»Das sprengte alles, was wir kannten«

Gottesdienste für Nicolas Jaar, Wärmebilder für Jeff Mills, Stummfilme für Shed und Polarexpeditionen für Sandwell District. Statt wie viele andere Musikfans auf YouTube nur einen Track samt Plattencover hochzuladen, produzieren die Filmemacher Kevin Paschold und Sebastian Kökow als the29nov Films lieber gleich ganze Musikvideos aus Archivmaterial. Sie bedienen sich bei amerikanischen Werbespots aus den sechziger Jahren, bei Lehrvideos aus den Fünfzigern, Dokumentationen aus den Vierzigern und Spielfilmen aus den Dreißigern. Über ihr YouTube-Profil veröffentlichen die beiden musikbegeisterten Künstler monatlich zahlreiche Clips, mit denen sie den jeweiligen Tracks einen eigenen Stempel aufdrücken. In den letzten vier Jahren ist ein riesiges Archiv an faszinierenden Musikvideos für Tracks entstanden, die andernfalls – wie in der elektronischen Tanzmusik üblich – ohne Bebilderung geblieben wären. Im Interview erläutert Paschold, wie sie zum Filmemachen kamen – und wie Labels und Künstler auf die unaufgefordert produzierten Clips reagieren.

 

Wer sind the29nov Films? Was ist euer beruflicher bzw. künstlerischer Hintergrund?
    Kevin Paschold: Die the29nov Films sind Sebastian Kökow und meine Wenigkeit, Kevin Paschold. Wir haben das Projekt gemeinsam 2006 gestartet. Zuerst nur, um gemeinsam Musik zu machen. Der Grund dafür war der geistige Stillstand in der Provinz, aus der wir stammen. Die Tatsache, dass so gut wie keiner über seinen Tellerrand blickt und immer nur das frisst, was man ihm vorsetzt. Mit diesem Umstand konnten wir nicht leben und so stellten wir uns gegen die Ignoranz der Anderen. Wir machten was wir wollten, ohne irgendwelchen Regeln zu folgen. Warum auch?! Ist ja schließlich Kunst. Im Sommer 2007 begannen wir, unsere ersten Videos zu schneiden – mit der gleichen Einstellung.

Wie entstand die Idee für eure Form des Archivmaterial-Musikvideos für explizit elektronische Musik?
    Paschold: Mitte der nuller Jahre befand ich mich musikalisch im ziemlichen Nirgendwo. Mir kam es so vor, als wenn alle neuen Bands nur Sachen spielten, die es schon gab – oder sie versuchten gleich, wie Joy Division zu klingen. Für elektronische Musik interessierte ich mich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, da sie mir nur wie ein Relikt der Neunziger vorkam. 2005 lernte ich Sebastian kennen und damit kam der Techno langsam auch zu mir. In Sebastians damaligen Studio stieg ich mehr in die Materie ein. Er kannte sich sehr gut aus, da er schon seit Mitte der neunziger Jahre Platten auflegte.

    Ideen für Musikvideos hatte ich schon eine ganze Weile, habe aber nie daran gedacht, das in irgendeiner Art und Weise umzusetzen. Während meiner Ausbildung zum Glasmacher fing ich schließlich an, ein Drehbuch zu meinen späteren Film »Fuck, the World is Love« zu arbeiten. 2007 kauften wir uns gebrauchte Macs. Ich für meinen Film und Sebastian wofür auch immer. Zu dieser Zeit sahen wir auch die Two-Step-Sendung von Alec Empire vs. Philip Virus auf DVD. Das sprengte alles, was wir musikvideotechnisch kannten.


VIDEO: Untold – Dreams of the Future (R&S)

Warum gerade elektronische Musik?
    Paschold: In elektronische Musik kann jeder hinein interpretieren, was er will. Und genau das tun wir. Wir geben dem Betrachter unsere Interpretation eines Stückes.

Habt ihr bereits als Videofilmer bzw. Regisseure gearbeitet? Ist the29nov Films letztlich als Hobby oder Ergänzung zu eurer ›richtigen‹ Arbeit zu verstehen?
    Paschold: Das haben wir, aber alle Sachen nur in Eigenregie. Das, was wir machen, haben wir uns neben unseren normalen Jobs alles selbst beigebracht. Dabei entstanden seit 2007 über 500 Videos, ein Spielfilm (»Fuck, the World is Love«) und die Dokumentation »Incredible India«.

