Im Spiegelkabinett der weiblichen Psyche
»Black Swan« von Darren Aronofsky
Text: Barbara SchweizerhofDie Instrumentalisierung der eigenen Physis, die Sucht, auf der Bühne zu stehen und ein wahrlich mephistophelisches Angebot: In Darren Aronofskys neuem Psychotriller »Black Swan« glänzt Natalie Portman als von tiefer Unsicherheit geprägte Ballettänzerin, die sich alles abverlangt, um endlich groß herauszukommen.

Still: © 20th Century Fox
Zuerst verbreitete sich die Nachricht als Gerücht, das meist mit ungläubigem Lachen quittiert wurde. Darren Aronofsky, so hieß es im Vorfeld der Premiere seines neuen Films »Black Swan« auf dem Filmfestival in Venedig, habe eine Art Fortsetzung von »The Wrestler« (2008) gedreht. Allein der imaginäre Schulterschluss zwischen den Hauptdarstellern beider Filme, dem Grobian Mickey Rourke und der zarten Elfe Natalie Portman, ließ das neueste Werk des New Yorker Regisseurs im spannungsgeladenen Licht der Unberechenbarkeit erscheinen. Zumal die Regiekarriere von Aronofsky mit nur vier Filmen bereits Höhen und Tiefen kennt: mit »Pi« stieg 1998 sein Stern am Independent-Himmel auf, nur zwei Jahre darauf wurde Aronofsky mit »Requiem for a Dream« gar schon als Nachfolger von Buñuel oder Lynch gehandelt. 2006 landete er jedoch mit dem fantastischen Philosophie-Trip »The Fountain« einen grandiosen Flop, und man wähnte ihn für Jahre im Film-Aus. Doch dann gelang Aronofsky mit »The Wrestler« – ausgezeichnet mit dem Goldenen Löwen und zwei Oscarnominierungen – eine unerwartet frühe Rehabilitierung, die nur vom Comeback Mickey Rourkes noch in den Schatten gestellt wurde.
Im Anschluss an die Premiere von »Black Swan« bestätigte Aronofsky das Gerücht um die Verbindung zu »The Wrestler« insofern, dass er sich beide Arbeiten im Grunde als einen Film vorgestellt habe, eben weil Tänzer und Wrestler auf ähnlich schonungslose Art und Weise mit ihren Körpern umgingen. Der alte Wrestler, der vom Wrestling nicht lassen kann, obwohl sein Körper nicht mehr mitmacht, und die junge Tänzerin, die sich alles abverlangt, um endlich groß herauszukommen – sie markieren den Anfang und das Ende einer Körperkarriere. Beide vereint die rücksichtslose Instrumentalisierung der eigenen Physis, die Sucht, auf der Bühne zu stehen, und die soziale Isolation, die mit dieser Obsession für die Performance einhergeht. Der Körper als thematischer Überbau ist dabei noch leicht zu erfassen, hingegen ihr wahres Faszinationspotential erreichen beide Filme erst, wenn man sie in ihrer Verschiedenheit zusammendenkt. So entfaltet gerade »The Wrestler« für jene, die beide Filme gesehen haben, seine ganze Wirkung im Kontrast zu »Black Swan«. Während Aronofsky die inhärenten Zwänge muskelgepolsterter Männlichkeit mit dem Einsatz von Handkamera und in grobkörnigen Bildern einfängt, und dem authentisch-unglamourösen Setting von »The Wrestler« den Anschein einer Milieustudie mit dokumentarischen Zügen verleiht, inszeniert er die spezifisch weiblichen Zirkelschlüsse von »Black Swan« als Hochglanzthriller voller kreisender Kamerafahrten, raffinierter Schnittfolgen, Reflexionen in geborstenem Glas und tiefroten, sich langsam ausbreitenden Blutlachen.
VIDEO: »Black Swan« (Trailer)
Natalie Portman verkörpert die brave Balletttänzerin Nina, die bei einer New Yorker Compagnie engagiert ist und mit ihrer Mutter Erica (Barbara Hershey) zusammenwohnt; eine Beziehung, die im Lauf des Films mehr und mehr an die sadomasochistische Mutter-Tochter-Bindung aus Michael Hanekes »Die Klavierspielerin« erinnert. Nina ist fleißig, ehrgeizig und bereit sich zu quälen. Zum Frühstück gibt es ein pochiertes Ei und eine halbe Grapefruit. Danach sieht man sie nie mehr etwas essen. An ihrer lauernd-ängstlichen Haltung, vor allem in Anwesenheit anderer Tänzerinnen, erkennt man die von tiefer Unsicherheit geprägte Musterschülerin, die Anerkennung herbeisehnt und gleichzeitig glaubt, sie nicht verdient zu haben. Da passiert das Unerwartete: Primaballerina Beth (Winona Rider) fällt in Ungnade; Chefchoreograf Thomas (Vincent Cassel) trägt Nina die Hauptrolle in seiner Neuinszenierung des Tschaikowski-Klassikers »Schwanensee« an. Es ist ein wahrlich mephistophelisches Angebot, das buchstäblich mit Pferdefuß einhergeht, denn auf die Auszeichnung folgt prompt die Demütigung. Er habe keine Zweifel, raunt Thomas seinem zukünftigen Star in einer Privataudienz zu, dass Nina den einen Teil der Doppelrolle, den ›weißen Schwan‹, perfekt verkörpern könne. Im Bezug auf den anderen Teil, den ›schwarzen Schwan‹ aber habe er Bedenken. Ihr fehle es an Abgründigkeit, Verführungskraft, an Sex und Spontaneität.
Mit beklemmender Konsequenz zeigt der Film die Zwickmühle, in die Nina immer tiefer hineingerät: Wie man mit endlosem Fleiß, Disziplin und Selbstkasteiung Perfektion anstrebt, hat sie bestens verinnerlicht. Nun aber fordert man ihr nicht nur Selbstbeherrschung ab, sondern gleichzeitig auch das Gegenteil; das ›Über-Ich‹ soll sich mit dem ›Es‹ einlassen. Mit geradezu unerwünschter Deutlichkeit setzt Aronofsky wiederholt die unappetitlichen Folgen von zunehmender Anspannung und Paranoia in Szene: blutig genagte Nagelränder, missgebildete Zehennägel, krustig gekratzte Hautausschläge. An diesem Zustand setzt der Regisseur mit dem Thriller-Instrumentarium an; in Ninas zunehmend verengtem Tunnelblick zeichnen sich ihre Haltlosigkeit und ein fortschreitender Wirklichkeitsverlust ab. Und auch der Zuschauer verliert sich im Wirrwarr der Korridore und den Hallen des Opernhauses, Platzangst kommt auf in der Garderobe und zu den peitschenden Klängen Tschaikowskis steigert sich die subjektive Perspektive in der Enge der mütterlichen Wohnung bis zum bedrohlichen Bedrängnis. Die Anwesenheit einer fremden Person ist zu spüren, auch wenn sie nicht zu sehen ist.

