule und Experimentierfeld des Spielfilms« gilt. Das hat sich bis heute nicht wirklich geändert und so ist es nur konsequent, wenn ein Festival, wie die letzten Dienstag zu Ende gegangenen 57. Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen die Nähe kinoferner Disziplinen sucht: in meistens wissenschaftlichen Tierfilmen (Programmsparte: Shooting Animals) oder in der Bildenden Kunst (besonders hübsch: die vor laufender Kamera entstehende Noise-Paketband-und-Gemüse-Skulptur Vertical Distraction von Dennis Feser). Der Tierfilm Calling Man Ray (USA 1974, von William Wegman) schien sich auf dem ersten Blick gar im Spagat zwischen beiden Disziplinen zu üben, stellte sich auf dem zweiten Blick jedoch als einminütige Untersuchung der Distinktionsvermögens eines Weimeraners heraus, der lediglich den Namen des legendären Dadaisten trug.

    Tatsächlichen interdisziplinären Geist brachte hingegen einem weiteren Einminüter, der One Minute Soundsculpture, den MuVi Award für das beste deutsche Musikvideo. »Wer diesen Film einmal gesehen hat, wird den Track nie wieder hören können, ohne die Videobilder vor dem inneren Auge zu sehen« befand die Jury, zu der auch Spex-Autor Jens Balzer gehörte. Die von Regisseur Daniel Franke choreographierte 3D-Animmation zum minimalistischen Instrumental des japanischen Soundfricklers Ryoji Ikeda triumphierte über die klassischen Clips für Die Sterne oder Hans Unstern – ein klares Bekenntnis zur digitalen Avantgarde. Wie zum Ausgleich ging der Publikumspreis in dieser Kategorie an Sebastian Huber, Robert Pohle und Johannes Timpernagel (alias schnellebuntebilder) für den konservativsten Beitrag, die animierte Bagatelle I des Berliner Bläserensembles sonic.art.

    Selbstreflexivität durchzog das klassische Kurzfilmprogramm. Die grenzenlosen Möglichkeiten der digitalen Bearbeitung brachte die junge Regisseurin Juliane Henrich darauf, die eigentlich antiquierte Lochkameratechnik unter anderem für Interviews auf den Straßen Jerusalems zu nutzen: ein anti-modernes Statement, das allerdings Schwierigkeiten hatte, allein aus sich heraus zu bestehen. In der Anmoderation ihres Films Anything But My Pictures positionierte sich Heinrich selbst gegen den zuvor gezeigten Beitrag (»Ich weiß nicht, welche Filter die da benutzt haben, aber er ist auf jeden Fall im Nachhinein bearbeitet worden«), um dann ein bisschen trotzig darauf zu verweisen, ihr Film sehe so aus, wie er ist (verschwommen an den Rändern, wie durch Pergamentpapier) »weil ich ihn genauso gedreht habe«, eben mit einer Lochkamera. Über diese Art von Ästhetik-Fixierung geht der Authentizität-Diskurs hinaus, den ganz nebenbei ein kleiner Dokumentarfilm von Jakob Schmidt provozierte. In 517 Füwatown porträtiert der Student der HFF Potsdam ein paar kaum erwachsener Rapper aus dem brandenburgischen Fürstenwalde, die sich vom Yoko Ono-Syndrom bedroht fühlen. Die schwangere Freundin eines Mitglieds droht ihre Crew zu sprengen, allerdings nicht, weil sie den zukünftigen Vater ihres Kindes zu einer emanzipierteren Geisteshaltung verführen würde. Sie will den jungen MC ganz für sich, ihn an die spießbürgerliche Kette legen, erweist sich dabei als autoritäre Prachtzicke. Das seltsam daran ist, dass diese junge Frau sich in ihrer Rolle vor der Kamera nicht nur zu gefallen scheint, sondern das Medium immer wieder ganz selbstverständlich in ihr Machtspiel einbezieht (»Du willst mich doch jetzt nur provozieren, weil die mit der Kamera hier sind«). Plötzlich ist die kleine Doku nicht mehr von einem der üblichen Reality-TV-Formate zu unterscheiden und man beginnt zu ahnen, dass es für eine jungen Filmemacher-Generation niemals so schwer war wie heute, eine eigene Filmsprache zu entwickeln, sich durchzusetzen gegen einen filmdurchsetzten Alltag, der von Kindesbeinen an durch die Omnipräsenz von (Handy- und Web-)Kameras und den seriellen Exhibitionismus selbstinszenierungstoller Laien-Darsteller im Reality-TV geprägt wird.

    Einen Überblick über alle Preisträger des 57. Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen gibt es auf der Festival-Webseite. Ausgewählte Beiträge aus der Geschichte der Kurzfilmtage können dort auch in der Online-Videothek bestellt werden.

VIDEO: RYOJI IKEDA – One Minute Soundsculpture (Gewinner-Beitrag des MuVi-Wettbewerbs, Regie: Daniel Franke)

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