Wie wählt ihr die Stücke aus, für die ihr ein Video gestaltet? Und was ist die Herangehensweise für die Auswahl des Filmmaterials?
    Paschold: Wenn uns ein Track gefällt, wird dazu ein Video gemacht – ganz einfach. Es kann auch passieren, dass ein Künstler oder Label direkt anfragt ob wir etwas machen wollen. Meistens entsteht die Idee schon beim ersten Hören eines Stückes. Manchmal gibt uns auch der Titel die Inspiration.

Wie passen Techno-, House- oder Dubstep-Tracks mit dem von euch gewählten Material zusammen? Gibt es einen Subtext? Transportiert der Track die Bilder oder sollen die Filme bestimmte Elemente der Tracks illustrieren?
    Paschold: Wie gesagt: Jeder kann für diese Art von Musik seine eigene Interpretation finden, wir liefern nur Beispiele. Das liegt im Auge des Betrachters. Man muss schon manchmal zwischen den Zeilen lesen können.


VIDEO: DJ Koze – Mi Cyaan believe It (Pampa)

Arbeitet ihr mit Label- bzw. Künstlerfreigaben? Oder vertraut ihr auf das Wohlwollen der Rechteinhaber?
    Paschold: Es gab bereits Freigaben von Labels und Künstlern wie CLR, Skylax (Therre Thaemlitz aka Dj Sprinkles, Hardrock Striker), David Moufang (Move D), Upon.You, Bine Music und Lars Leonhard. Außerdem gibt es auch Zusammenarbeiten mit diversen Netlabels (Deepindub, wavelike, Auflegware). Aber oft hoffen wir auch einfach nur auf das Wohlwollen der Rechteinhaber. Mittlerweile wissen wir genau, für wen wir keine Videos mehr machen.

Kürzlich wurde euer früherer YouTube-Kanal gesperrt bzw. eine Vielzahl an Videos gelöscht. Gab es Probleme?
    Paschold: Im Fall unserer ersten Kanalsperrung war es so, dass der Künstler die Videos gar nicht gesehen hatte. Das Label Hotflush hatte was gegen unsere Uploads. Wir bekamen zwei Abmahnungen und eine E-Mail. In der stand, das Tracks von Hotflush nur auf dem hauseigenen Hotflush-YouTube-Kanal hochgeladen werden. Im Großen und Ganzen bleibt es ein Glücksspiel. Es gibt genug User, die die Musik hochladen und ein Dritter, der im Auftrag eines Labels arbeitet, nicht unbedingt checkt, ob nun ein Video hinter dem Upload auf YouTube steckt. Es ist zwar immer wieder schade, wenn wir deswegen Abmahnungen bekommen oder Videos gesperrt werden. Aber es ist das gute Recht der Besitzer. Außerdem wollen wir keine Raubkopierer sein oder diese unterstützen.

Gibt es Reaktionen von Künstlern oder Labels auf eure Arbeit? Und wie fallen diese aus?
    Paschold: Überwiegend bekommen wir gutes Feedback für unsere Arbeiten – von Fans wie Künstlern. Wenn es einem mal nicht passt, endet das meistens mit einer Abmahnung bei YouTube. Aber davon lassen wir uns nicht kleinkriegen!

Welche Tracks stehen für zukünftige Videos auf eurer Liste? Gibt es Künstler, für die ihr ein richtiges, ›offizielles‹ Video gestalten möchtet?
    Paschold: Wir werden sehen, was uns musikalisch noch so über den Weg läuft. Eine offizielle Veröffentlichung wäre super. Eventuell fur Ostgut Ton, da wir das Label und die Musik sehr mögen. Aber im Vordergrund steht in der nächsten Zeit erst einmal unsere Weiterentwicklung im Software- wie im Hardware-Bereich. Kein Stillstand!


VIDEO: Barker & Baumecker – Drin (Ostgut Ton)

 

Der YouTube-Kanal mit allen derzeit verfügbaren Musikvideos von the29nov Films findet sich hier bzw. hier, weitere Videos finden sich bei DailyMotion.

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