Still: © 20th Century Fox
»Black Swan« erzählt die ewige Geschichte von der unerbittlichen Konkurrenz unter Frauen als Kampf um die Hauptrolle, der mit den ›typischen‹ weiblichen Mitteln von Intrige und Gift geführt wird. Dieser Handlungsfaden wirft aber nur den Köder aus, an dem sich der Zuschauer festbeißt, um in ein Hitchcock-artiges Spiegelkabinett der weiblichen Psyche gezogen zu werden. Darin verkörpert ein Quartett von Frauenfiguren die verschiedenen Aspekte ein und derselben gequälten Seele: Die brave, autoritätshörige Nina, ihre Widersacherin, die ›böse‹, laszive Tänzerin Lilly, sowie zwei Zukunftsvarianten: die mit Fürsorglichkeit und Schuldzuweisungen erdrückende Mutter Erica und die verbitterte Primaballerina Beth, die erleidet, was Nina am meisten fürchtet: das Scheitern. Und dann taucht noch dieses geheimnisvolle Mädchen auf, das Nina zum Verwechseln ähnlich sieht. Aronofsky hält gehörig Abstand zu Kategorisierungen á la ›Ballettfilm‹ oder ›Frauendrama‹, und konzentriert sich auf die neurotischen Auswüchse der Sucht. Je mehr sich Nina in die Rolle des schwarzen Schwans hineinsteigert und scheinbar ihren Handlungsspielraum erweitert, desto mehr verengt sich ihr Horizont, werden ihr die eigenen Gedanken zum Gefängnis. Letztlich ist es diese Beschäftigung mit Obsession (mehr noch als das Thema des Umgangs mit dem Körper), die »Black Swan« wie eine Fortsetzung zu »The Wrestler« erscheinen lässt. Wo »The Wrestler« von der fragilen Nüchternheit des Entzugsversuchs gekennzeichnet ist, lässt »Black Swan« den Dämon des Rauschs auferstehen.
Seine Sensibilität für den Zustand der Besessenheit stellt Aronofsky nun schon zum wiederholten Mal unter Beweis. In seiner 60.000 Dollar Produktion »Pi« setzte er den Formel-Wahn seiner Hautfigur noch mit nerdiger Stylishness in Szene, aber bereits bei »Requiem for a Dream« sezierte er den Teufelskreis der Sucht mit selten gesehener Konsequenz. Mit wiederholt rhythmisch montierten Schnittfrequenzen, die man heute als typische »CSI«-Beweisführung aus Fernsehserien kennt, versinnbildlichte er den ›Fix‹: Zuerst die Droge, das Gras, das Kokain, die Pillen, dann der Konsum, die Spritze, die Vene, das Röhrchen, und dann das Close-up – die sich weitenden Pupillen. Irgendwann findet sich unter den ›Suchtstoffen‹ auch eine Espressomaschine – nicht allein die Droge macht die Sucht, sondern auch der Süchtige. Sucht und Obsession sind mehr als ein Leiden, das zu heilen wäre, sie sind eine Haltung zur Welt und gegen die Welt.
Aronofskys ungewöhnliche Sensibilität innerhalb des von ihm offengelegten Terrain zeigt sich nicht nur in der präzisen Inszenierung von Seelenqualen, sie überträgt sich auch auf die Darstellungsschärfe der Schauspieler, die für ihn vor die Kamera treten. Jared Leto, Jennifer Connelly und Ellen Burstyn (die eine Oscarnominierung erhielt) wurden selten mehr gelobt als für ihren Auftritt in »Requiem for a Dream«. Auch Hugh Jackman und Rachel Weisz hat man kaum je intensiver spielen sehen als in »The Fountain«. Mickey Rourke erlebte mit »The Wrestler« nichts weniger als seine Wiederauferstehung. Und Natalie Portman, die, kaum zu glauben aber wahr, sämtliche Szenen in »Black Swan« selbst tanzt, glüht und schillert als Nina auf eine Weise, die man der einstigen »Star Wars«-Königin Padmé nie und nimmer zugetraut hätte.
»Black Swan« läuft am 20. Januar 2011 in den Kinos an (USA 2010, Regie: Darren Aronofsky, mit Natalie Portman, Winona Rider, Vincent Cassel, Barbara Hershey u. a., 108 Minuten, 20th Century Fox).

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